„Dem Junkie würd ich nichts geben“ – was ein Obdachloser im Winter erlebt

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Für Menschen, die keine Wohnung haben, ist der Winter ein Kampf ums Überleben. Ein Dortmunder Obdachloser erzählt von warmen Suppen, kalten Antworten und davon, was ihn bewegt.

von Benedikt Schäfer

Dortmund

, 21.12.2018 / Lesedauer: 5 min

Der Mensch sehnt sich nach Gemeinschaft. Sie muss ja nicht groß sein. Auf der Straße ist sie immer klein. Wie klein sie ist, merkt man dort oft erst am nächsten Morgen. Wenn der, der Teil der Gemeinschaft war, sie einseitig aufkündigt und sich mit allem, was er greifen konnte, aus dem Staub gemacht hat. Da war noch einer, der hat sich aus dem Staub gemacht. Nur ist der dabei aber liegen geblieben. Für immer. Michael steht seitdem nicht mehr so auf Gemeinschaften, er schlief danach lieber allein.

Er ist gerade 50 geworden. Seinen 50. Geburtstag hat er auf dem Westenhellweg verbracht. Andere machen dann eine dicke Party und hauen richtig was auf den Kopf. Michael hat gebettelt. Wie schon so oft. Wie am Mittwochmittag. Der Dortmunder sitzt angelehnt an eine Straßenlaterne, vor sich ein Pappbecher, in dem sich ein paar Kupfermünzen und ein paar 50-Cent-Stücke befinden. Schon ok, auch wenn man das vielleicht anders sehen könnte. Michael geht es verhältnismäßig gut: Er lebt nicht mehr richtig auf der Straße. Die Nacht verbringt er im Keller eines Bekannten. Kann viel wert sein, so ein Keller, wenn es kalt wird.

Drogen führten ins Gefängnis

Michael war früher drauf, ein Junkie mit einem Faible für Koks und Heroin. Seine Zähne – beziehungsweise das, was von ihnen übrig ist – erzählen noch die Geschichte von der Jagd nach schlechtem Stoff. Und was der mit Körpern machen kann.

Als er im Gefängnis landete, weil er seine Geldstrafen wegen Drogenvergehen nicht mehr zahlen konnte, nutzte er die Zeit, um eine Therapie zu machen. Seitdem sei er clean, er trinkt nicht mehr und nimmt auch keine anderen Drogen mehr.

Der Vater zweier Söhne hat 25 Jahre gearbeitet. Er fuhr unter anderem Gabelstapler in einem großen Lagerhaus. Seine mittlerweile erwachsenen Söhne und seine Mutter wissen nichts von seiner Situation. „Die denken, alles wäre in Ordnung“, erzählt er, wie er sie belügt.

Es war ja auch mal alles in Ordnung. Ein ganz normales Leben mit ganz normalen Problemen, dann wurden die Beziehungsprobleme mehr und statt da hinterher zu sein, war Alkohol ein neuer, zu guter Freund. Der ihn die Leiter nach unten begleitete und noch die Tür aufhielt: Hereinspaziert in die Spirale aus Jobverlust, Wohnungsverlust, Selbstwertverlust. Alles kein Alleinstellungsmerkmal. Michael ist nur einer von vielen.

Anne Rabenschlag, Geschäftsführerin der Diakonie Dortmund, ist der Überzeugung, dass die meisten Obdachlosen durch eine Kombination von unterschiedlichen Problemen auf die Straße getrieben werden. Persönliche Probleme wie der Verlust eines lieben Menschen oder eine heftige Krise in der Beziehung werden im Alkohol ertränkt oder mit anderen Drogen verdrängt. Daraus resultiert eine Sucht, die es unmöglich macht, normal arbeiten zu gehen. Je weiter man hinein rutscht, desto weniger kann man sich selbst helfen.

Michael hat alles erlebt

Auf der Straße hat Michael alles erlebt. Er wurde von anderen Obdachlosen verprügelt, wurde von Passanten hart beschimpft und wachte dann an dem Morgen auf, als der Kollege, der im Schlafsack neben ihm geschlafen hatte, tot war.

Heute sieht sein Leben ein Stück weit besser aus. Eine Wohnung soll es geben, noch einen Monat entfernt. Aber eine eigene Wohnung. Die Diakonie unterstützte ihn, sie bezahlte ihm Passbilder und händigte ihm eine Bescheinigung aus, die ihm half, seinen Personalausweis neu zu beantragen. Wenn er erst mal eine Wohnung hat, nimmt er jeden Job an, der ihm angeboten wird, auch wenn es nur „ein 1,50-Euro-Job von der Agentur ist“. Michael will arbeiten und für sich selbst sorgen, so wie er es früher getan hat.

Letzte Woche hat ihm eine Frau einen Fünf-Euroschein in den Becher geworfen, daraufhin rief eine ältere Frau: „Dem Junkie würd ich nichts geben“. Der Vorwurf der Frau machte ihm den ganzen Abend zu schaffen. Michael leidet unter der Pauschalisierung von Obdachlosen, die dem Klischee nach alle drogenabhängig sind. Hinter jedem Menschen steht ein individuelles Schicksal, das häufig erklärt, warum derjenige auf der Straße sitzt und nicht auf einem Stuhl in einem Großraumbüro, erklärt Michael.

Noch an der Gesellschaft teilzuhaben, kann schwierig sein

Katrin Lauterborn, Geschäftsführerin der Wohnungsloseninitiative „Gasthaus statt Bank“, weiß um die Ausgrenzung und Isolierung von Obdachlosen. Die meisten nehmen wie Michael überhaupt nicht am gesellschaftlichen Leben teil und werden von der Gesellschaft teilweise bewusst ignoriert oder ausgegrenzt, sagt Lauterborn. Das Gasthaus versucht das zu ändern. Mit Kulturangeboten wie Singabenden, Gottesdiensten oder einem Weihnachtsessen sollen Obdachlose Kontakte knüpfen, Menschen kennenlernen und in die Gesellschaft reintegriert werden.

Dieses Ziel verfolgt auch der neuerdings in Dortmund seine Runden drehende Wärmebus. Ehrenamtliche Helfer der Katholischen Stadtkirche, der Malteser und der Katholischen St.-Johannes-Gesellschaft schenken warme Getränke aus und unterhalten sich mit Menschen auf der Straße. Michael nutzt diese Angebote. Das Gasthaus kennt er gut. Jeden Morgen frühstückt er dort und wäscht sich. Michaels Mahlzeiten im Gasthaus waren ein Teil der insgesamt 110.000 Essensausgaben, die es im Jahr 2017 dort gab.

Mittags geht er häufig in die Suppenküche Kana in der Mallinckrodtstraße. Er ist dankbar und findet generell, dass die Versorgung von Obdachlosen in Bezug auf Lebensmittel und Hygiene nicht schlecht ist. Besonders die Hilfe der Diakonie schätzt er. Im Stich gelassen fühlt er sich jedenfalls nicht.

Drei Schlafsäcke um den Winter zu überstehen

Was ihm jedoch fehlt, sind Übernachtungsstellen, besonders im Winter. In den Übernachtungsstellen in Dortmund können ungefähr 100 obdachlose Männer und Frauen unterkommen. Die Stadt schätzt die Zahl der Obdachlosen in Dortmund auf 400 bis 500. Michael vermutet, dass es weitaus mehr sind. Auch Katrin Lauterborn kann nicht verstehen, warum es in Dortmund, im Gegensatz zu anderen Städten, keine Winternotschlafstelle gibt. U-Bahnhöfe, die wenigstens Trockenheit und Windschutz bieten würde, dürfen von Obdachlosen nicht genutzt werden.

Da es diese Möglichkeiten in Dortmund nicht gibt, gewinnen Schlafsäcke an Bedeutung. Katrin Lauterborn beziffert die Zahl der benötigten Schlafsäcke pro Obdachlosem auf drei. Drei Schichten gegen die Kälte. Drei Schlafsäcke besitzt wahrscheinlich niemand, der auf der Straße lebt. Deswegen bittet das Gasthaus mit der Suppenküche Kana und dem Straßenmagazin Bodo besonders jetzt im Winter um Schlafsackspenden.

Denn ein Schlafsack mehr oder weniger kann im Extremfall darüber entscheiden, ob jemand eine Nacht mit Minusgraden auf der Straße überlebt oder nicht. Ob er wach wird. Oder liegen bleibt.

Michael hat sich aufhelfen lassen. Er sagt: „Man darf sich nicht selbst aufgeben. Stolz und Selbstachtung halten mich am Leben. Wenn man sich selbst aufgibt, kann man direkt zum Strick greifen.“

Spendenaktion

Die Obdachloseninitiative „Gasthaus statt Bank“, die Suppenküche Kana und das Straßenmagazin Bodo bitten um Schlafsackspenden für Menschen auf der Straße. Diese können Leben retten. Gebrauchte oder neue Schlafsäcke können montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr und samstags von 10 bis 14 Uhr im Buchladen von Bodo am Schwanenwall 36 bis 38 abgegeben werden.
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