Die Pflicht zu Kassenbons ist eine bürokratische Absurdität

dzKlare Kante

Ab Januar müssen alle Geschäfte Kassenbons ausgeben – ob Pommesbude oder Bäcker. Auch wenn sie nur etwas für Centbeträge verkaufen. Das nützt wenig und schadet viel, findet unser Autor.

Dortmund

, 18.11.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Stellen Sie sich folgende Szene an der Trinkhalle um die Ecke vor: Sie: „Eine gemischte Tüte für nen Euro ohne Lakritz bitte.“ Darauf der Verkäufer: „Hätten Sie gern den Kassenbon oder soll ich den entsorgen?“ Egal, ob Sie Ja oder Nein sagen: Gedruckt werden muss der Bon! Klingt bescheuert, ist aber ab 2020 Pflicht.

Am 1. Januar tritt die 2017 beschlossene „Verordnung zur Bestimmung der technischen Anforderungen an elektronische Aufzeichnungs- und Sicherungssysteme im Geschäftsverkehr“ in Kraft. Und die ist genau so bürokratisch, wie sie klingt.

Ein leichtes Ziel

Mit der Verordnung will das Bundesfinanzministerium etwas Sinnvolles und Nötiges erreichen: Sie soll dazu beitragen, Steuerhinterziehung zu vermeiden. Erreicht werden soll das eben unter anderem mit der Kassenbonpflicht.

Ob die Bonpflicht aber der beste Ansatzpunkt ist, Steuerverbrechern auf die Schliche zu kommen, darf bezweifelt werden. Sinnvoller wäre zum Beispiel die Verhinderung von Cum-Ex-Geschäften gewesen. Diese Steuertricks im rechtlichen Graubereich hatten unter anderem 2018 breite Aufmerksamkeit erfahren. Investigativjournalisten deckten damals auf, wie professionelle Anleger den Staat mit Steuertricks um Milliarden gebracht haben.

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Aber anstatt gegen professionelle Finanzjongleure vorzugehen, wählte der Staat nur den für ihn einfacheren Weg. Mit Kanonen auf Spatzen zu schießen und dabei den Drachen außer acht zu lassen, ist aber eine Sache. Den Baum gleich mit umzulegen, auf dem der Spatz sein Nest gebaut hat, ist eine ganz andere.

Oder anders gesagt: Die neue Regelung schadet deutlich mehr, als sie nutzt.

Einzelhandel läuft Sturm

Wenig erfreut von der neuen Regelung ist zum Beispiel der deutsche Einzelhandel. „Wir rechnen mit mehr als zwei Millionen Kilometern zusätzlicher Länge an Kassenbons im Jahr“, sagt der Steuerexperte des Handelsverbandes Deutschland, Ralph Brügelmann, der Deutschen Presse-Agentur dpa. Zwei Millionen Kilometer, das entspricht etwa dem Fünffachen der durchschnittlichen Entfernung zwischen Erde und Mond.

Jürgen Hinkelmann, Geschäftsführer der Bäckerei Grobe und so etwas wie der Sprecher der Dortmunder Bäcker, spricht vom „größten Quatsch aller Zeiten“. Mehr als 20.000 Euro werde allein sein Unternehmen „dieses blöde Papier“ wohl jährlich mehr kosten. Hinzu kommen die Sekunden für das Ausdrucken und Überreichen des Bons. Für Hunderte Kunden täglich.

Zudem sieht die Verordnung auch technische Umrüstungen vor, die ebenfalls Geld kosten.

Blödes Papier

Apropos blödes Papier: Wer schon mal einen Kassenbon in der Hand gehalten hat, wird gemerkt haben, dass der nicht auf Normalpapier gedruckt wird. Stattdessen handelt es sich meist um sogenanntes Thermopapier. Es ist beschichtet und verfärbt sich unter Wärmeeinwirkung.

Das funktioniert in vielen Fällen mittels der Chemikalie Bisphenol-A (BPA), die laut vieler Experten unter anderem schädlich auf die Fortpflanzungsfähigkeit von Lebewesen wirken kann. Deshalb dürfen Kassenbons auch nicht im Altpapier entsorgt, sondern müssen als Restmüll verbrannt werden.

Immerhin: Wegen einer Verordnung der EU-Kommission darf BPA ebenfalls ab 2020 nicht mehr für Kassenbons genutzt werden.

Müllvermeidung geht anders

Es wirkt einigermaßen aus der Zeit gefallen, Unternehmen dazu zu verpflichten, Tausende kleine Papierfetzen zu produzieren, die die allermeisten Menschen spätestens zu Hause entsorgen. Ein oft unnützer Gegenstand, dessen Produktion nicht gut für die Umwelt ist.

Papier wird, trotz eines gewissen Recycling-Anteils, aus Pflanzenfasern hergestellt. Dafür werden Bäume gefällt. Für die Papierherstellung werden Energie und Wasser verbraucht.

In Zeiten, in denen viele Menschen versuchen, ihren eigenen negativen Einfluss auf Umwelt und Klima zu minimieren, finden die meisten es wahrscheinlich unsinnig, Müll aufgedrückt zu bekommen. Selbst wer mit dem Jutebeutel zum Bäcker um die Ecke geht und Bio-Dinkelbrötchen kauft, wird ab Januar nicht mit einem komplett reinen Gewissen zum Sonntagsfrühstück nach Hause gehen.

Digitale Lösung

Jetzt muss man fairerweise sagen: Die Verordnung ist technologieneutral formuliert. Soll heißen, theoretisch könnten zum Beispiel Bäcker ihre Belege als PDF verschicken. Zum Beispiel per E-Mail.

Umweltfreundlicher wäre das sicherlich. Allerdings will man ja als Kunde beim Bäcker auch nicht erstmal eine Datenschutzvereinbarung unterzeichnen, bevor man seine „drei Normalen und zwei Körner“ mitnehmen darf.

Weniger ist mehr

Fassen wir also zusammen: Die Kassenbonpflicht ist schlecht für alle: Kunden bekommen Müll aufgedrückt, den sie spätestens zu Hause entsorgen. Und sie stehen länger in der Warteschlange. Für Geschäftsleute entstehen teils hohe Mehrkosten. Und die Produktion von mehr Kassenbon-Papier schadet auch noch der Umwelt.

Dabei wäre es so einfach: Die technischen Sicherungsvorkehrungen, die auch Teil der Verordnung sind, hätten dem Finanzministerium reichen sollen.

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