Die geistig behinderte Serafine (11) will zur Schule gehen - aber kann nicht

dzFörderschule

Seit dem Sommer geht Serafine (11) zur Paul-Dohrmann-Schule in Scharnhorst. Doch inzwischen war sie seit einem Monat nicht mehr im Unterricht. Unter anderem scheitert es an der Bürokratie.

Dortmund

, 08.12.2018, 17:49 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wer Serafine zum ersten Mal sieht, sieht ein ganz normales Kind. Keine Äußerlichkeiten weisen darauf hin, dass die Elfjährige einen Schwerbehinderten-Ausweis besitzt. Dass sie ständig Hilfe im Alltag braucht. Und dass sie deswegen seit knapp vier Wochen nicht in der Schule war.

Dabei wollte Serafine zur Schule gehen. Doch ihre Behinderungen und viel Bürokratie legen ihr Steine in den Weg. Ihre Pflegemutter Sandra Ebel will die eigentlich aus dem Weg räumen, sagt sie. Doch sie trifft immer wieder auf Widerstand - seitens der Stadt, der Schulbehörde, der Schule.

„Sie bereichert unsere Familie“

Mit drei Jahren kam Serafine 2010 in die Familie von Sandra und Torsten, die schon zwei Söhne haben, nach Brechten. Damals stand schon fest, dass Serafine unter Epilepsie und einer Bindungsstörung leidet. „Seitdem kamen jedes Jahr neue Erkrankungen dazu“, erzählt die Pflegemutter.

Serafine ist Autistin, hat einen Gendefekt und Verdacht auf Fetales Alkohol-Syndrom (FHSD). Durch das FHSD hat die Elfjährige kein Schmerz-, Hunger- und Gefahrenempfinden. Bei einem Intelligenztest wurde festgestellt, das Serafine einen IQ von 75 hat. Der Durchschnitt liegt zwischen 90 und 109. „Sie ist in ihrer Entwicklung drei bis vier Jahre zurück“, meint Ebel. Daher wählte die Familie Förderschulen aus. Zuerst war sie auf der Georgschule für emotionale und soziale Entwicklung.

Das Jugendamt wählte Familie Ebel über den Vermittler Westfälische Pflegefamilien aus, da Torsten Altenpfleger ist und Sandra eine gelernte Krankenpflegerin. „Heute bereichert sie unsere Familie“, sagt ihre Mutter lächelnd.

Unmut schlägt in Aggression um

Der Autismus macht es Serafine unmöglich, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Schulbus zu fahren. In ihrem Schwerbehindertenausweis steht auch, dass sie nur in Begleitung sein darf. Die vielen Kinder und die Lautstärke sind zu viel für sie. „Sie gibt dann ihrem Unmut in Aggressionen preis“, erklärt Sandra Ebel.

Außerdem geht die Elfjährige durch ihre Bindungsstörung einfach mit Fremden mit. Da sie keine Einschätzung von Gefahren hat, rennt sie teilweise einfach davon. Deshalb braucht sie im Schulalltag eine ausgebildete Integrationsperson die Begleitung auf der Fahrt und in der Schule übernehmen.

Aus diesem Grund hatte Serafine an der Georgschule ein privates Taxi. Nach der Schülerfahrtkostenverordnung im Schulgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen muss für die Kosten der Schulträger aufkommen. Da es sich bei der Georgschule um eine private Schule handelt, waren dies zu 91 Prozent das Land NRW und zu 9 Prozent die Schule.

Zum Sommer hin sollte Serafine die Schule wechseln. Die Georgschule empfahl die Max-Wittmann-Schule in Obereving für geistig behinderte Kinder. Doch die Bezirksregierung Arnsberg gab Serafin keinen Förderbescheid. „Das Gutachten sei nicht aussagekräftig genug gewesen“, erinnert sich Sandra Ebel. „So ein Gutachten ist immer vom Einzelfall abhängig“, erklärt Christoph Söbbeler, Pressesprecher der Bezirksregierung Arnsberg. Das angefertigte Gutachten wird vom Krankheits- und Entwicklungsbild abhängig gemacht. Stattdessen wurde Serafine an der Paul-Dohrmann-Schule mit Schwerpunkt Lernen in Scharnhorst angemeldet. Und seitdem schlägt sich die Familie mit der Schule, Bezirksregierung und Stadt rum.

Beide Eltern sind berufstätig

Denn für die Paul-Dohrmann-Schule ist die Stadt Dortmund Förderer – und die weigert sich, ein Taxi und eine Integrationshelferin zu genehmigen. Denn nach Schulgesetz muss das kostengünstigste Angebot zur Verfügung in Abhängigkeit der Bedürfnisse gestellt werden. Statt Taxi gab es also erst ein Schokoticket mit Begleitung für die Schülerin, womit sie mit Bus und U-Bahn zur Schule fahren sollte.

Im Schreiben erklärt die Stadt, dass im Schulbus nur 15 Schüler maximal mitfahren und Serafine genug Platz hätte, um sich von diesen Schülern wegzusetzen. Sandra Ebel setzte sich sofort mit der Stadt in Verbindung. Die Pflegeeltern entbanden sogar die Georgschule und die Schulbehörde Arnsberg von der Schweigepflicht, damit nötige Unterlagen und Gutachten an das Schulamt Dortmund weitergegeben werden können. Doch das Amt forderte immer mehr Bescheinigungen und Gutachten. „Immer wieder wurde mir gesagt, dass irgendwelche Unterlagen fehlen“, regt Sandra Ebel sich auf. Selbst wenn die nachweisen könne, dass sie die entsprechenden Unterlagen schon eingereicht hat. Für die Pflegeeltern wird das ganze langsam zur Posse.

Die Stadt erklärte den Pflegeeltern, dass sie Serafine auch selbst bringen können. Entweder nach Kemminghausen zur Haltstelle Schulte Rödding oder zur Schule. Dafür würden sie Kilometergeld bekommen. Sandra Ebel kann darüber nur lachen: „Es fehlt nicht an Geld, es fehlt an Zeit.“ Beide Eltern sind aber voll berufstätig, die Mutter außerdem an zwei Tagen selbstständig. Die Stadt bleibt durch das Schulgesetz hart: Dann sollen Verwandte, Nachbarn oder Freunde fahren. Oder Ebel sollte ihre Selbstständigkeit so gestalten, dass sie Serafine abholen könne, so ein Schreiben der Stadt Dortmund, das der Redaktion vorliegt. Außerdem hatten die Schule sowie früheren Gutachten bestätigt, dass Serafine mit dem Bus fahren kann.

Zur Sache

Schulpflicht

In Deutschland herrscht Schulpflicht bis zum 10. Schuljahr. Wer unentschuldigt fehlt, verstößt gegen die gesetzliche Verpflichtung der Schulpflicht, die im Schulgesetz unter „§ 43 Teilnahme am Unterricht und an sonstigen Schulveranstaltungen“ geregelt ist. Das kann unterschiedlich bestraft werden: Geldbußen und Strafen, Schulzwang oder auch die Einleitung einer familiengerichtlichen Maßnahme. Dies muss alles von der Schule angewiesen werden. In Serafines Fall hat die Schule bislang keinerlei Maßnahmen in Erwägung gezogen, obwohl die Schülerin seit vier Wochen unentschuldigt fehlt. Unter Schulzwang versteht man das Abholen und Bringen des Kindes durch die Polizei sowie Zwangsgeld und Ersatzzwangshaft gegen die Erziehungsberechtigten.

Das widerspricht einem Schreiben der jetzigen Klassenlehrerin von Serafine, welches ebenfalls dieser Redaktion vorliegt. „Serafine läuft in Konfliktsituationen oder zuletzt auch, wenn sie in den Schulbus einsteigen sollte, weg“, steht dort. Damit meint die Lehrerin zwei Vorfälle vom 6. und 7. November, als Serafine beide Male nicht in den Bus einsteigen wollte. Beim letzten Mal lief sie sogar weg, rannte ihrer Schulfreundin in Richtung Flughafenstraße hinterher. Erst nach langer Suche fanden die Eltern und Lehrerin sie unbeschadet wieder. Seitdem war Serafine nicht mehr in der Schule: „Das können wir nicht verantworten“, meint Sandra Ebel. Die Schule hat sich seitdem allerdings auch nicht bei der Familie gemeldet - obwohl sie dazu eigentlich verpflichtet wäre, wenn keine Entschuldigung oder Attest vorliegt (siehe Infokasten).

Schule verweist auf die Stadt

Dass sie Serafine doch einfach zum Einstieg in den Bus zwingen könne, wies die Lehrerin in dem Schreiben entschieden zurück: „Es könnte sich eine große Gefahr für sämtliche Businsassen nach sich ziehen“, schreibt sie in Bezug auf das Aggressionspotenzial des Mädchens. Sollte die Familie nicht einverstanden sein mit der Entscheidung der Stadt, könne sie Klage vor dem Verwaltungsgericht einlegen. Für Sandra Ebel unmöglich: „In solchen Fällen kommt es meistens zu einem Vergleich. Und ich bleibe auf meinen Anwaltskosten sitzen.“

Die Schule verweist bei den Vorwürfen für eine Stellungnahme auf den Träger, die Stadt Dortmund. Von dort gab es bis Redaktionsschluss am Freitag allerdings keine Angaben.

Für die Familie ist das Leben auf den Kopf gestellt. Momentan kümmert sich die Oma um Serafine während der Arbeitszeit. „Alle leiden unter der Situation“, so Ebel. Der Stress um Serafine geht an die Substanz der Pflegemutter. Doch aufgeben, das kommt nicht infrage: „Ich bin eine Kämpferin.“

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