Physiotherapeuten sehen sich mit einer Flut von Terminabsagen konfrontiert. Durch die Corona-Krise bleiben viele Patienten weg. Die Praxenbetreiber fürchten um ihre Existenz.

Dortmund

, 27.03.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Bis zum 16. März herrschte Hochbetrieb in der Gemeinschaftspraxis für Physiotherapie und Osteopathie Betz & Pohl an der Berghofer Straße. Die Terminbücher waren voll, die 13 Therapeuten der Praxis maximal ausgelastet. Neupatienten mussten sich bis zu vier Wochen gedulden, um einen Termin zu bekommen. Dann kam die Angst vor Corona. Und mit ihr die leeren Wartezimmer in den Praxen der Dortmunder Physiotherapeuten.

„Als die Schließung von Schulen und Kitas bekannt wurde, ging es bei uns in der Praxis mit den Terminabsagen los. Immer mehr Anrufe gingen ein, Patienten blieben fern“, schildert Physiotherapeut Sebastian Betz das, was da passierte. Schlag auf Schlag sei es gegangen – und bis heute habe sich das nicht geändert.

70 Prozent Auftragseinbruch

In Kombination mit dem Betretungsverbot der Seniorenheime für betriebsexterne Personen haben die Terminabsagen die Auftragslage in kurzer Zeit drastisch reduziert, so Sebastian Betz. Um 70 Prozent seien die Aufträge weggebrochen. Am 23. März hat die Praxis Kurzarbeit anmelden müssen.

„Dass man mit Einbußen hinsichtlich der Corona-Krise zu rechnen hatte, war vorauszuahnen. Doch die Dramatik der vergangenen Tage konnte ich mir in meiner Fantasie noch nicht einmal ausmalen“, sagt der Physiotherapeut. Mit dem leichteren Zugang zum Kurzarbeitergeld habe die Politik eine schnelle Hilfe bereitgestellt, doch: „Auf Standing Ovations braucht die Regierung nicht zu hoffen.“

Keine Lösung auf lange Sicht

Trotz Kurzarbeit könnte die Corona-Krise auf längere Sicht selbständige Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Podologen und deren Mitarbeiter in den wirtschaftlichen Ruin treiben. Das befürchtet auch Julia Hoffmann vom Physiotherapie-Zentrum Dortmund-Wambel.

„Am Montag ist hier das Worst-Case-Szenario eingetreten. Das Telefon stand nicht mehr still“, erzählt die Therapeutin. Ursache sei der ihrer Meinung nach missverständliche Erlass über die Schließung von Massagepraxen gewesen.

„Sowohl bei Patienten als auch bei den Ärzten war der Erlass so interpretiert worden, als wenn damit auch medizinische Praxen gemeint wären. Das stimmt aber nicht. Wir medizinischen Dienstleister haben weiterhin geöffnet und behandeln auch", so Hoffmann.

Ungewisse Zukunft

Insgesamt 35 Mitarbeiter an drei Standorten arbeiten für das Physiotherapie-Zentrum Dortmund. Auch dort wird aktuell Kurzarbeit gefahren. Auch dort sieht man besorgt in die Zukunft. „Anders als andere Betriebe, die krisenbedingt schließen müssen oder Umsatzeinbußen erleiden, haben die Heilmittelerbringer bisher keinen Anspruch auf finanzielle Rettungsschirme. Die Politik hat uns vergessen“, sagt Julia Hoffmann.

Sie spricht von einem Kuddelmuddel, bei dem Bund und Länder es nicht hinbekommen würden, einen einheitlichen Kurs zu fahren. Überdies kritisiert Hoffmann, dass Heilmittelbringer ebenso in Sachen Schutzmasken und -kleidung kaum beachtet werden: „Bis Ende Mai kommen wir mit der vorhandenen Schutzkleidung aus, aber dann benötigen wir dringend Nachschub“.

Angst vor Ansteckung

Für die Sorgen der Physiotherapeuten bringen ihre Patienten großes Verständnis auf. Doch trotzdem bleiben Dortmunder wie Hans-Georg Winkler den Praxen derzeit fern. Nach einer Operation an der Schulter wurde dem 81-Jährigen ein Rezept für zehn Behandlungen beim Physiotherapeuten vom Arzt ausgestellt.

„Nach drei Sitzungen habe ich dann alle Termine vorläufig mal abgesagt. Ich gehöre zur Risiko-Gruppe des Coronavirus und habe auch sonst keine Lust mich mit irgendwelchen Krankheiten anzustecken“, erklärt der Senior.

Verunsicherung bei Patienten

Laut Winkler sei es derzeit zudem schwer, überhaupt in Erfahrung zu bringen, wie und ob der Betrieb bei den Physiotherapeuten aufrecht erhalten werde.

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„Ich habe bei meiner Krankenkasse gefragt. Die waren sich auch nicht wirklich sicher, wer überhaupt geöffnet hat und wie das mit dem Erlass ist, aber da herrschte auch Unsicherheit“, sagt Winkler. Die Verunsicherung bei den Patienten bestätigt Birte Chudaske. Die Physiotherapeutin der Praxis von Ulrike Freund an der Hermannstraße bekräftigt die Existenzangst, die derzeit ihren Berufsstand heimsucht.

Physiotherapeut als Mangelberuf

Laut Chudaske ist der Beruf des Physiotherapeuten ein Mangelberuf in der medizinischen Versorgung, es fehlt am Nachwuchs und der Verdienst ist ebenfalls nicht üppig. Wie ihre Kollegen wünscht sie sich, dass die Branche bei dem Maßnahmenpaket des Bundes Beachtung findet.

Der Deutsche Verband für Physiotherapie (ZVK) sowie der Deutsche Spitzenverband für Heilmittelverbände (SHV) haben mittlerweile reagiert, fordern:

"Zum Erhalt der ambulanten Versorgungsstrukturen braucht es jetzt Rückendeckung durch die Politik. Nur mithilfe von angemessenen Ausgleichszahlungen lässt sich der Fortbestand der ambulanten therapeutischen Versorgung erhalten. Kommt der Rettungsschirm jetzt nicht, stehen die Heilmittelpraxen vor dem Aus."

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