Dem Senioren-Netzwerk Zwar steht das Wasser bis zum Hals

dzLandesmittel gestrichen

NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) will die Förderung für das Seniorenprojekt Zwar einstellen. Das könnte besonders für die Dortmunder Gruppe Vertrouwen Konsequenzen haben.

Dortmund

, 17.11.2018, 04:15 Uhr / Lesedauer: 4 min

Jährlich 600.000 Euro fließen in das Seniorenprojekt Zwischen Arbeit und Ruhestand (Zwar). Damit werden neue Gruppen gegründet sowie die Zentralstelle an der Steinhammerstraße in Marten finanziert. Seit 1984 geht das so. Nun kündigte der NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) an, dass ab 2020 die Förderung eingestellt werden soll. Ein Schock für den Trägerverein.

Laut Vorstandsvorsitzendem Guntram Schneider habe der Sozialminister mitgeteilt, dass Vorgaben nicht eingehalten worden seien. "Das ist ein Witz", kommentiert Schneider das bestimmt. Seit einigen Jahren seien die Fördermittel nicht erhöht worden, was bei Zwar zu Einsparungen geführt habe. Beschwert hätte sich der Trägerverein darüber nicht.

Andere Möglichkeiten, die wegfallenden Mittel aufzufangen, gibt es nicht. Der Zwar e.V. ist sauer: "Und dann feiert der Laumann sich seit Jahren als soziales Gewissen der CDU", bemängelt Schneider. Vor knapp sieben Wochen hatte der Minister Schneider informiert, dass die Gelder gestrichen werden. Die beiden kennen sich seit Jahren, Schneider war Laumanns Vorgänger im Sozialministerium. "Das ist kurzsichtige Politik", erbost sich der Vorsitzende.

Ein Konzept, das funktioniert

Rund 10.000 regelmäßige Teilnehmer hätten die 240 Gruppen in circa 70 Gemeinden. 20 Gruppen gibt es alleine in Dortmund. Alle Gemeinden würden die Gruppen befürworten, gerade hinsichtlich des demografischen Wandels.

In Dortmund wurde Zwar vor rund 40 Jahren an der Universität von Dr. Wolf Klehm und Rudi Eilhoff gegründet, um Rentnern eine Möglichkeit zu geben, nach dem Berufsausstieg ihren Alltag zu füllen. Dass das Konzept funktioniert, sieht man beispielsweise beim Segelverein Vertrouwen e.V., der sich um das gleichnamige Schiff im Dortmunder Hafen kümmert. 80 Mitgliedern aus Dortmund und Umgebung sind hier jeden Mittwoch aktiv.

"Das komplette Geld geht ins Schiff"

"Wir leisten hier alles in Eigenarbeit", erklärt der 2. Vorsitzende Frank Reinemann. Jegliche Zwar-Gruppen agieren autarkt, sie sind also für sich selbst verantwortlich. Der Trägerverein leistet nur Hilfestellungen auf Anfrage. Mitgliedsbeiträge für Zwar gibt es nicht. "Wir sind eigentlich der kostengünstigste Seniorenverband", so Schneider. Da der Vertrouwen e.V. sich inzwischen fast komplett von Zwar abgekapselt hat und als Segelverein fungiert, zahlen Mitglieder hier einen Jahresbeitrag von 43 Euro.

"Das komplette Geld geht ins Schiff", so Reinemann. Die DEW gibt jedes Jahr 20.000 Euro dazu, hat dafür das Logo im Schiffssegel. Die gleichnamige Klipperaark (ein klassisches niederländisches Fischereischiff) ist der ganze Stolz des Vereins, gehört ihnen aber nicht. Denn die Vertrouwen ist dem Segelverein vom Zwar-Trägerverein nur geliehen worden. Dieser hatte es vom Land Nordrhein-Westfalen 1993 überschrieben bekommen.

Das Schiff wird winterfest gemacht

Nun quält die Mitglieder des Segelvereins eine Angst: Dass sie ihre Vertrouwen abgeben müssen. Denn bei der Auflösung eines ehrenamtlichen Vereins wird jegliches Eigentum veräußerlicht - also dementsprechend auch das Plattbodenschiff. "Wir hätten keine Chance, es zu halten", befürchtet Schneider. Der Segelverein wünscht sich nun, dass Zwar ihnen die Vertrouwen überschreibt. Schließlich stecke man jährlich um die 3000 Arbeitsstunden hinein. Darüber will Schneider sich bislang noch keine Gedanken machen: "Hier geht es um die Arbeit mit 10.000 Leuten, das Segelschiff ist für mich sekundär." Im Falle einer Auflösung würde das gesamte Vermögen an die Arbeiter-Wohlfahrt (Awo) fallen.

Von November bis Mai liegt das Schiff im Dortmunder Hafen direkt neben dem Herrn Walther, im Sommer hat es einen Liegeplatz im Museumshafen Greifswald. Von dort aus starten die Segler zu jeweils einwöchigen Touren beispielsweise rund um die Insel Rügen mit anderen Zwar-Vereinen.

Zwei Skipper und zehn Gäste finden hier Platz. Luxus muss man auf dem alten Schiff nicht erwarten, dafür sieht es mit dem dunklen Holz, der Deko und den Bullaugen drinnen gemütlich nach Seefahrerabenteuer aus. Bis zum 18. November bietet der Verein Fahrten auf dem Dortmund-Ems-Kanal in Richtung Henrichenburg an. Momentan machen die begeisterten Seefahrer und Handwerker das Schiff schon winterfest.

Verlust hätte schwerwiegende Folgen

Denn nicht nur die Instandhaltung ist eine Bedingung vom Zwar e.V. für die Nutzung des Schiffs, sondern auch die Beförderung anderer Zwar-Vereine.

Der Verlust der Klipperark hätte schwerwiegende Folgen für den Verein. Alfred Sanders ist seit fünf Jahren Mitglied im Segelverein Vertrouwen. Der 68-Jährige fragt sich: "Das Schiff muss ja irgendwie unterhalten werden. Wenn die Förderung wegfällt, wer sollte das dann in Stand halten?"

Dem Senioren-Netzwerk Zwar steht das Wasser bis zum Hals

Alfred Sanders (v.l.), Joachim Böhle und Roland Stute machen die Vertrouwen winterfest und bringen sie wieder auf Hochglanz für die nächste Saison. © Verena Schafflick

Sanders hatte 2013 in der Zeitung von Zwar gelesen und ist daraufhin mit einem Kollegen mitgekommen. Einen Segelschein hatte er damals noch nicht. "Das Schiff war damals total abgetackelt und muffig", erinnert er sich. Sein Interesse war geweckt: "Es ist schön, man hat was zu tun und ist unter Leuten." Inzwischen hat er einen Segelschein.

Ähnlich geht es Roland Stute, auch wenn er erst seit einem Jahr dabei ist. "Hier sind aus allen Berufsgruppen Leute dabei", sagt der 73-jährige Hagener. Die Rentner freuen sich auf die immer donnerstags stattfindenden Treffen, dann bringt immer jemand etwas zu essen mit. Man arbeitet am Schiff oder plauscht einfach nur. "Heute gibt es Chili con carne", freut sich Reinemann. Momentan machen er und seine rund 35 Aktiven das Schiff winterfest. Denn so ein kompletter Sommer auf See hinterlässt seine Spuren.

"Das soll keine Trauerfeier werden."

Von Mai bis November ist die Aark immer auf See. In der Zwischenzeit werden die Hölzer erneuert, der Boden gewienert, was eben so anfällt. Auch hatte die Vertrouwen ein Leck, was repariert werden musste. Und das ist nicht die einzige Arbeit. Denn der Verein hat sich vor kurzem ein neues Schiff gekauft: eine Holländische Tjalk von 1912 mit Namen Rival. Die wird der Verein nun komplett sanieren.

Andere Aktivitäten als Schifffahren und Rumschrauben bietet die Zwar Gruppe Brackel/Neuasseln. Hier können die Mitglieder Fahrrad fahren, Boule spielen, Fotografieren und Wandern. Da das völlig unabhängig organisiert wird, geht es auch hier weiter. Beim Trägerverein will man den Kopf nicht in den Sand stecken. Einem erneuten Gespräch mit Laumann sei man nicht abgeneigt. Gerade, weil nächstes Jahr das 40. Jubiläum anstehe, so Schneider. "Das soll keine Trauerfeier werden."

Auch das Geld für die Forschungsgesellschaft für Gerontologie e.V. soll gestrichen werden. Sie soll keine jährliche Förderung von 330.000 Euro mehr vom Land NRW bekommen. Seit 28 Jahren wird an der TU Dortmund erforscht, wie sich der demografische Wandel auf die Gesellschaft auswirkt.
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