Dürre in Dortmund: Im nächsten Sommer droht Trinkwasserknappheit

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Dortmunds Landwirte bekommen die Folgen der langen Trockenzeit zu spüren. Die Situation droht dramatisch zu werden. Vorerst reichen die Wasservorräte der Stadt, aber nur bis zum Sommer.

Dortmund

, 21.11.2018, 04:20 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wegen niedriger Pegel können die Rheinschiffer deutlich weniger Fracht transportieren. Die Folge: Mit den Transportkosten steigen die Benzinpreise. Im Vergleich zu den Folgen der Dürre für die Landwirtschaft sind höhere Benzinpreise noch zu verkraften. Denn die inzwischen ausgetrockneten Böden sind so hart geworden, dass Landwirte kaum noch mit den Pflügen durch die Böden kommen. „Der Boden ist knallhart. Man kommt mit dem Pflug einfach nicht rein“, berichtet der Landwirt Tobias Erve vom „Steffenhof“ in Benninghofen. Der 26-Jährige über das Wetter: „Normal ist, dass jetzt im November die Landmaschinen im Feld absacken, weil der Boden sehr nass ist. Normal ist, dass man mit den schweren Maschinen nicht mehr auf den Acker kommt.“

Sauberer Tisch in der Landwirtschaft

Normal ist auch, dass die Landwirte Mitte November längst einen „sauberen Tisch gemacht“ haben, wie der 26-jährige Landwirt aus dem Dortmunder Süden erläutert: Der Pflug lockert und lüftet das schwere Erdreich, um „ein gutes Saatbett für das folgende Getreide“ zu schaffen. Wo Tobias Erve die Saat bereits aufgetragen hat, blickt er auf „Flächen mit vertrocknetem Korn“. Sein Problem: „Eine schnelle Lösung gibt es nicht. Denn in den vergangenen Monaten hatten wir nur etwa 40 Liter Regen pro Quadratmeter. Die jüngsten Regenfälle reichen bei weitem nicht aus, um die Wasserverluste wieder auszugleichen.“

Wasser ist jetzt wichtig für die Jugend der Pflanzen

Bereits ausgesät sind die „Winterkulturen“ wie Winterweizen, Wintergerste und der Winterraps. „Sollte die Dürre weiter anhalten, werden wir die Folgen im Frühjahr konkret sehen. Die nächsten Wochen und Monate sind enorm wichtig für die Jugendentwicklung der Pflanze. Von dieser frühen Phase hängen das gesamte Wachstum und später der Ertrag ab.“ Wie dramatisch das ist? Auf einer Skala von 0 (kein Problem) bis 10 (sehr schlimm) bewertet Tobias Erve die aktuelle Lage mit einer 6. Im Frühjahr plant er wieder mit der Aussaat von Ackerbohne, Hafer und Mais - für eine gute Ernte müssen die Böden genug Wasser tragen. Der Landwirt: „Haben wir aber einen kalten Winter mit wenig Regen und dafür Schnee, setzen sich die Probleme fort.“ Und was hilft?

„Wir brauchen einen langen Landregen“

Regen. Viel Regen. „Das Beste wäre jetzt mal ein schöner vierwöchiger Landregen“, sagt Britta Balt von der Pressestelle des Ruhrverbands in Essen. Mit acht Talsperren im Sauerland versorgt der Ruhrverband 4,6 Millionen Menschen mit Wasser. Wasser geben die Talsperren an die Flüsse ab. Flussabwärts entnehmen die Wasserwerke das fließende Rohwasser, um es zu Trinkwasser aufzubereiten. Das Dortmunder Trinkwasser entsteht in den Ruhrwiesen bei Schwerte. Pumpen transportieren das Wasser in acht Hochbehälter, die auf dem „Haarstrang“ liegen, ein Höhenzug im Dortmunder Süden. Von dort aus gibt das DEW21-Tochterunternehmen „Donetz“ das Wasser über natürliches Gefälle in ein insgesamt 2100 Kilometer langes Leitungsnetz an die Haushalte und Betriebe ab.

Maximal 460 Millionen Kubikmeter Wasser im Speichersystem

Wichtige Talsperren für das Trinkwasser in der Region rund um Dortmund sind Hennesee, Biggesee, Sorpesee und Möhnesee. Insgesamt acht Talsperren bilden das größte Wasserversorgungssystem in Deutschland. Das Reservoir speichert zusammen maximal 460 Millionen Kubikmeter Wasser - dieses Volumen reicht für einen trockenen Sommer und einen trockenen Winter. Zum Vergleich: 2017 hat der Ruhrverband dem System aus Talsperren und Flüssen 410 Millionen Kubikmeter Wasser entnommen.

Dürre in Dortmund: Im nächsten Sommer droht Trinkwasserknappheit

Der Biggesee im Sommer 2018 bei Neu-Listernohl: Dass Niederschläge fehlten, war an der Staumauer der für die Dortmunder Wasserversorgung wichtigen Talsperre ablesbar. © Peter Bandermann

„Wenn es jetzt nicht über mehrere Wochen verteilt stark regnet, fällt das System aus“, stellt Britta Balt mit Blick auf das Jahr 2019 klar. Die Vorräte reichen nur noch bis in den nächsten Sommer. Bisher habe das System „genau das getan, wofür es aufgebaut worden ist: Im vergangenen Winter hat es das Wasser für die regenarme Zeit im Sommer aufgestaut und dann über die Monate langsam wieder abgegeben.“ In der Wasserbilanz sei 2018 im Vergleich zu den Vorjahren ein „Ausreißerjahr“ gewesen. Ein verregneter Monat sei jetzt „wichtig für Land- und Forstwirtschaft und unsere Talsperren“, berichtet Britta Balt.

Wasserstand seit Monaten mit der „Tendenz fallend“

Der Wasserstand in den Talsperren des Ruhrverbands sinkt seit Wochen. Im täglich aktualisierten Talsperren-Lagebericht steht die Dauer-Formulierung „Tendenz fallend“. Der Ausblick im Lagebericht dürfte Landwirten keine gute Laune machen: „Die Abflüsse im Einzugsgebiet der Ruhr liegen weiterhin unterhalb der langjährigen Mittelwerte. Mit einer durchgreifenden Änderung der Niedrigwassersituation in der Ruhr und ihren Nebengewässern ist in den kommenden Tagen nicht zu rechnen.“ Was die Trinkwasserversorgung angehe, sei die Lage derzeit „nicht besorgniserregend“, berichtet Britta Balt, „aber wir sind bereits gezwungen, Wasser einzusparen. Wir geben im November weniger Wasser an die Ruhr ab.“ Diese bis Ende November befristete Entscheidung sei mit der Landesregierung abgestimmt worden. Am 20. November 2018 hatten die Talsperren durch natürlichen Zufluss insgesamt 1,8 Kubikmeter Wasser pro Sekunde aufgenommen und 10,4 Kubikmeter Wasser pro Sekunde an die Flüsse abgeben. Der Bedarf an Wasser ist deutlich höher als der natürliche Nachschub. Hier eine Übersicht auf die Füllstände der Talsperren (Stand 20.11.2018):

  • Insgesamt bei 44,8 Prozent
  • Sorpetalsperre: 50,7 Prozent
  • Möhnetalsperre: 34,1 Prozent
  • Ennepetalsperre: 43,4 Prozent
  • Versetalsperre: 63,2 Prozent
  • Fürwiggetalsperre: 56,0 Prozent
  • Biggetalsperre: 49,4 Prozent
  • Hennetalsperre: 35,1 Prozent

Bei Mangel gibt es Notbrunnen - aber nicht in Dortmund

Laut Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe benötigt ein Mensch pro Tag etwa 15 Liter Trinkwasser. Um für den Ausfall der öffentlichen Wasserversorgung gerüstet zu sein, hat das Amt in ganz Deutschland 5224 jederzeit zugängliche Notbrunnen erreichtet. Die Anlagen sind auf hohe Abgabemengen und zuverlässige Wasserqualität ausgelegt. Im Krisenfall regeln das Technische Hilfswerk oder Feuerwehren die Wasserentnahme. Nicht so in Dortmund. Hier hat der Rat der Stadt die Wasserversorgung an den kommunalen Versorger DEW21 übertragen. Über die Volumen in den Talsperren und an den Pegelständen in der Ruhr ist mit einem Vorlauf von rund drei Monaten ablesbar, wann das Wasser knapp werden könnte.

Acht bis zehn Tonnen Weizen

Zurück zu Tobias Erve. In seinem Stall füttert er junge Rinder und Kühe mit Feldfrüchten wie Weizen, Gerste und Ackerbohne. Alles aus eigenem Anbau in Benninghofen und Umgebung. Pro Jahr muss der 26-Jährige acht bis zehn Tonnen Weizen ernten, um das eigene Vieh durchfüttern zu können. Er befürchtet, mit einer eigenen Ernte von nur drei bis vier Tonnen oder einem Totalausfall rechnen zu müssen, wenn jetzt nicht allmählich der große Regen einsetzt. Und dann? „Weiß auch nicht“, sagt Tobias Erve und zuckt mit den Schultern, „vermutlich muss ich dann teuer aus Amerika zukaufen.“

Dürre in Dortmund: Im nächsten Sommer droht Trinkwasserknappheit

Tobias Erve in einem Stall des Steffenhofs in Benninghofen. © Peter Bandermann

Allerdings lässt sich der 26-Jährige von solchen Szenarien nicht den Tag verderben. Denn die Pflicht ruft und es macht „muh“. Die Kühe rufen im Stall schon nach Futter, wenn sie seine Stimme draußen auf dem Steffenhof mit dem kleinen Hofladen hören. Auf dem Rücken seiner Arbeitsjacke steht in drei Zeilen der Schriftzug „Together we feed the world“ („Zusammen füttern wir die Welt“). Aus Eimern schüttet er das Getreide in den Trog. Das Vieh kaut vor sich hin. Tobias Erve plant, 2019 sein Spargelfeld zu vergrößern. Auch deshalb sollte es jetzt regnen.

Dürre in Dortmund: Im nächsten Sommer droht Trinkwasserknappheit

Eine gute Ernte ist für den Steffenhof wichtig: Die Feldfrüchte sind das Futter für das Vieh.

Dortmunds Wasserversorger DEW21 beliefert rund 600.000 Einwohner in Dortmund, Herdecke und Holzwickede. DEW21-Sprecherin Gabi Dobovisek: „Die Wasserwerke verfügen über ausreichend Wasser, um es zu Trinkwasser aufzubereiten. Aber es ist immer gut, sinnvoll und sparsam mit Wasser umzugehen.“
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