Immer mehr Dortmunder sind psychisch krank und lassen das in einer Klinik behandeln. Doch was kommt danach? Viele kämpfen um eine Rückkehr in die Gesellschaft – und das ist nicht einfach.

Dortmund

, 03.11.2019, 17:39 Uhr / Lesedauer: 3 min

In einem unscheinbaren Konferenzsaal in der östlichen Innenstadt geht es an einem Herbstnachmittag um eine grundsätzliche Frage: Wie gehen wir als Gesellschaft mit Menschen um, die wegen einer psychischen Erkrankung in einer Klinik behandelt wurden? Zumindest anders als mit Menschen, die mit körperlichen Beschwerden im Krankenhaus landen.

Die KMPE (Koordinierungs-Gruppe Mitbestimmung Psychiatrie-Erfahrener in Dortmund) blickt in besonderer Weise auf das Thema geistige Erkrankungen. In den Räumen von „Bethel regional“ an der Von-der-Tann-Straße sitzen fünf Profis aus verschiedenen sozialen Einrichtungen wie ambulant betreuten Wohngruppen oder Tageskliniken an einem Tisch mit sechs psychiatrieerfahrenen Menschen.

Klinikaufenthalt ist fast immer ein einschneidendes Ereignis

Ein Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik ist ein einschneidendes Ereignis. Für das persönliche Umfeld, aber auch für die gesellschaftliche Position. „Wenn jemand entlassen wird und es ist kein soziales Netz da, ist dringend Hilfe angesagt“, sagt Ralf Schmiegel von Bethel Regional.

Das KMPE-Netzwerk bündelt Infos über Therapiemöglichkeiten, vermittelt Beratung von Betroffenen zu Betroffenen. Mitarbeiter begleiten die Genesung. Der Verein ist außerdem Anlaufstelle für Beschwerden über die Behandlung. Von dem Netzwerk profitieren auch Angehörige psychisch erkrankter Menschen.

Zwei Geschichten von Menschen mit Psychiatrieerfahrung

„Psychiatrieerfahrung“ hat ganz unterschiedliche Gesichter. Eines davon ist Bettina (Name geändert), eine Frau Mitte 50, die an einer paranoiden Schizophrenie erkrankt ist, die in Schüben auftritt. „Ich bin chronisch“, sagt die Dortmunderin.

Ein Kontrollverlust durch eine plötzliche Persönlichkeitsveränderung fiel erstmals im Alter von 16 auf. Damals, 1976, blieb das noch ohne Diagnose und Bettina wurde nach überholten Methoden behandelt. Im Studium kehren die Symptome zurück. Es ist ein Kinofilm, der ihr Bild von sich selbst verändert. „Ich habe ,Einer flog übers Kuckucksnest‘ gesehen und gedacht: Genau so war es bei mir.“ Sie beginnt ihre Krankheit besser zu verstehen und begibt sich in Behandlung.

Ihren letzten Rückfall mit Polizeieinsatz und anschließender Fixierung hatte sie 2005. Zugleich ist sie bis heute in der Lage, ein selbstständiges Leben zu führen und einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen. „Ich habe Jobs wegen der Krankheit verloren, Aber ich habe auch immer Glück gehabt.“ Mit ihrer Erfahrung hilft sie anderen Betroffenen seit Jahren.

Aus „ab und zu mal traurig“ wird „die wollten mich nicht mehr gehen lassen“

Ein anderes Gesicht ist das der 24-jährigen Studentin Nina (Name geändert), die seit einigen Wochen mit in der KMPE-Runde sitzt. Ein Online-Test brachte sie auf die Spur, dass ihre häufige Traurigkeit Ausdruck einer schweren Depression sein könnte. Ein Psychotherapie-Platz war für sie aber trotzdem nicht zu bekommen. Die Situation eskalierte beinahe. Als sie nach eigener Aussage kurz vor einem Suizidversuch steht, sucht sie eine psychiatrische Ambulanz auf. „Die wollten mich nicht mehr gehen lassen.“

Jetzt lesen

Von jetzt auf gleich war sie für zehn Wochen aus ihrem Alltag herausgerissen. Ohne, dass Familie oder Freunde davon wussten oder es auch nur geahnt hätten. „Das war extrem drastisch“, sagt sie.

Nach der Entlassung warten viele Hürden

Für viele andere sind die Hürden oft vor allem finanzieller Art. Die Jobsuche ist mit bestimmten Diagnosen ein Problem. Bettina sagt: „Es gibt Vorurteile. Für Burn-out haben viele noch ein gewisses Verständnis. Aber wenn ich sage, ich habe eine paranoide Schizophrenie, dann gehen alle Klappen runter.“

Wo verläuft die Grenze, ab der ein Mensch nicht mehr selbst über sein Handeln bestimmen darf? Das vermögen auch die Betroffenen aus Dortmund nicht ganz genau zu definieren. Sie sehen verschiedene Hürden auf der Verwaltungsebene nach der Entlassung. Sie sehen auch strukturelle Probleme im Psychiatriesystem.

Fachleute üben Kritik am Psychiatriesystem

Ralf Schmiegel von Bethel Regional sagt: „Betroffene haben oft keine Chance. Jemandem mit einer Diagnose spricht man häufig das Urteilsvermögen ab. Der aktive Patient ist nicht gerne gesehen.“ Er hält das für einen „Systemfehler“.

Eyk Schröder, Fachbereichsleiter für Psychiatrie und Behindertenarbeit bei der Diakonie Dortmund, sagt: „Das Psychiatriesystem ist gefärbt durch Pharma-Firmen und stark wirtschaftlich geprägt.“ Zudem gebe es viele unterschiedliche Therapiewege.

Erkrankte kämpfen für ihre Rechte

Seit Anfang der 90er-Jahre organisieren sich Menschen mit Psychiatrieerfahrung in Vereinen und Verbänden, um auf Missstände hinzuweisen. Es gibt unter anderem eine bundesweite Kampagne unter dem Titel „PatVerfü“, die sich gegen die „Zwangseinweisung in Psychiatrien“ einsetzt.

An der Kampagne gibt es Kritik von Psychologen. Zugleich wurden in der jüngeren Vergangenheit Fälle diskutiert, in denen Menschen zu Unrecht in eine Klinik eingewiesen werden oder dort unrechtmäßig behandelt werden. Der bekannteste war der von Gustl Mollath, dessen Unterbringung im Maßregelvollzug in Bayern 2013 nachträglich von einem Gericht als unrechtmäßig eingestuft wurde.

Jetzt lesen

Die Probleme, die Betroffenenverbände, Therapeuten und Ärzte beschreiben, werden nicht einfach verschwinden. Denn die Prognosen sind eindeutig: Die Zahl an psychiatrischen Behandlungen wächst weiter, besonders drastisch bei Kindern und Jugendlichen. Zugleich fehlen Psychotherapeuten und Klinikplätze, speziell im Ruhrgebiet.

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Illegaler Service

Arztpraxis in Dortmund verkauft Krankschreibung ohne Untersuchung – für 2 Euro

Hellweger Anzeiger Gesundheitsversorgung

Krankenhäuser in Dortmund: Das bedeuten die Pläne des Ministeriums für ihre Zukunft

Hellweger Anzeiger Ruhr Nachrichten testen

Arzt-Termine: Warten Kassenpatienten in Dortmund wirklich länger als Privatversicherte?

Hellweger Anzeiger Leukämie

Ein Schnupfen könnte ihn das Leben kosten: Wie Deniz aus Dortmund gegen den Blutkrebs kämpft