Dortmunder Seniorin (83) besorgt sich regelmäßig Cannabis im Ausland

dzTherapie gegen Schmerzen

Seit 2017 können Ärzte Cannabis verschreiben. Doch nicht alle tun das - und nicht immer zahlt die Krankenkasse. Marianne Knoll (83) aus Dortmund greift deshalb zur Selbsthilfe.

von Annette Feldmann

Dortmund

, 16.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Marianne Knoll ist eine resolute und sehr gut informierte Dame von 83 Jahren. Man würde ihr vieles zutrauen — aber wohl kaum, dass sie sich eines Tages in ihr Auto setzt und von Dortmund-Sölderholz nach Holland fährt, um Cannabis zu kaufen.

Frau Knoll steht der Sinn nicht nach Haschplätzchen zum Kaffee, erst recht raucht sie keine Joints. Ihr einziger Wunsch: „Ich wollte endlich wieder laufen können und mich nachts im Bett umdrehen, ohne vor Schmerzen zu weinen.“ Spätfolgen einer verpfuschten Beinoperation in der Jugend und eine ganze Reihe von Operationen im Alter hatten sich zu einem entzündlichen Schmerzbild im ganzen Körper summiert. Ihr war übel von den starken Schmerzmitteln, und sie konnte kaum noch essen.

Frau Knoll hatte gelesen, dass Blüte und Extrakte der Hanf-Pflanze gegen chronische Schmerzen helfen können - ohne solche Nebenwirkungen. „Aber alle Ärzte, bei denen ich war, haben mir gesagt, dass sie kein Cannabis verschreiben dürfen, obwohl das ja nicht stimmt. Seit der Gesetzesänderung vor zwei Jahren darf das jeder Arzt.“

Cannabis als Medikament kann seit 2017 verschrieben werden

Damit hat Marianne Knoll grundsätzlich Recht. Seit März 2017 ist das Cannabis-Gesetz in Kraft, nach dem jeder Arzt auf Kosten der Krankenkasse Schwerkranken Cannabis als Medizin verschreiben darf. Die Krankenkasse muss das allerdings in jedem einzelnen Fall genehmigen. Und dafür ist ein umfänglicher und komplizierter Antrag erforderlich, der die meisten Ärzte inhaltlich und zeitlich überfordert. Insgesamt ist die Nachfrage aber groß. AOK-Sprecher Jens Kuschel: „Allein bei der AOK Nordwest sind bis Anfang dieses Jahres fast 1500 Anträge eingegangen. Mehr als jeder zweite wird genehmigt. Das ist hoch für eine Therapie, für die bisher kein ausreichender wissenschaftlicher Nachweis vorliegt.“

Tatsächlich gibt es noch keine verbindlichen Studien über Wirkung und Nebenwirkungen, Nutzen und möglichen Schaden - wie es normalerweise vor der Zulassung von Medikamenten üblich ist. Eine seit 2017 laufende fünfjährige Begleitstudie soll 2022 Erkenntnisse liefern.

Schmerzfrei durch Cannabis-Medikament aus Holland

So lange wollte Marianne Knoll aber nicht warten. Seit ihrem Besuch in einer holländischen Apotheke vor einem Jahr ist sie so gut wie schmerzfrei. „Alle anderen Schmerzmittel hab ich innerhalb von acht Tagen abgesetzt. Ich brauche kein Cortison mehr, keine Blutdruckmittel, nix! Die Übelkeit war damit auch weg, und ich konnte wieder essen“, erzählt sie. Heute läuft sie täglich ohne Probleme eine halbe Stunde, „obwohl die operierten Knie wackeln. Heilen kann Cannabis ja nicht, nur Schmerzen bekämpfen“, stellt sie klar. „Aber das ist doch jetzt ein ganz anderes Leben!“

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Der holländische Apotheker empfahl ihr weder Cannabis-Blüten, die üblicherweise inhaliert werden, noch den psychogenen Hauptwirkstoff THC, der zum Beispiel als Extrakt in öligen Tropfen unter der Bezeichnung Dronabinol verschrieben wird. Er riet ihr zu Cannabidiol (CBD).

Cannabidiol erzeugt keinen Rausch und ist (zurzeit noch) als Nahrungsergänzungsmittel eingestuft - und auch in Dortmund in einigen Apotheken, in Drogeriemärkten und auch im Online-Handel rezeptfrei erhältlich. Unter der Abkürzung CBD wird er als Öl vertrieben. Und ist natürlich keine Kassenleistung.
Unter die Gesetzesänderung (und damit in den Bereich der Kassenleistung) fallen nur die Cannabis-Blüten und der Hauptwirkstoff THC als Extrakt. Aber nicht in jeder Apotheke sind sie erhältlich. „Kurz nach der gesetzlichen Freigabe war zeitweise gar nichts zu kriegen“, berichtet die Dortmunder Apothekerin Gisela Ausbüttel. „Die Blüten, die auf einen bestimmten Wirkstoffgehalt standardisiert sind, beziehen wir laborgeprüft über zertifizierte Lieferanten aus Holland, der Schweiz und Kanada - und stellen daraus dann eine Rezeptur her. Wenn Kunden heute mit einem Rezept kommen, können wir sie beliefern.“

Cannabis schon lange als Medikament im Einsatz

Ein wenig fühlt sich die Apothekerin an die Kräutermedizin von vor 100 Jahren erinnert. „In unserem Apothekenmuseum haben wir noch alte Aufbewahrungs-Gefäße für Cannabis. Es ist ja nicht neu, dass diese Blüten wirken.“

Vor dem Weg zur Apotheke steht aber erst mal die Hürde der Kassen-Genehmigung. „Nur bei onkologischen und Palliativ-Patienten ist es relativ klar, dass sie erteilt wird. Bei Schmerzpatienten machen die Kassen ein Riesentheater“, weiß Dr. Prosper Rodewyk aus Erfahrung. Er ist Bezirksstellenleiter der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe und gehört auch deren Beschwerdeausschuss an. „Dabei verschreibt das kein Arzt, wenn er nicht wirklich einen chronischen Schmerzpatienten vor sich hat, den er gut kennt, oder jemanden mit Spastik oder Multipler Sklerose.“ Er selbst hat Anträge für vier Patienten gestellt, zwei wurden genehmigt. Dr. Rodewyk verschrieb ihnen Dronabinol, also den THC-Extrakt.

Nicht allen Patienten helfen Cannabis-Medikamente

In beiden Fällen hat das Mittel den Patienten nicht geholfen. Rodewyk: „Es wirkt eben nicht bei jedem. Einer der beiden Patienten – er leidet an einer generalisierten Arthrose - hat dann Cannabidiol im Drogeriemarkt gekauft. Und tatsächlich hilft das in seinem Fall.“

Victoria F. (48, Name geändert) reicht das allerdings nicht. „Ich brauche die kompletten Wirkstoffe der Blüte, um schmerzfrei zu werden“, sagt die gelernte Krankenschwester. Nachdem sie bei mehr als zehn Ärzten abgeblitzt war, fand sie einen Schmerztherapeuten in Dortmund, der den Antrag erfolgreich stellte.

Schmerzen im ganzen Körper

Wie Marianne Knoll hat sie ein vielfältiges Ganzkörper-Schmerzbild, das aus verschiedenen Erkrankungen entstanden ist. Chronische Schmerzen sind häufig von Depressionen begleitet. „Wenn ich im Auto saß, dachte ich oft: Welchen Brückenpfeiler nehme ich?“

Die Suizidgedanken sind weg, der Schmerz auch. Nach anderthalb Jahren Cannabis ist Victoria F. auf dem Sprung in ein neues Berufsleben als Verwaltungskraft im Krankenhaus.

Selbsthilfegruppe für Schmerz-Patienten

Unter dem Dach des Paritätischen Verbandes gründet Victoria F. zurzeit eine Selbsthilfegruppe. „Wir brauchen mehr Information, Hilfe beim Ausfüllen von Anträgen und damit einen besseren Zugang für Patienten, denen Cannabis wirklich helfen kann. Und es ist wichtig zu wissen, dass man nicht allein ist.“ (Kontakt: selbsthilfe-dortmund@paritaet-nrw.org; Telefon 0231-529097).

Mehr Information – das begrüßt Dr. Rodewyk. Am liebsten aber sähe er die Cannabis-Verschreibung in den Händen von Schmerztherapeuten. Chefarzt Dr. Martin Bauer und Oberarzt Dr. Wilhelm Schaffstein leiten die Schmerzklinik der Dortmunder Lukas-Gesellschaft im St. Rochus-Hospital in Castrop-Rauxel. Sie bestätigen, dass Cannabis-Blüten vor allem gegen neuropathische Schmerzen und Tumorschmerzen sehr gut wirken können, auch angstlösend seien – sie sehen es aber dennoch nur als „Reserve-Medikament“. Dr. Schaffstein: „Man muss Nutzen und Risiko sehr verantwortungsbewusst abwägen, denn man läuft Gefahr, dass bestimmte psychogene Wirkungen auftreten können.“

Cannabidiol (CBD) setzen sie zwar nicht ein, „aber möglicherweise ergibt die Begleitforschung, dass CBD wirkt oder auch noch ganz andere Inhaltsstoffe der Cannabis-Pflanze“, sagt Dr. Bauer. „Wir finden es zwar befremdlich, dass der Gesetzgeber Cannabis ohne Zulassungsverfahren zur Verschreibung frei gibt, aber vielleicht ist es die Chance für eine gesicherte Erforschung der Inhaltsstoffe und in der Zukunft sogar für weitere wirkungsvolle Medikamente aus der Hanfpflanze. Das Potenzial hat sie.“

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