Der Mord an Nicole Schalla: Ein Vierteljahrhundert, in dem sich vieles verändert hat

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Vor 25 Jahren wurde die damals 16-jährige Nicole Schalla getötet. Im Vierteljahrhundert seit dem hat sich einiges verändert, doch ein Zeuge ist bis heute tief bestürzt.

Dortmund

, 23.12.2018 / Lesedauer: 3 min

Ein Vierteljahrhundert ist eine lange Zeitspanne. Vor dem Dortmunder Landgericht hat in dieser Woche der Prozess um einen Mord begonnen, der vor genau 25 Jahren die Stadt erschüttert hat.

Als Nicole-Denise Schalla im Oktober 1993 getötet wurde, hießen der Bundespräsident Richard von Weizsäcker und der Bundeskanzler Helmut Kohl. Deutscher Fußballmeister wurde Werder Bremen, bezahlt wurde mit D-Mark, Handys gab es nicht. Die 16-Jährige hörte auf dem Heimweg Musik aus einem Walkman, in den sie eine selbst aufgenommene Kassette mit Technomusik gesteckt hatte.

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Fragen, die seit 25 Jahren offen sind

In dem Prozess sollen sich nun Zeugen an diese längst vergangene Zeit erinnern. Sollen sagen, wie denn wohl der Mann aussah, der zusammen mit Nicole-Denise Schalla kurz vor der Tat aus dem Bus ausstieg. Oder sie sollen berichten, ob das Mädchen an diesem Tag überhaupt an ihrem Reitstall war oder nicht. Alle haben sich angestrengt. Vieles ist dennoch unklar geblieben.

Sicher ist nur: Der Busfahrer, der die Schülerin an diesem Abend nach Hause gefahren hat, ist bis zum heutigen Tag tief erschüttert. Immer wieder stellt er sich die Frage, ob er etwas hätte verhindern können. Eine Antwort bekommt er seit 25 Jahren nicht. Auch der Umgang mit diesem Unglück war 1993 noch ein anderer. „Heute würden wir vom ersten Moment an psychologische Unterstützung erhalten“, sagte der Busfahrer am Rande der Verhandlung. „Damals hieß es nur: Geh wieder arbeiten.“

Sechs Wochen lang hat der Fahrer damals immer dieselbe Schicht bedient. In der Hoffnung, dass sich der Verdächtige vielleicht noch einmal blicken lässt. Er hat vor der Kamera eines Fernsehsenders gestanden, der den Fall nachstellte, um vielleicht so an Zeugen zu kommen. „Auch dafür hat sich nie einer bedankt“, sagte der Busfahrer.

Heute sagt kaum jemand mehr „Fräulein“

Der Mann ist heute 57 Jahre alt. Er hat das vergangene Vierteljahrhundert erleben dürfen. Hat mitbekommen, wie die technische Entwicklung vorangeschritten ist. Hat in den Medien verfolgt, wenn mal wieder ein lange gesuchter Mörder mithilfe der DNA-Analysetechnik doch noch überführt werden konnte.

Aber auch gesellschaftlich leben wir heute in einer ganz anderen Zeit. Deutlich wurde das, als der Vorsitzende Richter Peter Windgätter zu Prozessbeginn die frühere Vernehmung einer Zeugin durch die Polizei verlas. Immer wieder notierte der Beamte im Herbst 1993 in seinem Protokoll, das „Fräulein“ habe dieses und das „Fräulein“ habe jenes ausgesagt.

In 25 Jahren kann sich vieles verändern. Erinnerungen können verschwimmen. Im Prozess gilt es nun, Antworten zu finden.

Das Sonntagsgericht

Das Sonntagsgericht ist eine Rubrik, die Sie jede Woche in der digitalen Sonntagszeitung lesen. Die Gerichtsreporter Jörn Hartwich und Martin von Braunschweig berichten an dieser Stelle für die digitale Sonntagszeitung von besonderen Fällen, die sie in dieser Woche im Gericht erlebt haben oder die ihnen noch bevorstehen.
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