Masken tragen nur Touristen: Dortmunder erlebt die Pandemie in Schweden

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Klaus Weißbauer lebt seit 2009 in Schweden. Die Pandemie war dort anfangs kaum ein Thema, doch inzwischen gibt es Auflagen. Manche Supermärkte lassen sich etwas ganz Besonderes einfallen.

Dortmund

, 14.08.2020, 08:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Leben in dem schwedischen Dorf Högsby unterscheidet sich deutlich von dem in der Großstadt Dortmund. Denn Högsby ist flächenmäßig zwar ungefähr so groß ist wie die westfälische Metropole, doch in der südschwedischen Kommune leben gerade einmal 5600 Menschen.

In Corona-Zeiten tritt der Unterschied zwischen Deutschland und Schweden aber noch deutlicher zutage, weiß der gebürtige Dortmunder Klaus Weißbauer.

Eine innige Beziehung zu dem skandinavischen Land

Schon seit vielen Jahren besitzt Weißbauer, der in Dortmund aufwuchs, eine innige Beziehung zu dem skandinavischen Land: Regelmäßig verbrachten er und seine Frau Annegret den Urlaub in dem Ferienhaus, das sie sich in Högsby, unweit der schwedischen Ostküste, gekauft hatten.

Hier lässt es sich leben: Das Haus des Ehepaars Weißbauer in der südschwedischen Kommune Högsby.

Hier lässt es sich leben: Das Haus des Ehepaars Weißbauer in der südschwedischen Kommune Högsby. © Privat

Da so im Laufe der Zeit Freundschaften zu den dort lebenden Menschen entstanden waren, machte Klaus Weißbauer nach seiner Pensionierung im Jahre 2009 Nägel mit Köpfen und zog mit seiner Frau komplett nach Högsby um; ins „Pippi-Langstrumpf-Land“, wie dieser südliche Teil Schwedens oft genannt wird.

Das Leben in der von der Natur geprägten Region ist entspannter und entschleunigter als in vielen deutschen Regionen – und das galt besonders zu Beginn der Corona-Pandemie.

„Anfangs hat man davon nur wenig gemerkt“, erzählt der 75-Jährige, „im Prinzip war Corona gar nicht vorhanden. Es wurde kleingeredet.“

Die ersten Maßnahmen kamen eigentlich zu spät

Erst später habe es vor allem in Stockholm einige Maßnahmen wie das Besuchsverbot in Altenheimen gegeben, sagt der einstige Dortmunder: „Aber da war es eigentlich schon zu spät.“

Zunächst sei man in Schweden davon ausgegangen, Urlaubs-Heimkehrer aus dem österreichischen Skiort Ischgl hätten das Coronavirus eingeschleppt.

Doch aufgrund der vielen Covid-19-Fälle in Senioreneinrichtungen geht man heute davon aus, dass das Virus dort durch die häufig wechselnden Zeitangestellten verbreitet wurde.

Keine Frage: Der See Sinnern, der zur Kommune Högsby gehört, ist ein idyllisches Fleckchen Erde.

Keine Frage: Der See Sinnern, der zur Kommune Högsby gehört, ist ein idyllisches Fleckchen Erde. © Privat

„Schweden geht aber nach wie vor sehr locker damit um“, beschreibt Weißbauer das momentane Leben in seiner neuen Heimat, „die Bevölkerung ist darüber jedoch geteilter Meinung.“

Eigentlich würde um die Einhaltung von Abstand gebeten, „doch in der Realität ist das oft kaum spürbar. Manche Leute rücken einem wirklich so dicht auf die Pelle, dass man sagen muss: ‚Kommen Sie mir bitte nicht so nah.‘“

Auch Senioren nehmen es mit dem Abstand nicht so genau

Vielfach handele es sich dabei um Menschen mit Migrationshintergrund, die der schwedischen Sprache nicht mächtig seien; aber auch einige Senioren nähmen es mit der empfohlenen Distanz nicht so genau: „Und das, obwohl die Kommunen und Ärzte gerade die älteren Leute darauf hinweisen, Abstand zu halten.“

Die auch in Deutschland weit verbreitete Meinung, Schweden würde in Sachen Corona-Schutz kaum etwas unternehmen, stimme so nicht, sagt der 75-Jährige: „Aber die Maßnahmen sind eben nicht so rigoros wie in Deutschland.“

Beispiel Mund-Nasen-Schutz: „Den trägt hier so gut wie niemand, auch in den Geschäften nicht“, erzählt Weißbauer. „Und wenn dann doch mal jemand so eine Maske hat, dann handelt es sich meist um einen Urlauber.“

Von denen gebe es in diesem Jahr aber weniger als sonst: „Man sieht kaum ausländische Kennzeichen. Dafür verbringen viele Schweden ihren Urlaub diesmal in der Heimat.“

Restaurants waren zu keinem Zeitpunkt geschlossen

Auch mit den Hygienemaßnahmen sei erst spät begonnen worden – und längst nicht überall gebe es Stationen mit Desinfektionsmitteln.

Zudem seien die Restaurants nie geschlossen gewesen; vielmehr habe man die Tische weiter auseinandergerückt und nur eine begrenzte Zahl an Gästen zugelassen.

Kalmar ist mit über 36.000 Einwohnern die größte Stadt in der Umgebung von Högsby und besitzt sogar eine Altstadt.

Kalmar ist mit über 36.000 Einwohnern die größte Stadt in der Umgebung von Högsby und besitzt sogar eine Altstadt. © Privat

Obwohl auch Klaus Weißbauer und seine 68-jährige Ehefrau keine Maske tragen, versucht sich das Ehepaar bestmöglich zu schützen.

„Wir bleiben ganz bewusst mehr zu Hause, schließlich gehören wir wegen unseres Alters ja zur Risikogruppe“, sagt der ehemalige Techniker am Astronomischen Institut der Ruhr-Uni Bochum.

Supermärkte verkaufen Einkaufswagen an Privatleute

Beim wöchentlichen Großeinkauf trägt das Ehepaar Handschuhe, um den direkten Kontakt mit Gegenständen zu vermeiden.

Und es gibt eine Schutzmaßnahme, die es noch nicht nach Deutschland geschafft hat: Supermärkte verkaufen Einkaufswagen an Privatpersonen. „Wir haben für fünf Euro so einen Wagen erworben“, sagt Weißbauer, „mit dem können wir nun auch in anderen Läden einkaufen.“

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Obwohl die Fallzahlen in Schweden in den vergangenen Wochen deutlich gesunken sind, machen sich die Weißbauers durchaus Sorgen und strichen unter anderem den geplanten Deutschland-Urlaub.

„Und in Stockholm möchte ich zurzeit nicht leben“, fährt der 74-Jährige fort. „Wir haben dort Freunde, die momentan gar nicht vor die Tür gehen.“

Ein Fazit lässt sich wohl erst nach der Pandemie ziehen

Aber welches Land ist denn besser mit dem Virus umgegangen: Deutschland oder Schweden? Klaus Weißbauer überlegt kurz und sagt dann: „Das weiß man wohl erst, wenn die Pandemie wirklich vorüber ist.“

Hohe Infektionsrate in Schweden

  • Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) gab es in Schweden, wo etwas mehr als 10 Millionen Menschen leben, 82.323 Covid-19-Erkrankungen, 5763 Menschen starben (Stand: 10. August 2020).

  • Von den rund 83 Millionen Deutschen erkrankten demnach 216.327 Menschen an Covid-19, von denen 9127 Personen starben. Die Infektionsrate in Deutschland lag somit deutlich unter der schwedischen.
  • Die Neuinfektionen, so das Auswärtige Amt Deutschlands, seien in Schweden seit Anfang Juli jedoch konstant niedrig bei hohem Testniveau.
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