Alle Jahre wieder freuen sich Weihnachtsmarkt-Besucher über den größten Weihnachtsbaum der Welt. Die Kritiker werden weniger, aber es gibt noch zu viele. Denn der Baum tut Dortmund sehr gut.

Dortmund

, 19.11.2018, 03:46 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Tanne in Crange ist nur ein billiger Abklatsch. In Dortmund steht das Original. Schon trägt es wieder sein grünes Fichtenkleid, verziert mit Lichtobjekten. Am Montag, 26. November, wird er öffentlichkeitswirksam eingeschaltet und durchgehend bis zum 30. Dezember leuchten. Der größte Weihnachtsbaum der Welt ist ein Dortmunder. Seit 22 Jahren eine Institution. Im wahren Wortsinn ein Leuchtturm auf dem Dortmunder Weihnachtsmarkt. Was den New Yorkern ihr Tannenbaum vor dem Rockefeller Center ist den Dortmundern der grüne Fichten-Riese auf dem Hansaplatz. Er steht dort als Inbegriff der weihnachtlichen Vorfreude.

Herne versucht mit seinem mobilen Kirmesbaum auf die Einzigartigkeit der Dortmunder Riesentanne zu zielen – der jüngste Angriff in der Weihnachtsbaumgeschichte. Doch immer wieder gibt es auch aus Reihen der Dortmunder und in den sozialen Netzwerken Hohn und Spott über das „Gesteck“ oder das „mit Tannen beklebte Baugestell“. Geschenkt.

Zu pompös, zu verschwenderisch, nörgeln Kritiker

Der Baum sei zu pompös, ja verschwenderisch. Es gehe nicht um Herz, sondern um Kommerz. Das Geld könne man besser für soziale Zwecke nutzen, zum Beispiel für den Bau neuer Kitas, stimmen andere in die Arie der Nörgler ein.

Man muss das eine tun und das andere nicht lassen. Ja, wir brauchen weitere Kitas, und die werden auch gebaut - aber nicht von den Schaustellern und Markthändlern, die die Kosten von 260.000 Euro zum größten Teil finanzieren. Die Stadt gibt 70.000 Euro dazu - es waren mal 200.000 Mark –, erhält aber von den Weihnachtsmarkt-Akteuren mehr als diese Summe an Sondernutzungsgebühren zurück.

Ohne Baum weniger Besucher

Ohne den Baum hätte der Dortmunder Weihnachtsmarkt deutlich weniger als die rund 2,5 Millionen Besucher im Jahr, die nicht nur aus ganz Deutschland, sondern auch aus den Benelux-Staaten, aus Großbritannien, sogar aus den USA, Australien und China kommen, um am Durchgang zwischen Karstadt und Karstadt-Sporthaus mit Aaahs und Ooohs den beleuchteten XXL-Baum zu bestaunen.

Als der Weihnachtsbaum im Jahr 1997 aus Platzmangel ausfallen musste – damals wich das Modehaus Boecker wegen Umbaus in Zelte auf dem Hansaplatz aus – beklagten die Händler Umsatzeinbußen von 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr mit Baum. Er ist Publikumsmagnet, nach dem Signal Iduna Park das meistfotografierte Markenzeichen der Stadt. Durch die sozialen Medien wirbt er in der ganzen Welt für Dortmund.

Premiere war 1996

Ohne seinen Superlativ wäre der Dortmunder Weihnachtsmarkt nur einer von vielen im Ruhrgebiet. In Zeiten, als alle nur über den Nürnberger und den Dresdener Weihnachtsmarkt berichteten, war es 1995 der damalige Karstadt-Dekorateur Werner Basselmann, der die zündende Idee mit dem Spitzenbaum hatte und Oberbürgermeister Günter Samtlebe damit ansteckte. Vieles galt es erst zu regeln, bevor der leuchtende Koloss 1996 erstmals gebaut werden konnte.

Maße und Montage sind oft zitiert und schnell aufgezählt: Höhe 45 Meter, Grundfläche 400 Quadratmeter, Eigengewicht 40.000 Kilogramm, das Fundament aus Stahl und Sand, sozusagen der Weihnachtsbaumständer, 120.000 Kilogramm. Im Advent wird etwas üppiger dekoriert. In Dortmund mit 1700 eigens gezüchteten Rotfichten aus dem Sauerland, 48.000 LED-Lämpchen, mehr als 50 Kugeln und Leuchtornamenten sowie mit 20 roten, 2,50 Meter hohen Kerzen und einem 200 Kilogramm schweren Engel auf der weithin sichtbaren Spitze.

Aushängeschild für smarten Gerüstbau

Auch wenn nach Meinung der Nörgler kein ausgewiesener Architekt oder Bauingenieur staunend vor dieser Tannenkonstruktion steht, ist der Baum ein Aushängeschild für smarten Gerüstbau, eine Dortmunder Erfindung, auf die die Firma Gerüstbau C.O. Weise ein Patent hat. Neben Dortmunder Unternehmen, die am Baum mitarbeiten, nutzt ihn auch eine Zulieferfirma für Gerüstbefestigungen als Werbeträger.

Vom Baum profitieren - neben den Besuchern - nicht nur Schausteller und Weihnachtsmarkthändler, sondern die gesamte heimische Tourismusbranche. Das ist aktive Wirtschaftsförderung. Auch für das Stadtimage ist der Baum mit seinen positiven Schlagzeilen ein Segen.

Der größte Baum der Herzen

Er wird zwar schon mal Guinness-Tanne genannt, doch in das Guinnesbuch der Rekorde hat es der größte Weihnachtsbaum der Welt nicht geschafft, weil er kein natürlich gewachsener Baum ist. Dennoch: Für viele Dortmunder ist und bleibt er der größte Weihnachtsbaum der Welt und der größte Baum der Herzen.

Er ist eine Spitzenleistung und keine peinliche Angeberei. Ein spektakuläres Glanzstück, das auch mit der gewachsenen Tradition über die Jahre nicht langweilig wird. In diesem Jahr bekommt sein grünes Kleid wieder neue Lichtobjekte.

Den Tannenzweikampf hat Herne schon verloren, bevor er überhaupt begonnen hat. Das Dortmunder Original ist nicht zu toppen. Ebenso wenig wie die damalige Reaktion von Oberbürgermeister Günter Samtlebe auf Kritik. Wohl die Glühweinstände drum herum im Blick verteidigte er die Investition mit dem Satz: „Der größte Weihnachtsbaum ist wie die längste Theke der Welt, nur hochkant.“

In der Kolumne „Klare Kante“ fühlen Redakteure und Gastautoren regelmäßig einem Dortmunder Thema auf den Zahn, das ihnen am Herzen liegt. Haben Sie zum Thema Weihnachtsbaum auch etwas zu sagen? Dann schreiben Sie an lokalredaktion.dortmund@rn.de
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