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Dortmunder Start-Up bringt Zehntausende E-Scooter auf Europas Straßen

dzApp-Entwickler „Wunder Fleet“

Ein Dortmunder Start-Up ist mittendrin im E-Scooter-Boom: „Wunder Fleet“ entwickelt Apps, die den Stadtverkehr revolutionieren können. Und rüstet nebenbei Zehntausende Leih-Elektroroller aus.

Dortmund

, 20.05.2019 / Lesedauer: 4 min

Zu sagen, dass die letzten zwölf Monate ganz gut für Philip Müller gelaufen seien, wäre eine krasse Untertreibung: Noch im Mai 2018 nervten Müller und sein Geschäftspartner Benjamin Krüger ihre Büro-Nachbarn in einem Coworking-Space im alten RAG-Hochhaus, weil sie ständig eine piepende Elektro-Vespa zwischen ihren zwei kleinen Räumen hin- und herschoben.

Jetzt, im Mai 2019, haben die beiden mit ihren inzwischen über 25 Mitarbeitern gerade die obersten zwei Etagen eines Bürohauses am Brüderweg bezogen. Und quasi nebenbei haben Müller und Krüger auch noch mehr als zehn Millionen Euro eingenommen.

E-Scooter gelten als Wundermittel für Verkehrswende

Der Auslöser dieser rasanten Veränderungen hat zwei Räder mit einem Stehbrett dazwischen, einen etwa hüfthohen Lenker, einen Akku und viel Technik: E-Scooter sind momentan schwer angesagt, viele Verkehrsexperten sehen sie als Baustein auf dem Weg zur Verkehrswende.

Die kleinen, umweltschonenden Elektroroller sollen den Nahverkehr in den Städten revolutionieren und dabei helfen, Autos aus den Innenstädten zu verdrängen – auch als Teil unkomplizierter Leihsysteme, bei denen man kurze Strecken für kleines Geld mit frei über die Stadt verteilten E-Scootern zurücklegen kann.

Sharing-Software steckt hinter dem Erfolg von „Wunder Fleet“

Und hier kommt „Wunder Fleet“ ins Spiel: Das Dortmunder Start-Up entwickelte – damals noch unter dem Namen Fleetbird – eine Software, mit der solche so genannte Sharing-Systeme organisiert, gesteuert und verwaltet werden können. Per Smartphone-App wird einem gezeigt, wo im Stadtgebiet gerade die nächsten E-Scooter stehen. Dann entsperrt man den Elektroroller mit dem Smartphone und stellt ihn am Zielort einfach wieder ab, abgerechnet wird per Fahrt, alles digital.

Doch anstatt ein eigenes Sharing-System aufzubauen, boten die Dortmunder Start-Up-Unternehmer ihre Software lieber anderen Firmen als Grundgerüst für deren Sharing-Dienste an, etwa für Autos oder eben für Elektro-Vespas.

Dortmunder Start-Up bringt Zehntausende E-Scooter auf Europas Straßen

Die Software von „Wunder Fleet“ ermöglicht den App-Betreibern, genau zu sehen, wo ihre Leih-Fahrzeuge gerade sind und wie beispielsweise ihr Akku-Stand ist. © Dieter Menne

Fleetbird lief ganz gut. Richtig ins Fliegen kam das Geschäftsmodell von Müller und Krüger aber erst im Sommer 2018. Da waren in US-Städten Sharing-Apps wie Lime und Bird aufgetaucht, die erstmals auf die kleinen, wendigen E-Scooter setzten. „Als die Amerikaner mit den E-Rollern angefangen haben, kamen die Leute auf uns zu und haben platt gesagt: Das wollen wir auch!“, erzählt Müller.

Das Dortmunder Start-Up fand sich mitten im beginnenden E-Scooter-Boom wieder. Seine Chefs Müller und Krüger verkauften ihre Firma im November „für einen niedrigen achtstelligen Eurobetrag“, wie Müller sagt, an das Hamburger Unternehmen „Wunder Mobility“. Fleetbird wurde umbenannt und firmiert nun als Untersparte der Mutterfirma, ansonsten blieb aber vieles beim Alten, auch die beiden Chefs.

E-Scooter in Neuseeland werden mit „Wunder Fleet“-Technologie betrieben

Mittlerweile hat „Wunder Fleet“ über 30 Kunden in aller Welt, nach Unternehmensangaben werden über 50.000 Leih-Fahrzeuge mit Hilfe der Dortmunder Sharing-Software betrieben – von Elektro-Vespas in Mexiko-Stadt bis hin zu E-Scootern im neuseeländischen Auckland. In Europa nutzen unter anderem Hive und Tier „Wunder Fleet“-Technologie. Über eine Million Menschen haben eine der „Wunder Fleet“-Apps auf ihren Smartphones, sagt Müller.

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Seit November kümmert sich das Start-Up nicht nur um die Software, sondern auf Wunsch auch um die Hardware: „Wunder Fleet“ rüstet normale E-Scooter zu Sharing-Scooter um – die Elektro-Roller müssen schließlich über die „Wunder Fleet“-Software entsperrt und wieder abgeschlossen werden können, dazu braucht jeder einen GPS-Sender, damit sein Standort in der App angezeigt werden kann. Geplant war das neue Geschäftsgebiet nicht: „Die Unwissenheit des Marktes kam uns zugute“, sagt Müller.

Jeder Hive-E-Scooter wandert durch Lagerhalle in Dorstfeld

Weil seine Software mit allen möglichen Modellen kompatibel sein muss, ist „Wunder Fleet“ inzwischen zu einer gefragten Schnittstelle zwischen E-Scooter-Herstellern und App-Betreibern geworden. In einem schmucklosen Raum des ansonsten nach Start-Up-Standards eingerichteten Büros am Brüderweg (Hängematte, Club-Mate-Kästen im Flur) stehen ein Dutzend unterschiedliche E-Scooter, an denen rumprobiert und gebastelt wird.

Die eigentliche Umrüstung wird jedoch woanders betrieben: In Dorstfeld hat die Firma eine über 500 Quadratmeter große Lagerhalle angemietet, in der „Wunder Fleet“ E-Scooter für den Einsatz als Sharing-Fahrzeuge fit macht, inklusive der Logos und der Farben des jeweiligen Betreibers. So wandern beispielsweise alle Hive-Elektroroller durch die Dorstfelder Halle, bevor sie auf den Straßen der europäischen Großstädte verteilt werden. Bis Ende des Jahres werden laut Müller wohl mehrere zehntausend E-Scooter durch Dorstfeld geschleust.

Währenddessen wächst „Wunder Fleet“ fleißig weiter: Philip Müller geht davon aus, dass noch in diesem Jahr das Unternehmen seine Mitarbeiterzahl wohl fast verdoppeln wird. In Dorstfeld wird in der Lagerhalle gerade eine Zwischendecke eingezogen. Die Nachfrage ist einfach zu groß.

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