Familienclans schicken nicht nur Pelz- und Schmuckaufkäufer durchs Land, sondern versuchen sich auch als Dienstleister. Ein Ehepaar aus Dortmund warnt vor dilettantischen Polsterreinigern.

Dortmund

, 26.08.2018 / Lesedauer: 5 min

Sie locken mit lukrativem Pelzaufkauf und wollen in Wahrheit an Schmuck, Porzellan und andere Werte: Der Polizei und der Justiz bekannte Familienclans ziehen mit hinterlistigen Geschäftsmethoden die Verbraucher über den Tisch. Dabei versuchen sie es jetzt auch als Dienstleister: Mit Steinreinigungen, Bio-Teppichreinigungen und Polsterreinigungen wollen sie in kürzester Zeit ans große Geld.

Beim Ehepaaar Wulff in Dortmund-Westerfilde haben sie es geschafft. Ein Ermittlungsverfahren hat die Dortmunder Staatsanwaltschaft allerdings eingestellt. Obwohl der Verdacht auch auf Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung besteht. Die Clans stammen aus Osteuropa, leben aber schon lange in Deutschland und arbeiten mit deutschen Firmen-Namen. Um Vertrauen zu erwecken. Bei unseren Recherchen äußerte ein Betroffener den Verdacht, dass sie gefälschte Personalausweise vorlegen.

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Der 1. März 2018. Marion und Dieter Wulff empfangen in ihrem Wohnhaus in Westerfilde einen Polstermöbelreiniger. „Zwei Männer. Sauber, ordentlich, perfektes Deutsch und Markenkleidung“, sagt Marion Wulff über die höflich und souverän auftretenden Herren, die nach dem Anruf des Paares noch am gleichen Tag erscheinen und die Polster in Augenschein nehmen. „Die Kalkulation erfolgte auf dem Handy. 1200 Euro sollten es sein“, erinnert sich Dieter Wulff an das mündlich übermittelte Angebot. Das „Abwaschen mit Spezialschaum und die Reinigung von Hand“ sind darin enthalten.

Polsterreiniger will Kunden nicht verlieren

Die Wulffs lehnen ab, weil ein Angebot eines anderen Anbieters bei 300 Euro gelegen hat. Der Polsterreiniger zieht von dannen - und ruft einen Tag später an. Um „den Kunden nicht zu verlieren“. Eine schmeichelnde Offerte. Nach einigem Hin und Her pendelt sich der Preis am Telefon bei 800 Euro ein.

Immerhin 400 Euro unter dem ersten Angebot. Für Marion und Dieter Wulff ist das die Schmerzgrenze. Aber sie stielen das Geschäft ein. Sie hätten es lassen sollen. Es gibt keinen ordentlichen Kostenvoranschlag und später trotz mehrmaliger Aufforderung auch keine Rechnung.

Schmutziges Geschäft mit Polstern

Dass sie sich auf ein schmutziges Geschäft eingelassen haben, erkennen die Wulffs an einem Sonntagmorgen. 24 Stunden zuvor erscheint ein Polsterreiniger. Dieter Wulff: „Der hat die Möbel nass gemacht und dann drüber gesaugt. Nach anderthalb Stunden war er fertig.“ 800 Euro für 1,5 Stunden Arbeit. Ein fetter Stundenlohn. Und das Ergebnis? Es fiel miserabel aus. Im getrockneten Zustand ließen die weißen Polstermöbel erkennen, dass sie von einem Dilettanten bearbeitet worden sind.

Dubioser Polsterreiniger macht die Polster schmutzig

"Nass gemacht und den Schmutz verteilt": Ein Hocker nach Bearbeitung durch einen dubiosen Polsterreiniger. © Peter Bandermann

„Der hat den Schmutz nur verteilt“, lautet Dieter Wulffs Fazit. Tatsächlich: Der Verlauf des Wassers hat auf den Mikrofaser-Oberflächen sichtbar Spuren hinterlassen. Auffällige Ränder sind entstanden, in denen der Schmutz konzentriert ist. „Wir wollten das reklamieren. Aber seit dem Tag war der Herr für uns nicht mehr erreichbar“, sagt Marion Wulff. Der Polsterreiniger erkannte die Rufnummer seiner unzufriedenen Kunden - und drückte sie immer wieder weg.

Das Geld ist weg

Die Wulffs gehen zur Verbraucherberatung und erhalten Quittung Nummer 1: „Ihr Geld sehen Sie nie wieder“, hören sie eine Beraterin sagen. Quittung Nummer 2 stellt die Dortmunder Staatsanwaltschaft nach einer Anzeige aus. Die Anklagebehörde stellt das Strafverfahren ein, da es sich um eine „zivilrechtliche Streitigkeit über die Ausführung einer Dienstleistung“ handele.

Die Leistung sei erbracht und entlohnt worden. Doch es geht um weitaus mehr als um Schmutzränder nach einer miserablen Polsterreinigung. Denn der dubiose Polsterreiniger kassiert gern bar ohne Rechnung.

Verdacht auf Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung

Andrea Münch vom Hauptzollamt Dortmund über den Verdacht von Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung: „Zu prüfen wäre, ob der Dienstleister ein Ein-Mann-Betrieb ist oder Beschäftigte hat. Dann geht es auch um die Einhaltung des Mindestlohns und um Sozialversicherungsbetrug.“

Ermitteln würden bei konkretem Verdacht Finanzamt, Zoll und die Deutsche Rentenversicherung. Der Verdacht liegt nahe: Der Polsterreiniger, der im Haus der Wulffs das Angebot abgegeben hatte, ließ einen anderen Mann die Drecksarbeit erledigen.

„Seriös arbeitende Handwerker geben selbstverständlich einen Kostenvoranschlag ab und stellen eine Rechnung aus“, sagt Helene Schulte-Bories von der Dortmunder Verbraucherberatung. Kostenvoranschläge und Rechnungen enthalten Steuernummer, Umsatzsteuer-ID und weisen auch die Mehrwertsteuer aus. „Fehlen diese Angaben, liegt der Verdacht nahe, dass ein Schwarzgeschäft aufgezogen werden soll.“ Wir haben einen verdächtigen Polsterreiniger angerufen, um das Geschäftsgebaren erkennen zu können. Ein Gesprächsauszug:

„Wenn Sie dann da sind, bekomme ich ein Angebot für die Reinigung, ja?

„Ja, ich mache Ihnen vor Ort ein Angebot.“

„Also so richtig einen Kostenvoranschlag.“

„Nein. Also bitte, einen Kostenvoranschlag mache ich nicht. Sie müssen sofort ja oder nein sagen. Sie wollen doch auch den 25-Prozent-Rabatt haben, oder?“

Bei so einer Antwort, sagt, Helene Schulte-Bories, sollten Verbraucher sofort stutzig werden. In der Nordstadt arbeite eine russische Technik-Firma mit ähnlichen Methoden: Gegen Vorkasse sollte bei einem Kunden ein Kühlschrank repariert werden. Für 600 Euro. „Für das Geld gibt es einen neuen Kühlschrank“, berichtet die Leiterin der Beratungsstelle. „Vorkasse“ - das ist das Stichwort schlechthin. Die Stein-, Polster- und Teppichreiniger wollen erst das Geld sehen, bevor sie die Leistung erbringen.

Das Verrückte am Geschäftsgebaren der Familienclans, gegen die in NRW schon hundertfach wegen Betrugs, Diebstahls und Einbruchs ermittelt wurde: Sie werben für ihre Reinigungs-Dienstleistungen nicht mit Schnäppchenpreisen, sondern rufen hohe Summen auf. Marion Wulff: „Erst sind die ganz freundlich. Dann werden sie fordernd.“ Mit dem Polsterreiniger hatten die Wulffs übrigens ein Wiedersehen: Sie erkannten ihn in Polizeiakten auf einem Foto wieder.

Familienunternehmen warnt vor Kriminellen

Ein Anruf bei einem alteingesessenen Familienunternehmen, der Firma Külkens & Sohn im Dortmunder Stadtteil Barop. Was weiß das seriös arbeitende Unternehmen über die Machenschaften fragwürdiger Mitbewerber? Ein Mitarbeiter berichtet von hilfesuchenden Kunden, denen von dubiosen Anbietern für eine Stuhlaufpolsterung 1600 Euro abverlangt worden seien.

„450 Euro wäre ein fairer Preis gewesen“, sagt ein Mitarbeiter, der den Stuhl begutachtet hat. Er warnt: „Da wird viel Schmu gemacht. Da sind viele unseriöse Firmen unterwegs. Ich kann nur an die Kunden appellieren, dass sie nicht sofort zuschlagen.“

Manchmal reicht es auch schon, dass angebliche Ladenlokal der Anbieter aufzusuchen. Ein Polsterreiniger von der Altenderner Straße kauft auch Bleikristalle, Glas, Puppen, Dekorationen, Porzellan und Möbel auf. Was nicht verboten ist. Nur: Kostenvoranschläge will er seinen Kunden nicht geben. Der Kunde soll einfach nur Ja sagen und zahlen.

Mit wem sie es in dieser Branche zu tun haben, zeigte sich ein zweites Mal bei den Wulffs. Die vom Polsterreiniger ruinierten Möbel wollten sie aufpolstern lassen. Sie riefen einen Anbieter an, und der wollte fürs Aufpolstern satte 4000 Euro haben. Der Typ kam Marion und Dieter Wulff irgendwie bekannt vor ...

So können Sie sich schützen:
  • Dubiose Anbieter locken mit Superlativen: Sie versprechen „Höchstpreise“ beim Ankauf von Schmuck oder Pelzen, wiegen den Schmuck mit manipulierten Waagen ab oder täuschen Sachverständigen-Wissen bei Pelzen und Antiquitäten vor. Verbraucher sollten also gesundes Misstrauen entwickeln.
  • Die Polizei warnt auch vor Hausbesuchen, da die „Geschäftspartner“ die Wohnräume ausspionieren könnten (die Familienclans sind als Einbrecher bekannt).
  • Lassen Sie sich bei Verhandlungen nicht unter Druck setzen. Formulierungen wie „Das Rabatt-Angebot läuft heute aus“ oder „Sie müssen sich sofort entscheiden“ sind bewährte Tricks, um auf Verbraucher Entscheidungs-Druck auszuüben.
  • Kein Geschäft ohne ordentliches Angebot und ohne korrekte Rechnung mit ausgewiesener Mehrwertsteuer, Umsatzsteuer-ID, Firmenname und Anschrift. Sie sind misstrauisch geworden? Lassen Sie sich den Personalausweis zeigen.
  • Nicht allein verhandeln, sondern einen Zeugen hinzuholen. Am besten einen guten Freund oder Nachbarn mit Sachverstand.
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