Wer in Dortmund feiern geht, war sicher schon mal auf einer seiner Partys - allen voran die Firestarter-Party. Dabei ist DJ Firestarter auch weltweit unterwegs - seit nunmehr 25 Jahren.

Dortmund

, 14.12.2018, 14:41 Uhr / Lesedauer: 6 min

Es gibt diesen Moment, da ist klar, dass es gleich brennen wird. Die Menge springt, einzelne Menschen werden zur wogenden Masse. Hoch und runter. Wie ein brodelnder Kochtopf muss das von oben aussehen, von der DJ-Kanzel, wo DJ Firestarter hinter den Reglern steht.

Das ist er, der Moment, wo der Funke überspringt. Noch lauter als der ewig wütende Zack de la Roca von Rage against the machine schreit die Masse „Fuck you, I won’t do what they tell me“. DJ Firestarter hat „Killing in the name“ aufgelegt, 5 Minuten 14 Sekunden Revolution, und das Feuer im FZW ist an.

Seit 1997 kennen die Dortmunder Chris Stemann (47), der später den Namen DJ Firestarter annehmen wird und die Party, die in der legendären Live Station am Hauptbahnhof ihren Anfang nahm, doch die Geschichte beginnt früher. Seit 25 Jahren legt Chris bereits auf. Mit Engagements auf der ganzen Welt.

Der Start: Plattenladen in Australien

Der Einstieg in das Leben mit Musik war eigentlich ein Ausstieg. Nach dem Abitur ging Chris Stemann nach Australien. Der fremde Kontinent am anderen Ende der Welt und eine Beziehung dort waren verlockend, er musste dahin und blieb gleich da. „Angefangen habe ich in Australien mit einem Plattenladen“, erzählt Stemann. In Maryborough war das, 1991. Die Achtziger hallten noch nach, musikalisch tat sich aber auch viel Neues.

DJ Firestarter schaffte es von der Live-Station bis nach Südafrika, Hollywood und Japan

Mit einem Plattenladen im australischen Maryborough fing alles an. © DJ Firestarter

Guns `n‘ Roses veröffentlichten ihr Meisterwerk, das Doppelalbum Use your Illusion, und mit Nevermind von Nirvana oder Pearl Jams Ten erfand sich der Rock neu – als Grunge, als Antirock. Keine schlechten Zeiten für jemanden, der Musik verkaufen möchte. „Bei mir gab es die ganze Bandbreite an Platten“, sagt Chris Stemann. Was kann es Schöneres geben für jemanden, der Fan ist, als in einem Laden voller Musik und Gleichgesinnter zu arbeiten. Um ihn herum nur Platten und CDs.

Es war nur ein kleiner Schritt, und Stemann wurde zwei Jahre später vom Plattenverkäufer auch zum Plattenaufleger. Seine ersten DJ-Stationen waren ein Club namens The Albion in Maryborough und The Metro in Melbourne. Mit seinen Platten und seiner Musikkenntnis kam er gut an als DJ. Das Plattenverkaufen gelang ihm weniger. 1994 war Schluss mit dem Laden und der Freundin. Chris zog es zurück in seine Heimatstadt Dortmund.

Die legendäre Live-Station wurde die Heimat von DJ Firestarter

Eine unscheinbare Stahltreppe führte am Dortmunder Hauptbahnhof zu einer ebenso unscheinbaren Tür links oberhalb des Hauptportals. Dahinter verbarg sich die Live-Station. Wer drinnen war, wunderte sich dann doch über die Weitläufigkeit des Clubs. Das dunkle Interieur, der Industriecharme passten gut zu der Musik, die dort mittlerweile lief: stampfende Beats zu elektronischen Klängen.

House, Industrial, Electro war die Musik der Stunde. Auch in der Live-Station. 1997 war das. „Rock war eigentlich tot“, sagt der 47-Jährige, zumindest was die Clubszene angeht. Er lief in Kneipen, es gab den Soundgarden, aber selbst dort besetzte Rock später nur die Nische. „Irgendwie fehlte das, also hab ich‘s versucht“, sagt Stemann, der von nun an regelmäßig in der Live-Station auflegte.

DJ Firestarter schaffte es von der Live-Station bis nach Südafrika, Hollywood und Japan

Erfolg mit Rock: die Firestarter-Party in der Live-Station. © DJ Firestarter

Später, 2001, wurde daraus das Partyformat Firestarter. Rock war wieder voll da, und mit Nu Metal und den ersten Indiebands lag DJ Firestarter genau richtig. Er spielte Papa Roach, Linkin Park, Incubus, Placebo, Muse – und die Dortmunder, darunter viele Studenten, tanzten auf den Boxen.

Bis 2009 ging das so, bis die Live Station schließen musste. Das Partyformat zog um ins Sixx.PM, dann ins FZW, wo es noch heute an jedem ersten Samstag im Monat läuft.

Dortmund als Basis für eine weltweite Karriere

„Dortmund war immer meine Homebase“, sagt Chris Stemann, doch für den Musikliebhaber gab es immer wieder auch Engagements außerhalb des Ruhrgebiets, ja, außerhalb Deutschlands. Die Liebe zur Musik war auch hier der Grund. „Ich früher Fan der Band Simple Minds“, erzählt der DJ. Er reiste den Musikern aus Glasgow hinterher, war bei vielen Konzerten dabei. Später berichtete er als Musikjournalist über die Auftritte und kam als Riesenfan irgendwann mit Jim Kerr, dem Sänger der Gruppe, ins Gespräch.

Aus dem Gespräch wurde ein intensiver Kontakt, und der Musiker wurde auf Stemanns DJ-Tätigkeit aufmerksam. „Er lud mich später ein, bei einer Aftershow nach einem wichtigen Konzert der Band aufzutreten“, sagt der Musikfan. Es war das Jubiläumskonzert der Gruppe 2003 in Glasgow, ein vielbeachtetes Heimspiel der Band. Das wiederum verschaffte Stemann Aufmerksamkeit in Großbritannien, und so wurde er von 2004 bis 2006 Resident DJ im Londoner Limelight.

Das Publikum, für das er auflegte, wurde größer, seine Auftritte wurden internationaler: Beijing, Olympische Spiele 2008; bei der Partynacht zum 100-jährigen Bestehen des BVB 2009 bespielte er ein ganzes Stadion. Apropos Fußball: In Südafrika spielte er beim Fan-Fest des Fifa World Cups sowie in Rio de Janeiro beim Fifa Homeless World Cup. Er wurde engagiert für Auftritte in New York, dort war es das berühmte Warehouse, Boston, Miami, Los Angeles, Memphis und Las Vegas.

Mit Siegfried und Roy in der Limousine

„Mit Las Vegas verbinde ich eine besondere Geschichte“, sagt er. Zum einen sei es cool, in dieser Stadt aufzulegen. Zum anderen ist da aber dieser unvergessliche Las-Vegas-Moment: Auf dem langen Flug in die Wüste habe er eine Frau kennengelernt, eine Nonne, mit der sich die ganze Zeit lang sehr gut unterhalten habe.

In Nevada angekommen, habe er der Frau beim Gepäck geholfen und sei mit ihr zum Eingang des Terminals gegangen. Als er sich gerade ein Taxi rufen wollte, fuhr eine Stretchlimousine vor. „Und wer kam da raus? Siegfried und Roy! Mehr Las Vegas geht nicht.“ Es stellte sich heraus, dass die Nonne die Schwester eines der Magier war. Und so boten Siegfried und Roy ihm an, in der Limo mitzufahren. „Sie haben mich dann bis zum Hotel gebracht“, schwärmt der DJ von der Freundlichkeit der beiden Entertainer.

Prominente hat er auf seinen Reisen häufiger getroffen. So saß Chris Stemann einmal im Flieger neben Salman Rushdie, dem berühmten Autoren der Satanischen Verse. „Acht Stunden sind ein langer Flug, da kommt man schonmal ins Gespräch“, erzählt Stemann. Es ging um das Leben, Philosophie, natürlich Musik und die Fatwa, die Aja­tol­lah Khomeini gegen Rushdie ausgesprochen hatte. Rushdie lud ihn ein, das Gespräch zu vertiefen, und der DJ und der Bestseller-Autor trafen sich bei einem Empfang Rushdies in New York.

Der legendäre Viper-Room

Doch nirgendwo dürfte die Promi-Dichte so stark gewesen sein wie 2013 in Hollywood, Los Angeles. Der DJ aus Dortmund legte dort nach der Oscar-Verleihung auf der Aftershow-Party der Academy Awards auf.

Und wer in Hollywood als DJ bei einer der wichtigsten Partys aufgelegt hat, trifft auch schonmal Jack Nicholson in einem Steakhouse und ist später eine Art Stamm-DJ im legendären Viper-Room, dem Club, den Johnny Depp mit Tom Waits betrieben hat, und vor dessen Tür der junge Schauspieler River Phoenix, eine Ikone der Neunziger-Jahre, im Drogenrausch starb.

Hier hatte Chris Stemann einen gemeinsamen Auftritt mit Matt Sorum und Gilby Clarke von den Guns n Roses; nach dem Tod von Soundgarden-Sänger Chris Cornell („Black Hole Sun“) legte er bei der Gedenkfeier für den Grunge-Heroen auf. Seine Art, Musik zu machen, kommt an. „Technisch gesehen gibt es sicher bessere DJs. Es geht darum, im entscheidenden Moment die richtige Musik zu spielen. Da hatte ich, glaube ich, immer das richtige Gespür für“, sagt Stemann. Eine fertige Playlist gibt es bei ihm nicht.

Als DJ in gewissen Kreisen bekannt geworden, gibt es für ihn immer auch Folgeaufträge. Noch vor dem Hollywood-Auftritt spielte er auf einer Aftershow-Party für Rammstein in Buenos Aires, Argentinien. Die Band buchte ihn 2017 noch einmal, als sie in Estland, in Tallin, spielte.

Die Liste mit prominenten Auftritten lässt sich beliebig fortführen. „Musik ist wie in einem alten Tagebuch zu lesen. Da werden so viele Emotionen frei, die eigentlich verschüttet waren, die man sonst nicht abrufen kann“, sagt Chris Stemann. Und mit der Musik verbinden sich in seinen Erinnerungen an die Auftritte. Auftritte wie der im Madison Square Garden als Support für Adele.

Viele Partys gehen auf seine Kappe

Weltweit hat er sich als DJ einen Namen gemacht, doch auch in Dortmund legt Chris Stemann noch regelmäßig auf. Gleichzeitig tritt er hier als Veranstalter eigener Partyreihen auf. Neben der Firestarter-Party gehören dazu die Rock the Boat-Feier auf der MS Santa Monica, die 90‘s und 2000er-Party im FZW, 30+ - Too old to die young oder die sehr erfolgreiche 44&more-Party im Domicil.

Gut angenommen worden sei auch seine jüngstes Projekt: die Familiendisko im FZW, bei der auch die Kinder der Firestarter-Party-Besucher der ersten und zweiten Stunde mitfeiern können. Aktuell versucht er sich an der 360-Grad-Party, einem Partykonzept an jedem 3. Samstag im Domicil, bei dem in jeder Stunde ein anderer musikalische Schwerpunkt gesetzt wird. Am 19. Januar 2019 ist es wieder soweit.

DJ Firestarter schaffte es von der Live-Station bis nach Südafrika, Hollywood und Japan

Die Firestarter-Party findet immer noch regelmäßig am 1. Samstag im Monat im FZW statt. © DJ Firestarter

Mit „Rund-ums-U“ arbeitet DJ Firestarter zusammen mit der Sparkasse Dortmund an einer neuen Dortmunder Partynacht, die am 2. März 2019 Premiere feiert und bei der man mit einem Ticket in sechs Locations und auf zehn Dancefloors feiern kann. Mit dabei sind neben dem FZW, dem View im U, Domicil und der Oma Doris auch erstmalig die Sparkasse Stadtmitte und das Fußballmuseum.

Auftritte in Japan

Gleichzeitig ruft immer wieder die weite Welt, etwa wenn DJ Firestarter in Tokyo in Hinblick auf die Olympischen Spiele 2020 regelmäßig bei Clubgigs und Sponsorenterminen auftritt. Denn auch in Japan ist er nach Auftritten bei den Sumo Championships 2016 und 2018 kein Unbekannter.

DJ Firestarter schaffte es von der Live-Station bis nach Südafrika, Hollywood und Japan

Aktuell reist Chris Stemann regelmäßig nach Japan, wo er häufig in Vorbereitung für die Olympischen Spiele gebucht wird. © DJ Firestarter

In anderen Ländern aufzulegen, das sei anders als in Deutschland. „Die Leute wollen etwas Neues entdecken“, sagt Chris. Hier höre er manchmal, wie jemand sich über seine Songauswahl beschwert. Dann wünsch‘ dir was, sagt der DJ dann. „Und dann kommt doch nur ein Song, der schon zehn Jahre alt ist.“

Und dennoch: „Ich bin immer froh, einfach nur bei meiner kleinen Tochter sein zu können“, sagt der weitgereiste DJ. Zuhause, das ist für ihn Dortmund. „Hier kann ich Luft holen“, sagt er. Und sollte es langweilig werden, entfacht der Firestarter bei einer seiner Partys einfach wieder ein kleines Rock-Feuer.

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