Es war eine einzige Hautschuppe, die die Ermittler auf die Spur des mutmaßlichen Mörders von Nicole-Denise Schalla führte. Knapp 25 Jahre blieb sie unerkannt.

Dortmund

, 28.06.2018, 19:13 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wie muss das sein, wenn da nach fast 25 Jahren die Polizei vor der Tür steht und sagt: „Wir haben den Mörder Ihrer Tochter.“? Hin- und hergerissen seien die Eltern Schalla am Mittwoch gewesen, sagt Uwe Block. Block ist Polizist und seit dem Jahr 2000 ist er auch Leiter der Mordkommission, die den Fall Nicole-Denise Schalla bearbeitete. Die Akten zu dem Fall stehen jetzt seit 18 Jahren in seinem Büro, stehen es auch am Donnerstag noch, als die Polizei bekannt gibt, dass sie ihn haben.

Den Mörder.

Das Phantom.

Den, der die 16-jährige Schülerin am 14. Oktober im Jungferntal erwürgte, der ihre Hosen nach unten und ihre Oberbekleidung nach oben schob und sie dann, unter einer Hecke in der Feuerwehrzufahrt zu einer Grundschule im Regen liegen ließ. Die Eltern, sagt Block, seien am Mittwoch zwischen Freude und Trauer hin- und hergerissen gewesen. Block hatte die ganzen Jahre Kontakt zu den Eltern, nicht permanent, aber immer mal wieder. Und er weiß: Wenn so ein Fall, so ein Mord, 25 Jahre lang her ist, dann wächst nicht unbedingt die Hoffnung, dass die Tat aufgeklärt wird.

Letztlich war es eine einzige Hautschuppe, die den Täter überführte. Die Hautschuppe war an einer Folie, die die Ermittler damals auf das tote Mädchen legten und die dann zu den Spuren kam. Es waren nicht viele Spuren, die am Morgen des 15. Oktober 1993 gefunden wurden. Am Abend und in der ganzen Nacht hatte es stark geregnet. Der Körper des Mädchens, sagt Block, war nahezu abgewaschen worden, als er dann am Morgen gefunden wurde. Ihre Eltern waren damals auf einer Kurzreise in Holland, im Elternhaus aber war die Großmutter.

Schalla hatte einen Walkman auf den Ohren

Das Mädchen war auf dem Heimweg, sie hatte am Nachmittag ihren Freund in Herne besucht und war dann mit Bussen wieder nach Dortmund gefahren. Gegen 22.45 Uhr stieg sie am Abend an der Haltestelle Willstätter Straße, heute heißt sie Jungferntal, aus, nur wenige Hundert Meter von ihrem Elternhaus entfernt. Und nur 20 bis 30 Meter vom Tatort entfernt. Schalla hatte damals einen Walkman auf den Ohren, sie hörte vermutlich nicht, dass sie verfolgt wurde. Und merkte es wohl erst, als sie von hinten attackiert wurde. Der Walkman, den die Ermittler später bei Schalla fanden, war eingeschaltet, aber er lief nicht mehr. Die Batterien waren leer, das Mädchen hatte die Kopfhörer noch auf dem Kopf.

Es wurde viel ermittelt nach der Tat, unter anderem mit Lautsprecherdurchsagen aus Polizeifahrzeugen heraus suchte die Polizei damals Zeugen, es wurde nach Fingerabdrücken und Faserspuren gesucht. Das, was wir heute als DNA-Spuren kennen, steckte noch in den Kinderschuhen. Gestern, im Polizeipräsidium, ist auch Spurensicherer Norbert Krüger vom Kriminalkommissariat 43 dabei, er sagt: „Im Bereich der DNA hat es in der Vergangenheit wahnsinnige Sprünge gegeben.“

Der Fall Schalla ist nie zu den Akten gelegt sondern immer wieder angegangen worden. 2000, als Block ihn übernahm. 2007 erneut, als neuere Methoden zur Verfügung standen. 2013, als mit wieder neuen Methoden DNA-Spuren an Schallas Rucksack gefunden wurden. Der Rucksack, der zunächst verschwunden war und dann einige Tage später an einer Autobahnbrücke gefunden wurde. „Neue Spuren im Fall Schalla“, so schrieben damals die Zeitungen, rund 100 gaben ihren Speichel ab, aber auch diese Spur führte ins Nichts.

Die Stadt hat den Mord nie vergessen

Es gibt Verbrechen, die eine Stadt nicht vergisst. Der Mord an Nicole-Denise Schalla war so ein Verbrechen. Ein junges Mädchen am Anfang ihres Lebens wird getötet, vom Täter keine Spur. Sie ging in die elfte Klasse, viele kannten sie. Die Anteilnahme war damals entsprechend groß. Es gab einen „AktenzeichenXY ungelöst-Beitrag“ über den Fall, es gab all die Jahre Film- und Fernsehbeiträge und es gab über viele, viele Jahre Todesanzeigen, die die Familie an dem Jahrestag ihres Todes schalteten.

Aber es gab keinen Täter. Nur einen Verdacht: Der Busfahrer des letzten Busses der Linie 462 erinnerte sich später bei der Polizei daran, das erst Schalla an der Haltestelle ausgestiegen war. Dann aber, kurz bevor der Bus wieder anfuhr, eilte noch ein etwa 30-jähriger Mann aus dem Bus und folgte dem blond gelockten Mädchen. Auch eine andere Zeugin erinnerte sich an den Mann, gepflegt sei er gewesen vom Erscheinungsbild her, dunkle Haare habe er gehabt und ungefähr 1,80 Meter groß sei er gewesen. Ein Phantombild wurde damals angefertigt, eine Bleistiftzeichnung, und wenn man Bloch heute fragt, ob das Phantombild Ähnlichkeit mit dem Täter hatte, dann zuckt er mit den Schultern. „Die Haare“, sagt er dann, „waren auf jeden Fall etwas anders.“

Der Tatverdächtige streitet die Tat ab

In der zweiten Juniwoche klingelte im Polizeipräsidium Dortmund das Telefon, der Anruf kam aus der Münchener Rechtsmedizin. Dort hatte man eine Hautschuppe auf der Folie gefunden, die von Nicole-Denise Schallas Haut gelegt worden war. Und diese Hautschuppe stammte nicht von dem Mädchen. Sie stammte von einem zur Tatzeit 28 Jahre alten Mann, der für die Polizei ein alter Bekannter ist. Mehrfach sei der heute 52-Jährige aus Castrop-Rauxel straffällig geworden, erläutert gestern Staatsanwalt Henner Kruse, zu der Zeit wird der Tatverdächtige gerade dem Haftrichter vorgeführt. Der Mann leugnet die Tat, aber die Hautschuppe konnte mit einer extrem hohen Wahrscheinlichkeit ihm zugeordnet werden. „10 hoch 27“, sagt Staatsanwalt Kruse.

Am Mittwoch wurde der Mann, der von Sozialhilfe lebte, bei sich daheim verhaftet, seine Lebensgefährtin war dabei. Laut Kriminalhauptkommissar Block hatte der Tatverdächtige bei seiner Verhaftung einen recht starren Blick, sagte für einige Sekunden nichts und stritt die Tat ab.

Auffällig am Vorstrafenregister des Mannes ist, dass er mehrfach schwer gewalttätig war. Mehrfach und alleine drei bis vier Mal um den Todeszeitpunkt von Nicole-Denise Schalla sind Taten dokumentiert, bei denen der Mann Frauen von hinten attackierte und dabei extrem gewalttätig war. Immer, und das unterscheidet wahrscheinlich den Fall Schalla von den anderen Attacken, wurde der Mann dabei gestört.

In der Nacht auf den 15. Oktober störte den Mann dann vermutlich niemand mehr. 2003 wurde der heute Tatverdächtige wegen eines solchen Übergriffs zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt, kam danach in bis 2011 in Sicherungsverwahrung und wurde anschließend eine Zeit lang unter Führungsaufsicht gestellt. Am Mittwoch dann wurde ihm noch eine Speichelprobe entnommen, auch sie stimmte mit der Hautschuppe überein. Verdächtig in dem Mordfall war der heute Tatverdächtige bisher nie – wäre damals nicht die Folie zum Einsatz gekommen, dann darauf eine Hautschuppe gefunden worden und die zuortbar gewesen, wäre die Tat wahrscheinlich nicht aufgeklärt worden.

Mord verjährt nie

Die Ermittler sind sich sehr sicher, den Täter zu haben und Block sagt, die Festnahme sei „natürlich eine schöne Sache für uns alle“. Das ist richtig: Die Nachricht, die hinter der Festnahme steht, ist, dass ein Mörder sich nicht sicher sein kann. Auch nicht nach annähernd 25 Jahren. Mord verjährt nie. Und die Polizei ist hartnäckig.

Nachdem der 52-Jährige am Mittwoch festgenommen worden war, fuhr Block zu den Eltern von Nicole-Denise Schalla. Mutter Sigrid sagt gestern, dass das alles noch sehr unwirklich ist. Jetzt, nach 25 Jahren der Ungewissheit. Ob sie mit der Geschichte ihrer Tochter jemals ihren Frieden machen kann, weiß sie schlicht nicht. Natürlich sei es gut, dass der mutmaßliche Mörder jetzt wohl überführt und gefasst ist.

Aber die Trauer über den Verlust wiegt das nicht auf.

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