Dortmunder Arzt: „Wir können unsere Mitarbeiter nicht mehr richtig schützen“

dzCoronavirus

Die Coronakrise hat gerade erst begonnen, schon fehlt es in den Arztpraxen an geeignetem Schutzmaterial. Ein Dortmunder Arzt berichtet, wie dringlich das Problem bereits ist.

Dortmund

, 24.03.2020, 18:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Fünf Schutzmasken für das Gesicht gab es am Montagvormittag in der Praxis im Kaiserviertel noch. Fünf Masken, die die Helferinnen und Ärzte vor der Tröpfcheninfektion mit dem Coronavirus schützen sollten. Es gibt neun Mitarbeiterinnen und fünf Ärzte. 14 Leute also benötigen diesen Schutz. Bis das Virus nicht mehr grassiert, wie es das zurzeit tut, werden wohl noch einige Wochen vergehen. Solange müssten diese Masken halten. Anlass für eine Krisensitzung in der Praxis.

„Wir können uns und unsere Mitarbeiter nicht mehr richtig schützen“, sagt Dr. Eckart Fraisse, der mit seinen Kollegen Irina Lamers und Jochen Stripp die Praxis im Kaiserviertel betreibt. „Wir stehen mit einem Bein im Gefängnis, und es hilft uns niemand.“ Täglich kommen Patienten, viele davon sind bereits älter, gefährdet. Die Risikopatienten, über die nun alle reden. Immer wieder melden sich auch welche, die fürchten, sich mit dem Coronavirus infiziert zu haben. Wenn der französische Präsidenten von einem Gesundheitskrieg gegen das Virus spricht, dann verläuft durch die Praxen der niedergelassenen Ärzte die Front.

Der Markt ist wie leergefegt

„Wir selbst haben versucht, noch etwas auf dem Markt zu bekommen“, sagt Fraisse, es fehlt an Schutzkitteln, Desinfektionsmittel, auch Handschuhe werden knapp. Auf der Jagd nach den Masken verbringt der Arzt seinen freien Samstag im Baumarkt, denn auch die dicken Staubmasken, die Handwerker benutzen, können schützen. „Wir behelfen uns zurzeit, indem wir die speziellen Schutzmasken mit den einfachen, dünnen Papiermasken überdecken“, sagt Dr. Fraisse. So wollen er und seine Kollegen die Haltbarkeit des wertvollen Schutzes verlängern.

Krisensitzung am Sonntagnachmittag: Dr. Eckart Fraisse und Kollegen überlegen, wie sie die Patienten, sich und die Mitarbeiter besser schützen können.

Krisensitzung am Sonntagnachmittag: Dr. Eckart Fraisse und Kollegen überlegen, wie sie die Patienten, sich und die Mitarbeiter besser schützen können. © Oliver Schaper

„Um wirklich sicher zu sein, müssten wir hier dicht machen“, sagt Fraisse, was freilich nicht geht, denn die Mitarbeiterinnen und Ärzte wollen für ihre Patienten da sein und sich nicht drücken. Das Ergebnis der Krisensitzung: Offene Sprechstunden finden nicht mehr statt, um Menschenansammlungen zu vermeiden. Rein in die Praxis kommt nur noch, wer einen Termin hat.

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Durchhalteparolen von offizieller Seite

Doch wer kann helfen? Die Ärzte hören von Gesundheitsamt, Kassenärztlicher Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) und anderen Stellen nur Durchhalteparolen. Gleichzeitig bittet die KVWL die Hausärzte, sich an der Corona-Diagnostik zu beteiligen, um mehr Verdachtsfälle überprüfen zu können. Aus Sicht vieler Ärzte klingt das wie Hohn.

An der Corona-Front wie zurzeit viele andere Ärzte: Dr. Eckart Fraisse ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Arbeitsmedizin und Psychotherapie.

An der Corona-Front wie zurzeit viele andere Ärzte: Dr. Eckart Fraisse ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Arbeitsmedizin und Psychotherapie. © Oliver Schaper

Spricht man die KVWL auf die Nöte der Ärzte an, stößt man auf Verständnis und auf eine gewissen Ratlosigkeit. Denn die Probleme der Ärzte sind auch die der Verantwortlichen bei der KVWL: „Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe versucht bereits seit mehreren Wochen auf allen Ebenen und über alle verfügbaren Kanäle Schutzmasken, -brillen und -kittel sowie Desinfektionsmittel für die Arztpraxen in Westfalen-Lippe zu beschaffen“, heißt es in dem Antwortschreiben.

Neue Zentren sollen Ärzte entlasten - das dauert

Erschwert werde das durch die Grenzschließungen, diese komplizieren den Waren- und Güterverkehr. „Wann das Material vorliegt und an die Praxen verteilt werden kann, ist im Moment leider noch nicht absehbar“, so die KVWL. Mit den Corona-Diagnostikzentren, wie es seit dem Wochenende eines am Klinikum Nord gibt, wolle man die Ärzte entlasten. Auf Hochtouren liefen auch die Planungen für Behandlungszentren, in denen Corona-Patienten behandelt werden könnten.

Für Fraisse und seine Mitstreiter im Kampf gegen das Virus ist das ein schwacher Trost. Er hofft, dass sich andere finden, die Arztpraxen unterstützen können. Handwerker etwa, die wegen fehlender Aufträge ihre Schutzmasken nicht brauchen. Und tatsächlich findet sich am Montag unerwartete Hilfe: Ein Nachbar bringt 40 Masken vorbei. „Das war reines Glück!“ Und es ist nur eine vorübergehende Lösung.

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