„Du Jude“ als Schimpfwort auf Schulhöfen und Sportplätzen in Dortmund

Pogrom-Gedenken

Rund 250 Menschen haben am Sonntag im Opernhaus Dortmund an die Novemberpogrome des Jahres 1938 erinnert. Die Redner zogen erschreckende Parallelen ins Jahr 2019.

Dortmund

, 10.11.2019, 17:15 Uhr / Lesedauer: 2 min
„Du Jude“ als Schimpfwort auf Schulhöfen und Sportplätzen in Dortmund

Bürgermeisterin Birgit Jörder und Rabbiner Baruch Babaev legten Blumenkränze zum Gedenken nieder. © Oliver Schaper

Vor 81 Jahren brannten in Deutschland jüdische Gotteshäuser. Dortmunds große Synagoge war aber schon einige Monate zuvor abgerissen worden – „in vorauseilendem Gehorsam“, wie Zwi Rappoport, Landesverbandsvorsitzender der jüdischen Gemeinden, sagte. Wo sie sich befand, steht heute das Opernhaus.

Bei der Pogromnacht des Jahres 1938 habe es sich um keinen spontanen Volkszorn gehandelt, betonte Gastgeber und Theaterdirektor Tobias Ehinger: „Es war der Beginn eines Krieges gegen die Menschlichkeit.“ Und heute, im Jahr 2019, sei es die Aufgabe der gesamten Gesellschaft, gegen Populismus und Antisemitismus vorzugehen, „die weltweit wieder ihre hässlichen Krallen ausstrecken“.

Wachsender Antisemitismus zwei Generationen nach dem Holocaust

Der Terroranschlag, bei dem in Halle an der Saale Anfang Oktober zwei Menschen am höchsten jüdischen Feiertag starben, war nur die Spitze des Eisberges an Judenhass, den es in Deutschland aktuell gibt.

„‚Du Jude‘ wird auf Schulhöfen und Fußballplätzen vielfach als Schimpfwort benutzt“, sagte Zwi Rappoport in seiner Rede. Gerade einmal zwei Generationen nach dem Holocaust seien Juden wieder Ziele von gezielten Übergriffen in Deutschland. Der wachsende Antisemitismus finde in weiten Teilen der Gesellschaft Zustimmung.

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Verbreitet seien zum einen Verschwörungstheorien, die behaupten, Juden seien an allem Schlechten Schuld. Einige Muslime und Linksextreme seien aber genauso anzuprangern wie Rechtsextreme, die mit Parolen gegen Israel durch die Straßen zögen.

Die Dortmunder Polizei hatte versucht, bestimmte Parolen der Neonazis bei Demonstrationen in den vergangenen Wochen zu verbieten. „Unser Vertrauen in den Rechtsstaat wird erschüttert, wenn solche Verbote durch Gerichte aufgehoben werden“, sagte Zwi Rappoport im Opernhaus.

Immer wieder müsse man die Demokratie lernen

Bürgermeisterin Birgit Jörder mahnte, Hass gegen Minderheiten auch im Jahr 2019 nicht zuzulassen. Sie sagte: „Das, was wir als ‚sicher‘ geglaubt haben, ist nicht sicher.“ Immer und immer wieder müsse man Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die Achtung des Anderen lernen. Mit großer Sorge schaue sie auf ungehemmte Hetze im Internet und Politiker, die im „bürgerlichen Gewand gezielt gegen die Gebote der Menschlichkeit verstoßen“.

„Du Jude“ als Schimpfwort auf Schulhöfen und Sportplätzen in Dortmund

Vor dem Opernhaus in Dortmund gab es eine Tanz-Vorführung vor dem Schriftzug „Antisemitismus? #nichtmitmir“. © Oliver Schaper

Besonders still wurde es bei der Gedenkveranstaltung, als Oberstaatsanwalt Andreas Brendel bewegend von seiner Arbeit zur Aufarbeitung von Morden in Konzentrationslagern berichtete. In Frankreich traf er auf eine Frau, deren ganze Familie bei einem Nazi-Massaker umgebracht wurde. „Die Menschen dort wollten uns deutsche Ermittler zunächst gar nicht sehen“, sagte er. Zum Ende des Besuches habe die Frau ihm dann aus Dankbarkeit einen Kuss auf die Wange gegeben.

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