Sie war die Primaballerina der Dortmunder Compagnie. Dann das Aus am Theater. Jetzt tanzt Ballett-Tänzerin Monica Fotescu-Uta auf einer neuen Bühne.

von Annette Feldmann

Dortmund

, 21.10.2018, 03:20 Uhr / Lesedauer: 5 min

Es war eine Karriere bis zum Olymp des Balletts: Primaballerina in der europaweit berühmten Dortmunder Compagnie. 13 Jahre lang Standing Ovations. Dann: Beendigung des Vertrages – 2015 Absturz vom Gipfel. Eine Primaballerina auf dem Flur der Arbeitsagentur.

„Das war ein harter Aufprall“, erinnert sich Monica Fotescu-Uta. „Ich wusste gar nicht mehr, wer ich war. Meine Identität war praktisch weg. Beim Theater lebst du ja wie unter einer Glasglocke. Du bist eins mit deiner Arbeit auf der Bühne und im Probenraum. Du hast keinen Platz in diesem Leben für einen Plan B.“

Dass sie heute wie ein Phönix mit neuen Flügeln über eine ganz eigene Bühne fliegt, war 2015 noch nicht absehbar.

Was macht man mit einer arbeitslosen Primaballerina?

Da war zunächst einmal der junge Mitarbeiter der Arbeitsagentur, der sie ratlos ansah. Was macht man mit einer arbeitslosen Primaballerina? Die aber immerhin noch top gesund ist: alle Gelenke heile, makellose Füße - und eine grazile Schönheit. Hätte sie nicht weiter auf der Dortmunder Bühne ihr Publikum begeistern können statt der Arbeitsagentur Kopfzerbrechen zu bereiten?

„Ja, hätte ich. Ich war mit dem Tanzen noch nicht fertig“, blickt Monica zurück. „Manche Kollegen können tatsächlich irgendwann nur noch unter Schmerzmitteln auf die Bühne gehen. Vor allem für Männer ist es durch die Hebe-Figuren wie ein Hochleistungssport.“ Aber ihr Problem war ein ganz anderes: „Ich war 13 Jahre lang am gleichen Haus beschäftigt. Es war einfach zu schön. Aber nach 15 Jahren hat das Theater nur zwei Möglichkeiten: Entweder es gibt dir einen Lebenszeit-Vertrag - oder rechtzeitig vorher eine Kündigung.“ Die zweite Variante, die rechtlich keine Kündigung ist, sondern eine Nichtverlängerung des Vertrages, ist die übliche Praxis. Monica bekam die Mitteilung über die Nichtverlängerung im 14. Theaterjahr in Dortmund.

Selten bleiben Tänzer so lange

„Diese Regelung gilt am Theater für alle, die nicht dem Tarifvertrag öffentlicher Dienst unterliegen, auch z.B. für Dramaturgen oder Pressesprecher“, bestätigt Alexander Kalouti, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. „Aber es ist grundsätzlich schon sehr selten, dass jemand überhaupt so lange an einem Haus bleibt. Und gerade Tänzer sind ja vergleichbar mit Spitzensportlern, die sich auch überlegen müssen, wie es nach der ersten Karriere weitergeht.“

Das zweite Leben der Dortmunder Primaballerina

Monica Fotescu-Uta tanzte in Schwanensee. © G. Limatola

Aber nicht alle Hoffnungen erfüllen sich und nicht immer hat man die Zeitlinie im Blick – vor allem, wenn der Erfolg nicht endet. Es waren – und sind immer noch - überaus erfolgreiche Jahre für das Ballett. Der Höhenflug begann, als Xin Peng Wang kam, der noch heute gefeierte Ballettdirektor. Volles Haus, begeistertes Publikum, spektakuläre Inszenierungen. Monica tanzte alle großen Rollen: von Carmen über Nussknacker und Manon Lescaut bis – natürlich – Schwanensee. Europaweite Aufmerksamkeit für die Dortmunder Compagnie – und darüber hinaus. Auftritte in Finnland, Italien, Russland, Hongkong. Kritiker-Lob ohne Ende.

Xin Peng Wang war 2003 zum Dortmunder Ballett gewechselt – und hatte seine Assistentin und 1. Solistin gleich mitgebracht: Monica Fotescu-Uta, gebürtige Rumänin. Sie wurde die Dortmunder Primaballerina und blieb choreographische Assistentin. „Gemeinsam mit Zoltan Ravasz, dem Ballettmeister, waren wir ein sehr gutes Team. Wir haben uns alle gegenseitig inspiriert. Man arbeitet unendlich viel. Training, Aufführungen, neue Choreographien erarbeiten, Schritte zählen, Premieren. Die normale Welt bleibt draußen. Man will auch gar nicht gestört werden. Wenn man nicht konzentriert ist, gibt es Verletzungen.“

Außerhalb der Glasglocke

Aber irgendwann kommen die Tänzer aus aller Welt unter der Glasglocke hervor, stehen meistens in einem fremden Land und vor der Frage: Was mache ich in meinem zweiten Leben?

Der junge Mann der Arbeitsagentur hatte im gemeinsamen Grübeln mit der Primaballerina schließlich doch eine Idee. Heute steht Monica Fotescu-Uta auf ihrer eigenen Bühne. Die zierliche Frau, in der noch viel mehr steckt als Odette/Odile oder Manon Lescaut, hat sich komplett neu erfunden: Sie ist Therapeutin in der Westfälischen Landesklinik in Aplerbeck. In ihrer neuen Rolle hat sie den Applaus des Publikums gegen die Begeisterung und Dankbarkeit ihrer Patienten getauscht. „Statt meiner Künstlergarderobe habe ich jetzt ein sehr schönes Büro mit Blick auf den Park. Und tatsächlich eine richtige große Bühne. Ich bin sehr glücklich in dieser neuen Rolle!“

Aber der Weg zur Tanztherapie-Bühne war bestimmt von glücklichen Zufällen, eigener Vielseitigkeit und Tatkraft und interessierten, aufmerksamen Mitmenschen.

Gast-Engagements in Deutschland und Europa hatte Monica Fotescu-Uta in den ersten Monaten nach der Kündigung noch wahrgenommen. Aber dann war ihr klar: „Das will ich meiner Familie nicht antun. Sollte ich meiner kleinen, heute 7 Jahre alten Tochter sagen: Mama will tanzen. Darum werde ich dich jetzt ein bisschen durch die Gegend schleppen. Nein. Ich wusste, ich will in Dortmund bleiben.“

Studium der Sophrologie

Einen Grundstein für eine zweite Karriere hatte die Primaballerina schon in früheren Jahren gelegt – ohne zu wissen, wie wichtig er würde: Sie hatte in Lüttich auf Französisch Sophrologie studiert. In Frankreich eine sehr populäre Therapie-Form dynamischer Entspannung. Sie hilft Menschen in Belastungs-Situationen, zu sich selbst zu finden, neue Werte zu entdecken und eine gesunde Verbindung zwischen Körper und Seele herzustellen.

Das zweite Leben der Dortmunder Primaballerina

Monica Fotescu-Uta will mit ihrer Tochter nicht ständig herumreisen. © Martin Urner

„Tänzer haben eine extreme Verbindung zu ihrem Körper, bis in den letzten Nerv. Wir haben gelernt, sehr fokussiert zu sein. Nach außen und auch nach innen. Immer im Wechsel unserer verschiedenen Persönlichkeits-Facetten zwischen Realität und Bühne. Da ist die Gefahr, irgendwann sich selbst zu verlieren.“ Darum hat sie Sophrologie studiert, auf der Suche nach einem Rezept für sich selbst. Und sie hat ihre eigene Kompetenz eingebracht: Das Tanzen. Ihre Masterarbeit hieß „Choreo-Sophrologie“.

Als sie über dieses Thema sprachen, machte es bei dem netten Arbeitsagentur-Berater „klick“: Er riet ihr, darauf aufbauend an der Paracelsus-Schule in Dortmund Heilpraktiker für Psychotherapie zu studieren. Das Studium dauerte anderthalb Jahre. Aber möglicherweise wäre sie trotzdem nicht in ihrem schönen Büro mit Parkblick gelandet, hätte der November 2015 nicht viele Ereignisse gebracht, die sich zu einem guten Ende – oder besser: zu einem guten Neubeginn zusammenfügten.

Das letzte auf der Bühne

Im Sommer 2015 steht Monica Fotescu-Uta zum letzten Mal auf der Bühne im Dortmunder Theater: in der Benjamin Millepied-Inszenierung „Closer“. Ein Spiel mit Nähe und Distanz zum Abschied.

Und dann kam der November 2015 – als eine Art Wegweiser ins nächste Leben: Beim Weltkongress für Sophrologie in Sitjes in Spanien stellt sie ihre Sophrologie-Methode mit Tanz und Bewegung vor. Im Keuninghaus in Dortmund feiert sie Premiere mit „Dancetination“, einem internationalen Tanz-Projekt mit 100 Menschen aus 16 Nationen. Und schließlich ist sie im gleichen Monat noch zum größten Psychiatrie-Kongress in Berlin eingeladen, um gemeinsam mit dem Direktor der Westfälischen Landesklinik Dortmund, Prof. Dr. Hans-Jürgen Assion, einen Vortrag über Tanz- und Körpertherapie zu halten.

Wie kam es zu dieser Einladung? „Alles hatte eigentlich schon 2013 seinen Anfang, als mich Michael Rieger, Ergotherapeut in der Rehabilitations-Einrichtung Friederike-Fliedner-Haus, im Theater ansprach: Ob ich nicht bei einem Projekt mit psychisch kranken Rehabilitanten mitmachen wolle. Er tanzte nämlich Salsa mit den Patienten und sah: Das macht etwas mit ihnen, etwas positiv Veränderndes!“ Die Primaballerina entwickelte für das Diakonische Werk als Träger der Einrichtung ein Konzept auf der Basis von Sophrologie. Tanzen als Therapieform. „Und plötzlich standen Menschen, die sich sonst nicht aus dem Haus trauten, vor 300 Zuschauern auf der Bühne. Sie waren euphorisch. Das Erfolgserlebnis gab ihnen Hoffnung und Selbstvertrauen.“

Weitere Projekte

Mit ihrem Rehabilitanten-Projekt wurde sie schließlich eingeladen zu einem Symposium der Landesklinik. Als der Klinikdirektor fragte: „Möchten Sie sowas auch bei uns machen?“ war es zunächst nur ein weiteres Projekt. Dass es die Weichen ins zweite Leben der Primaballerina stellen würde, war damals nicht abzusehen. 2017 schließlich, als sie ihr Studium an der Paracelsus-Schule abgeschlossen hatte, bekam sie das Angebot: Einen vollen Arbeitsvertrag als Therapeutin für Choreo-Sophrologie und Tanztherapie. Monica Fotescu-Uta: „Ich habe begeistert Ja gesagt!“ Bei der ersten Inszenierung mit ihren Patienten tanzte sie Closer – ihre Abschiedsrolle nun als Neubeginn.

Wie erlebt Monica Fotescu-Uta den Unterschied zu ihrem früheren Leben als Primaballerina? „Ich habe die Theaterbühne geliebt! Aber mein Publikum saß immer im Dunkeln, auf Distanz. Heute bin ich den Menschen ganz nah. Ich sehe tiefe Dankbarkeit und Tränen in den Augen. Das ist so greifbar. Aber ich bin unendlich dankbar für die Zeit damals auf der Bühne als Primaballerina. Es hat sich alles gelohnt. Ich bin, wer ich bin durch all diese Erfahrungen.“

Ihre Spitzenschuhe hängen übrigens nicht am Nagel. „Ich brauch sie noch, fast jeden Tag.“

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