Am westlichen und östlichen Ende des Westenhellwegs liegen die ältesten Geschäfte der Einkaufsstraße: ein Bettengeschäft mit jüdischen Wurzeln und ein Juwelier, der mal ein Blumenladen war.

Dortmund

, 29.01.2019, 18:32 Uhr / Lesedauer: 8 min

Auch wenn es heute vor allem die großen Modeketten sind, die sich auf dem Westenhellweg niedergelassen haben, gibt es doch noch immer einige alteingesessene Geschäfte auf der beliebtesten Einkaufsmeile der Stadt. Dazu zählen zum Beispiel die Juweliere Rüschenbeck und Tewes, das Weinhaus Hilgering und auch Lensing Media, dessen Ursprünge in der 1870 gegründeten Buchhandlung Lensing liegen, die heute nicht mehr existiert.

Zwei Geschäfte haben aber eine besonders lange, durchgängige Tradition am Westenhellweg. Das eine, am östlichen Ende der Einkaufsmeile, ist der Juwelier Freund & Bauer. In 115 Jahren Firmengeschichte hat sich das Geschäft inhaltlich immer wieder neu erfunden, eines aber hat sich nie geändert. Die Adresse am Westenhellweg Nummer 8.

Das andere, das noch ältere, liegt am westlichen Ende der Straße im Haus 107-109. Das Bettengeschäft Hutt wird in diesem Jahr 150 Jahre alt. Bis in die 1930er-Jahre hieß das Unternehmen allerdings nicht Hutt, sondern Baum.

Beide Geschäfte haben ihre ganz eigene, spannende Geschichte – geprägt vom Zweiten Weltkrieg und der Zeit des Wiederaufbaus. Und bei beiden ist offen, wie lange es sie noch geben wird.

Wie die Betten an den Westenhellweg kamen

Heiko Hutt, 71 Jahre alt, betreibt das Bettengeschäft Hutt in dritter Generation. Zumindest für die Familie Hutt. Denn ins Leben gerufen wurde die Firma von einer anderen Familie – noch viele Jahre zuvor.

Die Geschichte von Betten Hutt beginnt 1869. Der Kaufmann Jakob Baum gründete damals ein Bettengeschäft mit Matratzenpolsterei und Bettfedernfabrik im Haus mit der Nummer 107-109. Jakob Baum war Jude. Und jüdische Kaufmannsfamilien, erzählt Heiko Hutt, spielten damals eine bedeutende Rolle beim Handel mit Rohfedern in Europa.

Ein Bettengeschäft und ein Juwelier sind die ältesten Geschäfte am Westenhellweg

Bis 1934 führte die jüdische Familie Baum das Bettengeschäft am Westenhellweg. © Repro Tilman Abegg

Über den Geschäftsräumen wohnte die Familie Baum – so wie es auch heute die Familie Hutt noch tut. Im 20. Jahrhundert übernahm Louis Baum das Geschäft von seinem Vater. Doch dann kamen die 1930er-Jahre. Der politische Wandel, Hitlers Machtübernahme. Louis Baum erkannte, dass in Deutschland schwere Zeiten auf ihn und seine Familie zukommen würden – und plante die Flucht aus Deutschland.

Und da kam Dr. Waldemar Hutt, der Großvater von Heiko Hutt, ins Spiel. Die beiden Männer kannten sich, kamen ins Gespräch und verabredeten, dass Waldemar Hutt das Geschäft einschließlich der Mitarbeiter übernehmen und im Sinne der Familie Baum fortführen würde.

Die Familie Baum floh in die USA – und blieb dort

Louis Baum, seine Frau und seine drei Kinder verließen Deutschland am 5. Juni 1934. Mit dem Schnelldampfer Bremen von der Reederei Norddeutscher Lloyd siedelten sie in die USA über, zogen zu Verwandten nach Kansas City, bauten eine neue Existenz auf und kehrten nie wieder dauerhaft nach Deutschland zurück.

Ein Bettengeschäft und ein Juwelier sind die ältesten Geschäfte am Westenhellweg

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag das Haus von Betten Hutt fast komplett in Trümmern. © Repro Tilman Abegg

In Dortmund wurde aus dem Bettengeschäft Baum das Bettengeschäft Hutt. Doch auch für die Familie Hutt wurde es keine leichte Zeit am Westenhellweg. Im Mai 1943 wurde das Haus des Unternehmens in einer Bombennacht komplett zerstört. Fünf Jahre später, im Herbst 1948, begann Waldemar Hutt gemeinsam mit seinem Sohn Hans mit dem Wiederaufbau des Wohn- und Geschäftshauses – genau an der Stelle, an der es zuvor gestanden hatte.

Insgesamt 13 Jahre sollte der Wiederaufbau dauern. Lange hatte das Geschäft nur eine Etage, 1953 kam eine zweite drauf, bis 1961 waren es insgesamt fünf Etagen. In jenem Jahr wurde auch die rot leuchtende Außenwerbung am Haus installiert, die noch heute von Weitem auf das Bettengeschäft Hutt mit einem kleinen, verschnörkelten „h“ hinweist.

Ein Bettengeschäft und ein Juwelier sind die ältesten Geschäfte am Westenhellweg

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste das Haus neu aufgebaut werden. Zunächst bekam es nur ein Stockwerk und sah dann 1952 so aus. © Betten Hutt / Repro Tilman Abegg

Anders als das damals bei anderen jüdischen Unternehmen gelaufen sei, die „arisiert“ und damit de facto enteignet wurden, sei bei dem Verkauf des Bettengeschäfts an Waldemar Hutt alles mit rechten Dingen zugegangen, sagt Heiko Hutt. Diese Information liegt ihm sehr am Herzen. Nach dem Krieg sei seiner Familie auch offiziell bescheinigt worden, dass der Firmenverkauf ordnungsgemäß gelaufen ist. Und weil die Familie Hutt das Vermächtnis der Familie Baum in deren Sinne fortgeführt hat, dürfen die Hutts auch das Gründungsjahr 1869 offiziell führen.

Ein Bettengeschäft und ein Juwelier sind die ältesten Geschäfte am Westenhellweg

1953 wuchs das Haus dann um ein Stockwerk. Betten Hutt bewarb sich selbst als „Das Haus der guten Betten“. © Betten Hutt / Repro Tilman Abegg

Der Umgang der Familie Baum mit ihrem Schicksal war ohnehin erstaunlich. Wilhelm Baum, der ältere Sohn von Louis Baum, hielt noch bis zu seinem Tod vor etwas mehr als zehn Jahren Kontakt zur Familie Hutt. „Das Verhältnis war sehr freundschaftlich“, sagt Heiko Hutt.

Während des Zweiten Weltkriegs war Wilhelm Baum Fotograf bei der amerikanischen Luftwaffe. Dabei traf er auch berühmte Hollywood-Schauspieler wie Gray Cooper. Später lebte er viele Jahre in Japan und reiste um die ganze Welt im „Dienste seines Glaubens“, erzählt Heiko Hutt. Auf diesen Reisen sei er auch immer mal wieder in seine alte Heimat, nach Dortmund, zurückgekehrt. Dort habe er eine kleine Gemeinde besucht. Und ab und an habe er auch unangekündigt vor dem Haus am Westenhellweg gestanden, das einst sein Zuhause war. „Das waren immer sehr bewegende Stunden“, sagt Heiko Hutt. Zuletzt habe er Wilhelm Baum 2002 gesehen, ein paar Jahre später starb er. Kontakt zu seinen Nachfahren haben die Hutts nicht mehr.

Dortmund blieb für Wilhelm Baum die erste Liebe

Wilhelm Baum, sagt Heiko Hutt, sei ein beeindruckender Mann gewesen. Er habe nie mit seinem Schicksal gehadert und konnte nach Deutschland und nach Dortmund reisen, ohne Hass zu verspüren. „Dortmund“, sagte Wilhelm Baum im Jahr 1997 der Westfälischen Rundschau, „ist immer noch meine erste Liebe.“ Und das Haus am Westenhellweg 107-109 sei für ihn immer ein Stück Heimat, ein Teil seiner Familiengeschichte.

Ein Bettengeschäft und ein Juwelier sind die ältesten Geschäfte am Westenhellweg

Heiko Hutt ist der Betreiber des Bettenfachhandels Betten Hutt am Westenhellweg 107-109. Seit 70 Jahren lebt er auch in dem gleichen Haus. © Jana Klüh

Das ist es auch für Heiko Hutt. Der 71-Jährige stieg vor knapp 50 Jahren mit ins Geschäft ein. Zwischenzeitlich haben drei Generationen gemeinsam das Unternehmen geführt: er, sein Vater und sein Großvater, der Bettendoktor, wie ihn die Leute nannten.

Und so lange er denken kann, lebt Heiko Hutt, geboren 1947, auch schon in dem Haus mitten in der Dortmunder City. „Es ist ein schönes Leben“, sagt er. Er habe eine schöne Wohnung im vierten Stock, er könne alles zu Fuß erledigen – und es sei auch verhältnismäßig ruhig, sagt Hutt. Bis 1964, als der Westenhellweg zur Fußgängerzone wurde, sei es jedenfalls deutlich lauter gewesen.

Ein Bettengeschäft und ein Juwelier sind die ältesten Geschäfte am Westenhellweg

So sieht das Bettengeschäft Hutt am Westenhellweg 107-109 heute aus. © Jana Klüh

Das Geschäft hat sich über die Jahre kaum verändert. Betten Hutt ist noch immer ein „klassisches Bettengeschäft“. Die Matratzenpolsterei und die Bettfedernfabrik gibt es zwar schon lange nicht mehr, ansonsten aber stehen der Verkauf von Rahmen und Matratzen nach wie vor im Zentrum des Geschäfts. Auch wenn die Hutts auf dem Westenhellweg – abgesehen von den Kaufhäusern Kaufhof und Karstadt – mit ihrem Angebot allein auf weiter Flur sind, sei das Geschäft durchaus schwieriger geworden. Die Konkurrenz aus dem Internet bekommen die Hutts deutlich zu spüren. „Man hält so durch“, sagt Heiko Hutt.

Über die Zukunft des Fachgeschäfts hält er sich bedeckt. „Das wird man sehen“, sagt er. Seine Kinder arbeiten in anderen Berufen. Wie lange er selbst noch macht, das weiß er nicht. Aber noch, sagt er, denke er nicht daran, aufzuhören.

Freund und Bauer: Vom Blumenladen zum Juwelier

Knapp ein Dutzend Juweliere und Schmuckläden sind heute entlang des Westenhellwegs zu Hause – von billig bis luxuriös. Vor allem nahe der Kreuzung mit der Hansastraße drubbeln sich die Juweliere auf nur wenigen Metern. Einen davon betreibt Kirsten Mitsalis-Bauer im Haus mit der Nummer 8. Freund & Bauer heißt ihr Geschäft.

Zwischen all den wuchtigen Reklamen und Werbebanden gehen der schlichte Schriftzug und der schmale Eingang zu Freund & Bauer fast ein wenig unter. Anfang des 20. Jahrhunderts dagegen war das Geschäft eines der wenigen am Westenhellweg, das bis dahin vor allem noch Wohngegend war und sich erst langsam zur Einkaufsmeile entwickelte.

Kirsten Mitsalis-Bauer führt das Geschäft in vierter Generation. Ihren Urgroßvater, der Freund & Bauer einst gründete, lernte sie nie kennen. Doch ihr Vater, Walter Bauer, dokumentierte die Geschichte seiner Familie und ihres Unternehmens akribisch. In sechs übervollen Ordnern hat er sorgfältig jede noch so kleine Anekdote festgehalten, die mit Freund & Bauer zusammenhängt.

Ein Bettengeschäft und ein Juwelier sind die ältesten Geschäfte am Westenhellweg

Zur Eröffnung des Blumengeschäfts wurden duftende Postkarten versandt. © Freund & Bauer

Es war am 1. März 1904, als August Bauer, von Beruf Dekorateur und Polsterer, nach Dortmund kam, um mit Hugo Freund am Westenhellweg 8 eine Blumenhandlung zu eröffnen. Ihr Geschäft benannten die Geschäftspartner einfach nach ihren Nachnamen. Und noch im selben Jahr wurde aus den Freunden und Partnern auch offiziell eine Familie: Denn Hugo Freund heiratete Elisabeth Bauer, die Schwester von August.

Hugo Freund hatte zuvor schon einen Pflanzenhandel am Westenhellweg 16 betrieben. Er nannte sicht selbst Kunstgärtner. „Aber die beiden Männer waren vor allem gute Geschäftsleute“, sagt Kirsten Mitsalis-Bauer. Sie hätten damals einfach geschaut, an was es auf dem Hellweg fehlte – und das war eine Blumenhandlung. Also eröffneten sie eine.

Die zerstrittenen Geschäftspartner warfen eine Münze

Das Geschäft mit den Blumen lief für August Bauer und Hugo Freund von Anfang an gut. Dennoch zerstritten sich die beiden Geschäftspartner schon vier Jahre nach der Gründung so sehr, dass sie getrennte Wege gingen. „Man sagt, sie hätten eine Münze geworfen“, erzählt Kirsten Mitsalis-Bauer. Und die Münze entschied, dass August Bauer in Dortmund bleiben und das Geschäft fortführen würde. Hugo Freund zog nach Mannheim und eröffnete dort ein Blumengeschäft. Aber auch wenn Hugo Freund nicht länger ein Teil des Dortmunder Geschäfts war, blieb, der damals schon etablierte Name Freund & Bauer bestehen.

In den 1930er-Jahren stieg Fritz Bauer, der Erstgeborene von August Bauer mit in das Geschäft ein. Er war der Erste in der Familie Bauer, der im Beruf des Blumenbinders ausgebildet wurde. In der Fachschule in Weihenstephan lernte Fritz Bauer seine künftige Frau Jula kennen – die später eine wichtige Rolle in der Firmengeschichte einnehmen sollte.

Ein Bettengeschäft und ein Juwelier sind die ältesten Geschäfte am Westenhellweg

Eine Aufnahme aus dem Jahr 1952 vom Reinoldikirchturm. Das Haus der Familie Bauer ist rechts im Bild. Dahinter erstrecken sich der Alte Markt und der Hansaplatz, auf dem damals noch Autos parkten. Die Kriegstrümmer waren noch nicht alle beseitigt. © Freund & Bauer / Repro Tilman Abegg

Fritz Bauer dachte damals sehr modern, wollte immer mit der Zeit gehen. Deshalb entschied er 1931, dass das bisherige Geschäftshaus abgerissen und neu gebaut werden sollte. Der Dortmunder Architekt Arthur Groos, der sich vor allem in den 1920er-Jahren einen Namen in der Stadt gemacht hatte, entwarf einen für damalige Verhältnisse sehr modernen Bau ohne viele Schnörkel im typischen Bauhaus-Stil mit einer Stahlkonstruktion als Fundament. Das Haus war zudem deutlich höher als die anderen Bauten, die es bis dahin am Westenhellweg gab.

Der Zweite Weltkrieg ging auch an der Familie Bauer nicht spurlos vorbei. Fritz Bauer wurde 1939 direkt einberufen. 1943 musste das Blumengeschäft schließen, stattdessen zog dort das Schuhhaus Sondermann ein. Denn Schuhe galten damals als „kriegswichtiger Bedarf“. Jula Bauer zog mit den vier Kindern während des Krieges für drei Jahre nach Österreich.

Fritz Bauer wurde vorbestraft – wegen einer Glühbirne

Mit Kriegsende kehrte sie 1946 zurück nach Dortmund und begann sofort, das Geschäft wieder aufzubauen. Anders als der Großteil der Häuser am Westenhellweg und in der Dortmunder Innenstadt war das Haus der Bauers dank seiner Stahlkonstruktion nicht komplett zerstört. Zwar war es von innen komplett ausgebrannt, das Fundament aber war geblieben. Fritz Bauer kehrte 1947 nach Dortmund und ins Geschäft zurück. Wenig später galt er aber als ein vorbestrafter Mann: Er hatte im Schaufenster des Geschäfts statt einer 25-Watt-Glühbirne verbotenerweise eine benutzt, die stärker leuchtete.

Und 1953 wäre das Unternehmen fast sogar Mittäter in einem sehr viel schlimmeren Verbrechen geworden: Ein Fahrer des Blumengeschäfts hatte versucht, eine Sparkassen-Filiale in Oespel zu überfallen – scheiterte aber. Einen Tag zuvor hatte jener Fahrer Fritz Bauer gefragt, ob er sich einmal den Firmenwagen für eine wichtige private Fahrt ausleihen könnte. Fritz Bauer lehnte das allerdings ab – und verhinderte so, dass das Firmenfahrzeug zum Tatwerkzeug wurde.

Ein Bettengeschäft und ein Juwelier sind die ältesten Geschäfte am Westenhellweg

Zum 50-jährigen Bestehen wurde das Geschäft 1954 besonders herausgeputzt. Es gab wieder Fresien, Nelken, Calla, Flieder, Orchideen und Strelitzien zu kaufen. © Freund & Bauer / Repro Tilman Abegg

Das Blumengeschäft lief offenbar auch nach dem Krieg sehr schnell wieder sehr erfolgreich. „Die Menschen haben sich damals nach dem vielen Elend über kleine Blumensträuße sehr gefreut“, erzählt Kirsten Mitsalis-Bauer.

Zu Beginn der 50er-Jahre konnte Freund & Bauer sogar ausbauen, auch, weil die Stadt im Trümmerchaos versuchte aufzuräumen und die Häuser zu begradigen. So konnte die Familie Bauer 78 Quadratmeter weitere Fläche kaufen und seitlich und im hinteren Bereich anbauen.

Ein Bettengeschäft und ein Juwelier sind die ältesten Geschäfte am Westenhellweg

Das Blumengeschäft Freund & Bauer im Jahr 1959. © Freund & Bauer / Repro Tilman Abegg

1958 stieg Walter Bauer mit ins Geschäft ein. „Dieser Beruf war genau seins“, sagt Kirsten Mitsalis-Bauer über ihren Vater. „Meine Oma war ein Schöngeist und das hat sie an ihren Sohn weitergegeben.“ Die Vorliebe für das Schöne brachte die Familie zu weiteren Geschäftsideen.

Passend zu den Blumen ergänzten die Bauers das Angebot nach und nach um Töpfe, Vasen, Schalen und Kunstgewerbe. „Und irgendwann hat mein Vater auch mal ein bisschen Schmuck dazugelegt“, sagt Kirsten Mitsalis-Bauer.

Ein Bettengeschäft und ein Juwelier sind die ältesten Geschäfte am Westenhellweg

1966 eröffnete im ersten Stock des Hauses eine Brautetage. Diese gab es bis 1980. Das Bild aus dem Jahr 1979 zeigt Jula Bauer (l.) mit einer damaligen Mitarbeiterin, die für das Foto eines der Brautkleider anzog. © Freund & Bauer / Repro Tilman Abegg

Weil Blumen untrennbar mit Hochzeiten verbunden sind, eröffnete die Familie 1966 im ersten Stock des Hauses eine Brautetage und verkaufte fortan auch Brautmode. „Das lief wie die Wutz“, sagt Kirsten Mitsalis-Bauer. Und anders als das Blumenbinden sei es auch nicht so eine Knochenarbeit gewesen.

In den 70er-Jahren verabschiedeten sich die Bauers deshalb von dem Blumengeschäft und firmierten fortan als Kunstgewerbehaus und Brautetage. Das Blumengeschäft sei auch deshalb nicht mehr so gut gelaufen, weil der Westenhellweg ab 1964 zur reinen Fußgängerzone wurde und die Kunden nicht mehr mit dem Auto vorfahren konnten, um die Blumen abzuholen, sagt Kirsten Mitsalis-Bauer.

Ein Bettengeschäft und ein Juwelier sind die ältesten Geschäfte am Westenhellweg

Unten Blumen und Kunstgewerbe, oben Brautmode: So sah es 1966 bei Freund & Bauer aus. © Freund & Bauer / Repro Tilman Abegg

Zehn Jahre später, 1980, war auch mit der einst so erfolgreichen Brautmode wieder Schluss. „Man heiratete einfach nicht mehr in Weiß“, sagt Kirsten Mitsalis-Bauer. Zudem sei die Konkurrenz durch die Kaufhäuser immer größer geworden.

Es blieben das Kunstgewerbe – und der Schmuck, der von da an und bis heute zur Haupteinnahmequelle von Freund & Bauer werden sollte. „Mein Vater liebte das Kunstgewerbe“, sagt Kirsten Mitsalis-Bauer. Zu Weihnachten und Ostern habe er ganze Ausstellungen organisiert. „Aber es lief nicht so gut wie erhofft.“ Seit 1988 ist das Geschäft ausschließlich ein Juwelier.

Der Juwelier Freund & Bauer als Filmkulisse

Kirsten Mitsalis-Bauer ist mit dem Unternehmen groß geworden. Schon als Studentin hat sie hier gejobbt – und sogar eine Filmrolle übernommen. Für den Film „Früh auf, spät nieder“ mit Dietmar Bär suchte die Produktionsfirma damals einen Juwelier für eine Szene, in der ein Verlobungsring verkauft werden sollte. Freund & Bauer bekam den Zuschlag – und Kirsten Mitsalis-Bauer die Rolle der Verkäuferin.

Ein Bettengeschäft und ein Juwelier sind die ältesten Geschäfte am Westenhellweg

Kirsten Mitsalis-Bauer führt das Geschäft Freund & Bauer seit 1999. © Jana Klüh

1999 hat sie das Unternehmen von ihrem Vater übernommen und führt es seither erfolgreich weiter. Gerade zu Beginn sei es aber oft schwer gewesen, weil viele Menschen Freund & Bauer noch als Brautmodenladen oder Kunstgewerbeadresse in Erinnerung hatten, sagt sie. Heute wüssten dagegen viele gar nicht mehr, dass Freund & Bauer auch mal etwas anderes als Schmuck verkauft hat.

Die eigenen Verkaufsräume hat Freund & Bauer über die Jahre deutlich verkleinert. Im Erdgeschoss ist heute ein Teil an die Parfümerie Pieper vermietet, im Obergeschoss wechseln die Untermieter regelmäßig, zurzeit ist dort ein Anbieter für Haarverlängerungen zu Hause.

Ein Bettengeschäft und ein Juwelier sind die ältesten Geschäfte am Westenhellweg

Das Haus der Familie Bauer im Jahr 2019: Der Juwelier Freund & Bauer nutzt nur noch einen kleinen Teil der Ladenfläche. Im Erdgeschoss ist ein Teil der Räume an die Stadtparfümerie Pieper vermietet, im ersten Stock ist zurzeit ein Salon für Haarverlängerungen zu Hause. © Jana Klüh

Für den Schmuck brauche sie nicht viel Platz, sagt Kirsten Mitsalis-Bauer. Mit ihrem Schmuckangebot habe sie, und auch schon ihr Vater, immer eine Nische besetzt. Ausgebildete Goldschmiede sind sie nicht, sondern Kaufleute. Mitsalis-Bauer bietet vor allem hochwertigen Silberschmuck und modernen Goldschmuck an, aber auch Trauringe. „Ich mag Schmuck sehr gerne. Es ist ein toller Beruf, ich möchte nicht woanders arbeiten“, sagt sie.

Die 52-Jährige wird allerdings wahrscheinlich die letzte der Familie Bauer sein, die das Geschäft führt. Sie und ihr Mann haben keine Kinder, ihre Geschwister und deren Kinder haben ebenfalls kein Interesse an der Fortführung des Geschäfts. „Wenn ich aufhöre“, sagt Kirsten Mitsalis-Bauer, „dann wird es wahrscheinlich ein Ende geben.“

Jetzt lesen

Serie

Geheimnisse des Westenhellwegs

In unserer Serie „Geheimnisse des Westenhellwegs“ erzählen wir in loser Folge spannende, wenig bekannte Geschichten rund um Dortmunds wichtigste Einkaufsmeile.
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Probleme im Gesundheitswesen

Lieferengpässe in Apotheken spitzen sich zu - 120 Arzneien werden knapp