„So schlimm wie jetzt war es noch nie“ - Klopapier und Co. sollen Traditionsfirma retten

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Am 29. Februar feierte Merten & Pusch noch das 100-jährige Firmenjubiläum. Gut zwei Wochen später lag das Geschäftsleben am Boden. Doch die Geschäftsführerin kämpft - mit ungewöhnlichen Waffen.

Dortmund

, 26.03.2020, 11:35 Uhr / Lesedauer: 2 min

Tiefer kann ein Fall kaum sein: Am 29. Februar feierte das Dortmunder Unternehmen Merten & Pusch noch das 100-jährige Firmenjubiläum; zweieinhalb Wochen später musste Vera Merten für 44 ihrer 47 Mitarbeiter Kurzarbeit beantragen.

Die zahlreichen Produkte, die Vera Merten sonst vornehmlich an Eisdielen vertreibt, will die Geschäftsfrau nun auch an Privatkunden verkaufen. Zur Angebotspalette gehören unter anderem Mehl und Toilettenpapier.

Die zahlreichen Produkte, die Vera Merten sonst vornehmlich an Eisdielen vertreibt, will die Geschäftsfrau nun auch an Privatkunden verkaufen. Zur Angebotspalette gehören unter anderem Mehl und Toilettenpapier. © Michael Schuh

Ihr Großvater Heinrich Merten gründete 1920 in der Brunnenstraße, nicht weit vom Borsigplatz, ein Geschäft für Konditoreibedarf. Seither befindet sich die Firma in Familienhand und entwickelte sich in erster Linie zum Spezialisten für alles rund um Eisdielen, aber auch zum Lieferanten für Konditoreien und Schausteller, die Köstlichkeiten wie gebrannte Mandeln anbieten. Das Angebot reicht von tiefgefrorenen Früchten über Milch und Backpulver bis hin zu modernen Eismaschinen und dem Equipment für Cafés.

“Unser Unternehmen hat in den 100 Jahren einige Krisen durchlebt“, sagt die Geschäftführerin, „so mussten die Waren im 2. Weltkrieg als Schutz vor Bomben auf mehrere Lager verteilt werden.“ Und nach einer kurzen Pause fügt sie an: „Aber so schlimm wie jetzt wegen des Coronavirus war es noch nie. Bei uns laufen nur noch zwei Prozent des üblichen Geschäfts.“

Zur 100-Jahr-Feier kamen Ende Februar noch 300 Gäste ins Depot. Wenig später lief der Geschäftsbetrieb bereits auf Sparflamme.

Zur 100-Jahr-Feier kamen Ende Februar noch 300 Gäste ins Depot. Wenig später lief der Geschäftsbetrieb bereits auf Sparflamme. © Privat

Der unverschuldete Abstieg ging in einem rasanten Tempo vor sich. Bei der 100-Jahr-Feier im „Depot“ habe man zwar schon auf besondere Hygienemaßnahmen geachtet, doch am 9. März nahm das Unheil seinen Lauf, als Restaurants und Cafés um 18 Uhr schließen mussten. „Das konnten wir noch verkraften“, sagt Merten, „aber als dann um 15 Uhr geschlossen werden musste, war das eine Katastrophe. Diese Öffnungszeiten sind für Eisdielen tödlich.“

Kurzarbeit statt Backpulver

Doch es sollte noch schlimmer kommen. Ab dem 23. März wurde das gastronomische Leben komplett heruntergefahren. Während sich in den Vorjahren die Kunden und Fahrer gerade zu Frühjahrsbeginn in der Dorstfelder Firma die Klinke in die Hand gaben, sitzt Merten nun mit nur zwei Angestellten in dem Großraumbüro. Statt um Kaffee und Backpulver dreht sich alles um Kurzarbeit, Steuerstundungen und Rettungsschirme.

“Wenn das über Monate so weitergeht, sehe ich schwarz“, sagt Merten, die einzig ein Passus der NRW-Verordnung ein wenig hoffen lässt: Die Belieferung mit Speisen und Getränken sowie der Außer-Haus-Verkauf seien für Cafés zulässig, wenn die zum Schutz vor Infektionen erforderlichen Abstände eingehalten würden.

“Das ist doch eine klare Aussage“, findet die Dortmunderin, und trotzdem bringe jeder Tag neue Hiobsbotschaften: „Eine Eisdiele nach der anderen macht zu.“ Das liege auch daran, dass Kommunen besagte Vorschrift unterschiedlich auslegten und manche Cafés aus Angst vor Strafen schließen würden. „Deshalb bitte ich die Ämter, wohlwollend zu prüfen und kleine Gastronomen am Leben zu lassen.“

Aber Vera Merten ruft die Café-Besitzer nicht nur dazu auf, den Liefer- und Außer-Haus-Service zu nutzen - sie betritt auch selbst ein ungewohntes Geschäftsterrain. „Da wir ein Groß- und Einzelhandel sind, dürfen wir auch an Privatkunden verkaufen. Und das werden wir jetzt tun, um zumindest die laufenden Kosten zu decken.“

Die Auszubildende Salima Boukhrissi gehört zum Mini-Team, das bei Merten & Pusch derzeit noch arbeitet. Durch ein Verkaufsfenster will sie künftig die Waren herausgeben.

Die Auszubildende Salima Boukhrissi gehört zum Mini-Team, das bei Merten & Pusch derzeit noch arbeitet. Durch ein Verkaufsfenster will sie künftig die Waren herausgeben. © Michael Schuh

Und dann sagt sie einen Satz, bei dem so mancher hellhörig werden dürfte: „Wir haben unter anderem Hefe, Mehl, Desinfektionsmittel und Toilettenpapier auf Lager, das jede Hausfrau bei uns kaufen kann.“ Die Kunden müssten einzeln den Flur betreten, übergeben würde die Ware dann durch ein spezielles Verkaufsfenster.

Momentan absolviert die Unternehmerin täglich eine 14-Stunden-Schicht, telefoniert mit Kunden oder Behörden und kontaktiert verstärkt Bäckereien, die weiterhin geöffnet bleiben. Bei der Frage, ob sie Angst vor der Zukunft habe, zeigt sich aber ganz die Geschäftsfrau Vera Merten: „Da darf man jetzt nicht dran denken. Augen zu und durch.“

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