Jahrzehntelang war der Bergbau im Ruhrgebiet Haupt-Arbeitgeber - bis das lange Lied vom Ende der Kohle angestimmt wurde. Jetzt werden in Dortmund wieder Bergleute gesucht.

von Marie Frieling

Dortmund

, 22.06.2019, 14:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

„Ich weiß nicht, hat der Beruf noch Zukunft?“ ist die erste skeptische Frage. Der Schüler in der letzten Reihe spricht aus, was wohl die meisten denken, wenn sie das Wort Bergbau hören. Fast 20 Schüler der Dortmunder Anne-Frank-Gesamtschule sitzen in einem Klassenraum, vorne stehen Mike Nowak, Tina Kroll und Manuel Wesche vom Dortmunder Traditionsunternehmen Deilmann-Haniel. Ihr Anliegen: Sie wollen Azubis für die Ausbildung zum Bergbautechnologen gewinnen. Dem skeptischen Schüler widerspricht Manuel Wesche, Azubi bei Deilmann-Haniel im ersten Lehrjahr, entschieden: „Das ist ein Irrtum. Eure Handys zum Beispiel, da sind so viele Metalle drin.“ Diese Erze seien nur tief unter der Erde zu finden. „Wir bauen den Weg dahin frei.“

Als weltweit agierendes Schachtbauunternehmen ist Deilmann-Haniel heute in den verschiedensten Bereichen tätig. Kali- und Salz, Atommüll-Endlager, Erz in Skandinavien, Zink in Portugal, es gibt Anfragen für Lithiumvorkommen. „Alles, was so tief in der Erde ist, dass man danach buddeln muss“, erklärt Thomas Ahlbrecht, technischer Direktor bei Deilmann-Haniel. Dabei sind die Rohstoffe für das Unternehmen sekundär: „Wir beenden unsere Aufträge, wenn die Schächte hergestellt sind.“

Das Lied vom Ende des Bergbaus wurde lange gesungen

Das technologische Know-how bringt das Dortmunder Traditionsunternehmen aus der im Steinkohle-Bergbau gewonnenen Erfahrung mit. Das ist jetzt weltweit gefragt. Doch obwohl der Schachtbau somit ein Wirtschaftszweig mit Zukunft ist, scheint er hierzulande unauflösbar mit der Steinkohle verknüpft, deren Ende längst besiegelt ist. Wer kommt da noch auf die Idee, sich für die Arbeit im Bergbau zu interessieren? Das Lied vom Ende des Bergbaus wurde im Ruhrgebiet lange gesungen.

Diese Melodie hat sich in den Köpfen eingeprägt, sagt Ahlbrecht. Wie Mike Nowak, stellvertretender Ausbildungsleiter und Tina Kroll, Personalreferentin, die den Ausbildungsgang für Bergbautechnologen in der Anne-Frank Gesamtschule vorgestellt haben, macht auch er sich Gedanken. Denn die Bewerberzahlen gehen jedes Jahr weiter zurück. Das Unternehmen scheint geradezu verzweifelt nach geeigneten Kandidaten für die Ausbildung zu suchen.

Das schlechte Image erschwert die Suche nach Azubis

Einen weiteren Grund dafür, warum sich diese Suche so schwierig gestaltet, sieht Ahlbrecht im schlechten Image des Bergbaus. In Zeiten, in denen so viel wie nie über grüne, saubere Energie geredet wird, sieht sich die Branche immer wieder mit der Auffassung konfrontiert, ein dreckiger Industriezweig zu sein. Aus Ahlbrechts Sicht zu Unrecht: „Alles kommt vom Bergwerk her! Auch die grüne Welt der Zukunft braucht Rohstoffe, und das nicht zu knapp“, meint er.

Nach der Arbeit an den Strand

In der Anne-Frank-Gesamtschule bemüht man sich, die attraktiven Seiten des Berufs herauszustellen, verschweigt aber auch nicht die Schattenseiten. So sind Bergbautechnologen bei Deilmann-Haniel heute nicht nur in Deutschland im Einsatz. Das bedeutet viel Einsatz auf Montage. „Wir arbeiten im Ausland meistens auf grüner Wiese und bauen vom Nullpunkt an neue Bergwerke mit“, erklärt Ahlbrecht.

Der Bergbau im Ruhrgebiet scheint tot - Trotzdem werden dringend Bergleute gesucht

Wieder ans Licht: Bergleute verlassen die Zeche. © Foto Deilmann-Haniel

Das kann heißen, an den abgelegensten Orten in Sibirien tätig zu sein, bei extremer Kälte, extremer Hitze, unter Tage an feuchten und lärmenden Orten. Kann aber auch bedeuteten, sich in Portugal nach der Arbeit an den Strand legen zu können. Schon in der Ausbildung müssen zukünftige Bergbautechnologen ihre Flexibilität unter Beweis stellen. Blockunterricht für Schul- und Modulausbildung in Thüringen, praktische Ausbildung im Betrieb in Dortmund. Dieser Einsatz wird belohnt: In Sondershausen in Thüringen trägt Deilmann die Kosten für Unterbringung und für diese Zeit bekommen die Azubis Zuschläge: Trennungsgeld heißt das bei Deilmann ganz klassisch.

Die Dimensionen von früher wird es im Bergbau nicht wieder geben

Fast 70 Leute beschäftigt Deilmann-Haniel am Standort Dortmund, in Deutschland etwa 300. Hinzu kommen die Beschäftigten im Ausland, in Russland und Weißrussland, wo das Unternehmen besonders viele Aufträge hat, sind es 500. Im letzten Jahr wurden fast 280 Leute neu eingestellt. „Es wird nie wieder die Dimensionen geben, die wir mal hatten“, gesteht Ahlbrecht. Ende der 1980er Jahre arbeiteten 5 500 Menschen bei Deilmann-Haniel. Aber um die jungen Leute, die heute zu Deilmann kommen, macht er sich keine Sorgen. Wer die Ausbildung erfolgreich abschließt, kann sich der anschließenden Anstellung im Unternehmen gewiss sein.

Und welche Fähigkeiten brauchen zukünftige Bergleute? Handwerkliches Verständnis, Verantwortungsbewusstsein und Teamfähigkeit sollten sie mitbringen, Platzangst und Höhenangst besser nicht. Sie sollten bereit sein, für mehrere Wochen auswärts und im Ausland zu arbeiten. Zum Beispiel für sechs Wochen in Weißrussland auf Baustelle, dann drei Wochen zu Hause frei.

„Männer-Gen“ gefordert

Und - so scheint es - sie sollten wohl potenzielle BergMÄNNER sein. Man brauche ein „Männer-Gen“, sagt Ahlbrecht und meint damit die Bereitschaft, mit technischen Geräten umzugehen. Tatsächlich: Das zahlenmäßige Verhältnis von Männern und Frauen unter den Bergbautechnologen ist exakt 100 zu Null.

„Wir tun uns schwer, uns die Dinge, die wir machen, in gemischten Mannschaften vorzustellen“, sagt Ahlbrecht und gibt zu: „Das hört sich jetzt fürchterlich an.“

Trotzdem: „Wir sind ’ne Männerwelt. Das hat seine eigenen Gesetze“. Die Arbeit sei für Frauen eben schwieriger, ähnlich wie das anfangs bei Polizei und Bundeswehr gewesen sei. Zum einen werde ihre Durchsetzungsfähigkeit von vielen Kollegen immer wieder in Frage gestellt. Einige bei Deilmann-Haniel tätige Ingenieurinnen, so Ahlbrecht, bekommen das immer wieder zu spüren. Zum anderen gehören zu den Aufgaben der Bergbautechnologen immer noch einige rein manuelle, körperliche Kraft erfordernde Tätigkeiten, zum Beispiel bei Schachtreparaturen. Ahlbrecht räumt aber ein, dass auch einigen Männern diese Aufgaben schwerfallen.

Bisher gebe es jedenfalls keine Maßnahmen, um aktiv Frauen anzuwerben. Alle zwei Jahren bewerbe sich wohl mal eine Frau, zur Ausbildung angenommen wurde jedoch noch keine.

Die alte Kumpelmentalität

Auch zu der Veranstaltung in der Anne-Frank-Gesamtschule sind ausnahmslos junge Männer gekommen. Ihr Lehrer legt ihnen nahe, sich ein Unternehmen zu suchen, in dem sie sich wohlfühlen und fragt, ob es die alte Kumpelmentalität im Bergbau auch heute noch gibt. Azubi Manuel bejaht diese Frage: „Man muss sich auf die anderen verlassen können. Man legt den anderen das Leben in die Hände.“ Unter diesen Bedingungen sei eine gute Atmosphäre im Team unerlässlich. „Das ist heute noch so wie früher.“ Die Gemeinschaft wird aber nicht nur bei der Arbeit, sondern auch mit einem jährlichen Sommer- und Weihnachtsfest gelebt.

Es gibt noch mehr Gründe dafür, in den Bergbau zu gehen. Schon im ersten Lehrjahr der Ausbildung bekommt Manuel, 759 Euro, mit Zuschlägen sind es zwischen 1000 und 1200 Euro im Monat. Zum zweiten und dritten Ausbildungsjahr steigt die Vergütung noch einmal um jeweils 117 Euro. Nach der Ausbildung liegt der Grundlohn in Deutschland bei 2 400 Euro brutto, mit Leistungszulagen, Trennungsgeld für Auslandseinsätze und weiteren Zulagen eher bei 3 000 Euro im Monat. Im Bergbau gibt‘s doch wieder Kohle!

Kommentar

“Männerwelt aufbrechen!“

  • Kann ein Unternehmen, dass Mühe hat, geeignete Azubis zu finden, es sich leisten, Frauen auszuschließen? Nein, das kann es nicht. Genau das tut Deilmann-Haniel implizit mit der Behauptung, in ihrer „Männerwelt“ brauche man nun mal ein „Männer-Gen“.
  • Wenn Thomas Ahlbrecht von Deilmann-Haniel erklärt, dass noch nie eine Frau für die Ausbildung zum Bergbautechnologen angenommen wurde, dann meint man fast, das ‚Und wir werden auch nie eine nehmen‘ nachhallen zu hören.
  • Seit wann ist ein männliches Genom Voraussetzung, um mit technischen Geräten umgehen zu können? Sind technisch versierte Frauen dann automatisch Mannsweiber? Und Männer, die es nicht tun, unmännlich?
  • Wenn Männer die Autorität von Frauen in Frage stellen, dann ist die Haltung dieser Männer das Problem, nicht die Durchsetzungskraft der Frauen.
  • Und, dass es auch körperlich starke Frauen und schwächere Männer gibt, sollte schon mal aufgefallen sein.
  • Unter diesen Umständen: Kein Wunder, dass sich selten Frauen bewerben. Ahlbrecht verweist auf Polizei und Bundeswehr. Den Vergleich sollte sich das Unternehmen tatsächlich zu Herzen nehmen. Denn auch dort ist mal behauptet worden, Frauen fehle körperliche Kraft und Durchsetzungsvermögen. Beide sind aber schon lange keine reinen Männerwelten mehr, ganz im Gegenteil. Und die Erfahrung zeigt: Gemischte Teams sind die stärkeren. Hoffentlich wird auch Deilmann-Haniel das noch merken.
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