Wie gehen Familien mit den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie um? Wir haben uns auf dem Spielplatz im Dortmunder Westpark umgehört. V.l.: Sarah Seidel mit Theo und Oskar, Ida und Birgit Rickert © Sarah Bornemann
Verlängerter Lockdown

Dortmunder Corona-Protokolle: Familien leiden still – und sind am Limit

Wegen der hohen Infektionszahlen bleiben Schule und Kitas teilweise geschlossen. Homeoffice und Kinderbetreuung sind eine riesige Kraftanstrengung für Familien. Ein Spielplatz, zwei Geschichten.

Der verlängerte Lockdown erfordert von Eltern, erneut eine Balance zwischen Arbeit, Homeschooling und Kinderbetreuung zu finden. Die Angst vor dem Coronavirus belastet zusätzlich. Über ihre aktuelle Situation haben wir mit zwei Müttern auf dem Spielplatz im Westpark gesprochen.

„Das Anstrengendste ist, dass wir 24 Stunden aufeinander hocken“

Birgit Rickert (47): „Ich bin Führungskraft bei einer Krankenkasse, mein Mann ist Analyst bei einer Firma, die Anwendungsberatung für Krankenkassen macht. Wir sind beide systemrelevant. Ida ist sechs Jahre alt und geht in die erste Klasse der Hohwart-Grundschule. Wir behalten sie aber zuhause.

Mein Mann und ich haben beide unsere Stunden reduziert. Von meinem Chef bekomme ich alle Freiheiten mit Homeoffice und flexiblen Arbeitszeiten, auch am Wochenende. Aber ich will gar nicht am Wochenende arbeiten. Irgendwann muss ich doch auch durchatmen. Bis jetzt habe ich alles über Überstunden geregelt.

Mein Mann schafft die 30 Stunden. Ich nur, wenn ich noch abends oder am Wochenende etwas mache. Über die Kinderkrankentage haben wir uns informiert, mein Chef hat auch gesagt, mach das. Aber die Arbeit hab ich trotzdem. Durch Corona gibt es noch mehr Arbeit als zuvor.

Birgit Rickert ist 47 Jahre alt, Mutter einer sechsjährigen Tochter und arbeitet bei einer Dortmunder Krankenkasse - momentan von zuhause aus.
Birgit Rickert ist 47 Jahre alt, Mutter einer sechsjährigen Tochter und arbeitet bei einer Dortmunder Krankenkasse – momentan von zuhause aus. © Sarah Bornemann © Sarah Bornemann

Heute habe ich theoretisch Urlaub, aber ich habe vormittags zwei Stunden gearbeitet und um 14 Uhr eine Telefonkonferenz. Mein Mann arbeitet im Wohnzimmer, Ida und ich sitzen am Küchentisch.“ „Mama und Papa nerven voll“, ruft Ida, „weil die immer telefonieren! Da kann ich mich gar nicht konzentrieren.“

„Der verlängerte Lockdown bedeutet für mich, dass wir noch zwei Wochen länger starke Nerven brauchen. Das Anstrengendste ist nicht die Arbeit oder das Homeschooling, sondern dass wir Drei 24 Stunden aufeinander hocken. Es stellt unsere Beziehung arg auf die Probe.

Wir könnten Ida in die Notbetreuung geben, ja. Aber da wird sie ja auch nicht beschult.“ „Da müsste ich den ganzen Tag die Maske tragen und wenn ich nachmittags nach Hause komme, muss ich noch meine Schulaufgaben machen“, sagt Ida.

„Das wollen wir nicht. Und es klappt erstaunlich gut, wenn ich arbeite und sie daneben Hausaufgaben macht. Klar quasselt sie bei einer Telefonkonferenz auch mal dazwischen oder möchte Hallo sagen. Der Fernseher muss auch mal herhalten. Beim ersten Lockdown ist Ida noch in die Notbetreuung der Kita gegangen, aber da kamen auch nur drei Kinder.

„Zu Weihnachten stand auf ihrem Wunschzettel: Corona soll weggehen.“

Birgit Rickert (47) über ihre Tochter Ida

Was Ida im Wochenplan stehen hat, finde ich manchmal fast schon zu wenig. Das Homeschooling läuft über die Lernplattform IServ. Die Kinder bekommen Arbeitsblätter und die Lehrerin lädt Lernvideos hoch, zum Beispiel macht sie vor, wie ein G geschrieben wird oder erklärt die Minusrechnung am Zahlenstrahl.

Wir treffen uns nur mit einer einzigen Familie, weil sie genauso isoliert leben wie wir. Die Kinder kennen sich noch aus dem Kindergarten. Ida sagt manchmal, dass sie es schade findet, dass sie ihre Freunde aus der Schule nicht sehen kann. Zu Weihnachten stand auf ihrem Wunschzettel: Corona soll weggehen. Ich finde aber, dass Ida noch relativ gechillt ist.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal jemanden zur Begrüßung umarmt habe. Das muss im März gewesen sein. Dass sich die Menschen in Büros oder dem ÖPNV anstecken, glaube ich nicht. Das Problem sind die Zusammenkünfte in den Privaträumen. Wenn sich nur alle dran halten würden – Maske tragen, Abstand halten! Aber wenn du jemanden ansprichst, wirst du auch noch angepampt.“

„Ich habe keine Minute Ruhe“

Sarah Seidel (36): „Meine Kinder gehen nicht in die Notbetreuung. Mein Mann ist im Homeoffice, ich kann nicht von zuhause aus arbeiten. Aber wir kriegen das so geregelt.

Oskar ist sechs Jahre alt und besucht die Comenius-Grundschule. Theo ist drei Jahre alt und geht in die Awo-Kita Auf dem Hohwart. Ich will es Oskar nicht zumuten, dass er in der Notbetreuung den ganzen Tag mit der Maske rumlaufen muss. Es sind mir auch zu viele Kontakte. Theo bleibt deshalb auch zuhause.

Sarah Seidel ist 36 Jahre alt, hat zwei Jungs im Alter von 3 und 6 Jahren. Sie ist Psychologin am Klinikum Dortmund.
Sarah Seidel ist 36 Jahre alt, hat zwei Jungs im Alter von 3 und 6 Jahren. Sie ist Psychologin am Klinikum Dortmund. © Sarah Bornemann © Sarah Bornemann

Ich arbeite als Psychologin im Klinikum Dortmund, mein Mann ist Bankkaufmann. Ich kann nicht von zuhause aus arbeiten, deshalb habe ich reduziert auf vier Tage die Woche. Ich fange um halb acht an, jeden Tag fünf Stunden.

Der Arbeitgeber meines Mannes ist sehr großzügig, er kommt auch irgendwie auf seine 38,5 Stunden in der Woche, aber es ist sehr gestückelt. Wenn ich im Klinikum bin, macht Oskar dann Hausaufgaben und sitzt am Esstisch neben ihm, Theo ist glücklicherweise sehr genügsam und spielt.

Wenn es im Februar so weitergeht, ist absehbar, dass meine Überstunden nicht reichen. Dann müsste ich einzelne Kinderkrankentage nehmen. Wir haben beide viel zu tun, die Arbeit wird ja nicht von anderen gemacht. Die anderen Kollegen sind auch ausgelastet.

Aufregen führt zu nichts. Es lässt sich gerade nicht ändern. Und ich glaube, dass es bei uns noch gut läuft. Wir haben echt Glück mit unseren Kindern. Oskar ist bei den Hausaufgaben manchmal ein bisschen unkonzentriert, aber vielleicht ist das in dem Alter normal.

„Ich finde es schon anstrengend, dass man so aufeinander hockt.“

Sarah Seidel (36)

Sein Arbeitspensum ist okay. Viel mehr würden wir auch nicht schaffen, wir haben ja noch Theo. Der Kontakt ist sehr rege, alles läuft über E-Mail, jeden Tag gibt es eine Sprechstunde. Die Arbeitsblätter werden einmal die Woche geschickt. Ich hatte gehofft, dass die Schule bei der Digitalisierung etwas weiter ist. Videochats gibt es nicht, die Schule sagt, das funktioniere technisch nicht.

Die Kinder verstehen mittlerweile, dass man keine Kontakte haben darf. Oskar würde gerne wieder zum Sport, Fußball spielen. Aber Kinder leben im Jetzt, die machen sich nicht so große Gedanken wie wir. Wir gehen mit ihnen viel raus, fahren mal in den Wald. Und die Schwiegermutter ist einmal die Woche da.

Manchmal liegen die Nerven ein bisschen blank. Ich finde es schon anstrengend, dass man so aufeinander hockt. Ich habe kein Minute Ruhe: Ich komme von der Arbeit und übernehme direkt die Kinder, damit mein Mann arbeiten kann. Da pflaumt man sich schon mal an. Aber dann ist auch wieder gut.

Wenn ich höre, dass Partys aufgelöst werden mit 30 Mann, dann krieg ich einen Hals. Das geht zu deren Lasten, die sich bemühen. Weihnachten waren wir zu viert, auch sonst isolieren wir uns. Wahrscheinlich haben diese Leute keine Betroffenen im Bekanntenkreis. Corona, das ist halt so fern.“

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Sarah Bornemann, Jahrgang 1986, arbeitet seit Oktober 2013 als Redakteurin in der Dortmunder Lokalredaktion. Sie hat Journalistik in Leipzig sowie Germanistik und Soziologie in Münster studiert. Für das Volontariat bei Lensing Media kehrte sie nach sieben Jahren ins Ruhrgebiet zurück.
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