Izabela Marx (63) ist davon überzeugt, dass ihr Mann im Klinikum Dortmund durch die Verweigerung einer Untersuchung ums Leben gekommen ist. © Felix Guth
Mann stirbt nach Hirnblutung

„Die haben ihn umgebracht“: Witwe (63) klagt gegen das Klinikum Dortmund

Die Staatsanwaltschaft Dortmund ermittelt gegen das Klinikum Dortmund wegen eines Todesfalls im Krankenhaus. Die Witwe eines Verstorbenen wirft Ärzten vor, sie seien schuld am Tod ihres Mannes.

Am 15. November hätte Erwin Marx seinen 65. Geburtstag gefeiert. Doch seine Ehefrau Izabela Marx musste diesen Tag allein verbringen. Erwin Marx wurde am 3. August 2021 um 15.38 Uhr im Klinikum Dortmund für tot erklärt.

Seine Frau meint: Er hätte gerettet werden können, wenn die Ärzte keine folgenschweren Fehler begangen hätten. 24 Stunden vor seinem Tod saß Erwin Marx noch auf dem Sessel im Wohnzimmer des Ehepaars im Dortmunder Stadtteil Scharnhorst, Izabela Marx kochte Mittagessen.

„Das riecht aber lecker.“ Das war der letzte Satz, den der Mann, mit dem sie 13 Jahre zusammenlebte, zu ihr sagte. Dann habe sie ein Geräusch gehört, das sie sofort die Küche stürmen ließ.

Zusammenbruch in der eigenen Wohnung

Erwin saß immer noch im Sessel, aber er war bewusstlos, sein Kopf war zur Seite geneigt, er hatte Schaum vor dem Mund.

Der verstorbene Erwin Marx auf einem Urlaubsfoto.
Der verstorbene Erwin Marx auf einem Urlaubsfoto. © Privat © Privat

Er musste wiederbelebt werden, ein Rettungswagen brachte ihn ins Klinikum Dortmund an der Beurhausstraße. Für Izabela Marx begann dort eine Folge von Fehlern, die ihren Mann das Leben kosteten. „Sie haben ihm keine Chance gegeben. Sie haben ihn umgebracht.“

Ihr Vorwurf: Mehrere Stunden lang sei der Kopf ihres Mannes nicht untersucht worden. Ihre Hinweise darauf seien ignoriert worden. Dabei habe sie den Ärzten auch gesagt, dass Erwin Marx 14 Tage vor dem Zusammenbruch eine Corona-Impfung mit Astrazeneca erhalten habe. Eine seltene Nebenwirkung dieses Impfstoffs können Hirnvenen-Thrombosen sein.

Das Hirn des Mannes war voller Blut

Am Abend verschlechterte sich Erwin Marx‘ Zustand. Am nächsten Morgen forderte der Oberarzt ein Schädel-CT an. „Er war schockiert, dass das nicht früher gemacht wurde“, sagt Izabela Marx. Das Hirn des Patienten war bereits voller Blut. Sein Leben war nicht mehr zu retten.

Im September, gut einen Monat nach Erwins Tod, hat sie durch ihre Rechtsanwältin Christina Schäfer Anzeige gegen das Klinikum Dortmund erstattet. Dass sie so lange gewartet hat, bezeichnet sie „Fehler“. Aber sie habe unter Schock gestanden. Ihr sei zudem nicht klar gewesen, dass sie eine Obduktion hätte verlangen können.

Die Staatsanwaltschaft hat ein Todesermittlungsverfahren in die Wege geleitet. Dies ist noch kein Verfahren gegen die behandelnden Ärzte, sondern laut Staatsanwalt Henner Kruse bei solchen Hinweisen der übliche Weg.

Einen Zwischenstand kann er Ende November noch nicht vermelden. Eine schnelle Entscheidung ist nicht zu erwarten.

Klinikum äußert sich nicht zum schwebenden Verfahren

Das Klinikum Dortmund teilt auf Anfrage mit, dass eine Stellungnahme zu dem laufenden Verfahren aus rechtlichen Gründen nicht möglich sei.

Rechtsanwältin Christina Schäfer führt viele solcher Verfahren wegen Arztfehlern. Sie sagt: „So häufige Verfehlungen in dem Ausmaß mit einem derart dramatischen Ausgang habe ich selten auf dem Schreibtisch“, sagt Schäfer.

Trotz klarer Anzeichen für einen erhöhten Hirndruck hätten sich die Mediziner über mehrere Stunden ausschließlich auf den Bauchraum des Patienten konzentriert. Christina Schäfer fordert, dass das Ermittlungsverfahren gegen die Ärzte konkretisiert wird.

Das Klinikum Dortmund gibt wegen des laufenden Verfahrens keine Stellungnahme zu dem Fall ab.
Das Klinikum Dortmund gibt wegen des laufenden Verfahrens keine Stellungnahme zu dem Fall ab. © Oliver Schaper (Archivbild) © Oliver Schaper (Archivbild)

Sie geht davon aus, dass im nächsten Schritt ein Sachverständigen-Gutachten in Auftrag gegeben wird. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Verfahren ohne Gutachten eingestellt wird“, sagt die Juristin.

Izabela Marx hat eine klare Erwartung an das Verfahren: „Wenn die nicht bestraft werden, gibt es für mich keine Gerechtigkeit.“

„Wenn ich es jetzt nicht mache, kann ich nicht mehr glücklich werden.“

Sie sei zu der Erkenntnis gelangt: „Wenn ich es jetzt nicht mache, kann ich nicht mehr glücklich werden.“

Zu diesem Schritt ermutigt hat sie der Kontakt mit Horst Glanzer. Der Mann aus Süddeutschland wurde Anfang der 2000er-Jahre nach eigener Darstellung selbst zum Opfer von Fehlern im Gesundheits- und Justizsystem und hat durch Behandlungsfehler schwere bleibende Schäden erlitten. Seitdem kämpft er für die Rechte von Patienten.

Er macht das so beharrlich, dass einige seiner Vorschläge bereits Eingang in Bundesgesetze fanden. Zuletzt wirkte er daran mit, dass im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung ausdrücklich die Stärkung von Patientenrechten bei Behandlungsfehlern und ein Härtefallfonds mit aufgenommen worden sind.

So fand die Witwe den Mut ihre Geschichte zu erzählen

Glanzers Energie und seine Erfolge ermutigten Izabela Marx, ihre Geschichte öffentlich zu machen.

An einem Nachmittag kurz nach Erwins Geburtstag erzählt sie von der Liebe ihres Lebens. Ihre Stimme bricht immer wieder, Tränen schießen ihr in die Augen.

Die Zigarette, die sie ganz am Anfang des Gesprächs aus der Schachtel genommen hat, hält sie lange zwischen ihren Fingern, legt sie wieder auf den Tisch zurück. Immer wieder fällt ihr noch etwas ein, das sie loswerden möchte.

„So einen wie ihn triffst du nur einmal im Leben. Er hat mich auf Händen getragen“, sagt Izabela Marx.

Sie zeigt ein Video vom letzten Tanz mit Erwin. Sie spielt Songs ihrer polnischen Lieblingsband Bajm auf dem Handy ab, deren Texte in ihrer Muttersprache ihr Mann auswendig gelernt hat, um sie zu beeindrucken.

Sie scrollt auf ihrem Smartphone durch Bilder von einem lachenden Erwin neben ihrem polnischen Cousin beim BVB. Erwin mit Muscheln in der Nase beim letzten Urlaub in Katwijk.

Das Hochzeitsfoto hat Izabela Marx in einer Vitrine im Wohnzimmer aufgestellt. „Er schaut mich dann direkt an, wenn ich auf der Couch sitze“, sagt Izabela Marx und drückt die Zigarette aus.

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Seit 2010 Redakteur in Dortmund, davor im Sport- und Nachrichtengeschäft im gesamten Ruhrgebiet aktiv, Studienabschluss an der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Ressortgrenzen immer auf der Suche nach den großen und kleinen Dingen, die Dortmund zu der Stadt machen, die sie ist.
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Felix Guth

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