Polizisten und Ordnungsamtsmitarbeiter werden bei Corona-Kontrollen immer häufiger mit aggressivem Verhalten konfrontiert. © Stephan Schütze (A)
Corona-Pandemie

Dortmunder reagieren zunehmend aggressiv bei Corona-Kontrollen

Wenn Ordnungskräfte auf die Einhaltung von Corona-Regeln hinweisen wollen, schlägt ihnen immer häufiger Aggressivität entgegen. Ein Dortmunder Psychologe erklärt, warum das so ist.

Rund 8500 Corona Verstöße meldet die Stadt Dortmund von März 2020 bis zum 28. März 2021 und „4125 Ordnungswidrigkeitenanzeigen wegen Verstoßes gegen die Maskenpflicht und das Ansammlungsverbot“.

Mehr Corona-Verstöße und mehr Aggressivität

Und wie Maximilian Löchter, ein Pressesprecher der Stadt, nun auf Anfrage mitteilt, nehmen die Coronaverstöße weiter zu: „Je mehr Sonnentage mit dem Frühling kommen und die Temperaturen ansteigen, umso mehr Coronaverstöße sind zu verzeichnen.“ Konkrete Zahlen dazu nennt die Stadt jedoch nicht.

Wohl aber die weitergehende Info: Nicht nur die gemeldeten Verstöße nähmen zu, sondern tendenziell auch die Aggressivität derjenigen, die gegen die Maßnahmen verstoßen:

„Feststellbar ist, dass die Akzeptanz der Menschen für die notwendigen Coronamaßnahmen schwindet und sich das durchaus auch im verbal aggressivem Verhalten äußert“, sagt Löchter. Bedingt ist dieses Verhalten für ihn durch eine „Pandemiemüdigkeit und Verdruss der Menschen.“

Gründe für Aggression sind vielschichtig

Auch der Psychiater Hans-Joachim Thimm, Oberarzt an der LWL-Klinik in Dortmund, versucht die Zunahme an Aggression einzuordnen: Er glaubt, dass die Menschen zu Beginn der Pandemie „sehr ängstlich“ waren und mit zunehmender Dauer nun „gereizter sind“.

Denn durch die Pandemie käme zum einen „eine Fülle an Belastungen“, wie beispielsweise das Homeschooling, das für Eltern einen nicht unerheblichen Mehraufwand bedeute. Zum anderen würde die Verwirklichung persönlicher Ziele gefährdet und „wer seine Ziele nicht erreichen kann, reagiert häufiger aggressiv“.

Wenn nun aber die Ordnungskräfte Coronaverstöße ahnden wollten, kämen noch weitere Dimensionen hinzu, die aggressives Verhalten triggern können.

Corona-Politik ist mit verantwortlich

Durch das Hin und Her in der Corona-Politik, die schnellen Wechsel zwischen Einschränkungen und Lockerungen, entstehe unter Umständen das Gefühl, dass es keine genaue Zielsetzung vonseiten der Politik gebe, folglich ginge Vertrauen verloren.

Durch verlorenes Vertrauen wiederum könne bei manchen Menschen die Einstellung entstehen: „Wenn die das nicht hinbekommen, dann sorge ich für mich, notfalls auch mit Ellenbogen-Einsatz.“

Diejenigen, die nun für sich selbst sorgen möchten und beispielsweise Freunde treffen wollen, werden allerdings wiederum vom Staat – durch Polizisten oder Ordnungskräfte – gestört. „Ich glaube, der Luftballon ist maximal aufgeblasen und wenn dann mit Anforderungen in den Ballon gepiekst wird, platzt er.“

Aggressives Verhalten – ein gesellschaftlicher Trend?

Zudem erfolge durch das Einschreiten der Ordnungskräfte „die Unterbrechung einer intentionalen Handlung”: Menschen verfolgten mit der Handlung, Freunde im Freien zu treffen, eine Absicht, sie befriedige soziale Bedürfnisse und auf das Unterbrechen dieser Absicht – das Einschreiten der Ordnungskräfte – reagierten Menschen „nicht selten aggressiv“.

Insgesamt, da ist sich Psychiater Thimm sicher, sind die Gründe für aggressives Verhalten allerdings „multifaktoriell“: Das soziale Umfeld spiele genau so eine Rolle wie Erziehung, ein Gefühl von Ohnmacht oder Frust.

Auch der gesellschaftliche Trend, unabhängig von der aktuellen Pandemie, beschreibt ähnliches Verhalten, sagt Thimm: „Wir beobachten auch generell eine Zunahme (Anm. d. Red. an Aggression) gegenüber den Ordnungskräften.“ Menschen, die in ihre Schranken gewiesen werden, reagieren allgemein zunehmend mit Aggression.

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