Der Westfalenpark im Süden der Innenstadt musste schon mehrfach wegen Bomben-Entschärfungen geschlossen werden. © Oskar Neubauer (A)
Blindgänger-Entschärfung

Darum liegen im Westfalenpark so viele Bomben-Blindgänger aus dem Krieg

Schon 12 Bomben-Blindgänger aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs wurden 2021 im Westfalenpark entschärft. Doch warum wurde das Parkareal so stark bombardiert? Aufschluss geben alte Luftbilder.

Über die Wegkreuzung zwischen Wasserbecken und Sonnensegel sind in den letzten sechs Jahrzehnten wohl schon Hunderttausende Westfalenpark-Besucher spaziert.

Nichts ahnend, dass unter ihren Füßen Bomben aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs schlummern. Gleich drei Bomben-Blindgänger sind hier Ende Februar geborgen und unschädlich gemacht worden.

Die Entschärfer des Kampfmittelbeseitigungsdienstes der Bezirksregierung Arnsberg sind in den letzten Wochen Stammgäste im Westfalenpark. Im noch jungen Jahr 2021 haben sie schon zwölf Bomben-Blindgänger im Park entschärft. Am 12. Januar waren es fünf, am 18. Februar vier und am 25. Februar drei.

Glücklicherweise gibt es im jeweils gezogenen Evakuierungsradius keine Anwohner, die ihre Wohnungen verlassen müssen. Teilweise mussten „nur“ einige Bürogebäude geräumt und die B54 kurzzeitig gesperrt werden. Und natürlich war der Park für Besucher geschlossen. Die Entschärfungen verliefen dann reibungslos.

Vorbereitungen auf Bauarbeiten

Dass die Bomben-Blindgänger aufgespürt wurden, hängt mit geplanten Bauarbeiten im Park zusammen. Die Stadt will in den nächsten Jahren mehr als 34 Millionen Euro rund um den Florianturm investieren. Geplant sind etwa ein neuer Eingangsbereich an der Ruhrallee und eine Neugestaltung des Robinson-Spielplatzes. Ein Schwerpunkt ist der Bereich rund um die Wasserbecken.

Hier wurden denn auch am 25. Februar die drei Blindgänger entschärft. Ihr Fund war kein Zufall, sondern das Ergebnis akribischer Arbeit. Im Vorfeld von Bauarbeiten ist es üblich, dass Luftbilder aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs ausgewertet werden. Sie geben Aufschluss darüber, wo Bomben explodiert oder auch eben nicht explodiert und als so genannte Blindgänger gelandet sind.

Mitten auf dem Wegkreuz zwischen Sonnensegel und Wasserbecken wurden am 25. Februar die letzten drei Bombenblindgänger im Westfalenpark gefunden. Der Kreis markiert den Evakuierungsradius für die Entschärfung. © Stadt Dortmund © Stadt Dortmund

Die Britische Armee hat die Auswirkungen jedes Fliegerangriffs mit Luftaufnahmen dokumentiert. Das Archiv steht nun dem Kampfmittelexperten der Bezirksregierung zur Verfügung, um Blindgänger ausmachen zu können. Ihre Erkenntnisse sind dann Grundlage für das Aufspüren und Entschärfen der nicht explodierten Weltkriegs-Bomben.

Mittlerweile können Luftbilder aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs beim Kampfmittelbeseitigungsdienst der Bezirksregierung Arnsberg digital ausgewertet werden – wie hier eine Aufnahme mit Bombentreffern rund ums Stadion Rote Erde. © Dieter Mene (A) © Dieter Mene (A)

Dabei kommt den Experten ein glücklicher Umstand zu Hilfe: „Das Gebiet des heutigen Westfalenparks war damals nicht bebaut. Da kann man die Bombentreffer auf den Luftbildern gut erkennen“, erklärt Falk Lemanscheck, Chef der Luftbildauswertung beim Kampfmittelbeseitigungsdienst der Bezirksregierung Arnsberg. „In bebauten Teilen der Stadt sind Blindgänger-Einschläge oft schwer auszumachen.“

Doch warum ist das Gebiet des heutigen Westfalenparks überhaupt so stark bombardiert worden? Lemanscheck kann da nur auf Erfahrungen und Vermutungen verweisen. Er geht davon aus, dass der nahe Westfalendamm ein besonderes Ziel oder zumindest ein Orientierungspunkt für die angreifenden Flieger war. Die heutige B1 war als damalige Reichsstraße 1 schon damals eine wichtiger Verkehrsachse.

Flächenangriffe auf Dortmund

Eine Rolle könnten auch die im Süden gelegen Phoenix-Hochöfen gespielt haben. Wobei zum Ende des Krieges von den Alliierten nicht mehr gezielt Industrieanlagen, die für die deutsche Rüstungsproduktion eine Rolle spielten, angegriffen wurden, sondern Flächenangriffe geflogen wurden. Weite Teile der Innenstadt wurden so zerstört.

In den vergangenen Jahren wurden immer wieder Bombenblindgänger im Westfalenpark und seinem Umfeld gefunden – wie hier im September 2015 auf dem Parkplatz an der Straße An der Buschmühle. Das Team des Kampfmittelräumdienstes entschärfte gleich fünf Blindgänger. © Dieter Menne © Dieter Menne

Als Reaktion auf den von Deutschland vom Zaum gebrochenen Krieg und auf deutsche Angriffe auf englische Städte flogen die britische und amerikanische Luftwaffe von Mai 1943 bis zum Frühjahr 1945 mehr als 100 Luftangriffe, darunter acht sogenannte Großangriffe auf Dortmund, bei denen insgesamt mehr als 22.200 Tonnen Bomben abgeworfen wurden. Rechnet man das auf die üblichen 250-Kilo-Bomben um wären das fast 90.000 Bomben.

Am 12. März 1945 erlebte Dortmund mit 1069 Flugzeugen und 4851 Tonnen abgeworfene Bomben den größten Luftangriff, der je auf eine deutsche Stadt geflogen wurde. Betroffen war damals vor allem die südliche Innenstadt – und damit auch der heutige Westfalenpark und sein Umfeld.

Dieser Zusammenhang lässt sich sogar mit den Luftbildern aus den verschiedenen Phasen des Krieges belegen. Denn die Aufnahmen, die Grundlage für die aktuellen Blindgänger-Funde sind, stammen in der Tat aus dem März 1945, bestätigt Lemanscheck. Viel spricht also dafür, dass die jetzt gefundenen Bomben bei dem verheerenden Großangriff vor genau 76 Jahren über Dortmund niedergegangen sind.

Gefahr durch Bauarbeiten

Nach dem Krieg wurde das Areal zwischen den alten Ausflugszielen Kaiserhain und Buschmühle dann aufgeschüttet und Ende der 1950er Jahren für die Bundesgartenschau in einen Park verwandelt. Die Bombenblindgänger blieben dabei weitgehend unentdeckt. Luftbild-Auswertungen gab es damals noch nicht.

Doch so lange die Bomben unberührt in der Erde liegen, geht von ihnen in der Regel auch keine Gefahr aus, erklärt Falk Lemanscheck. Gefährlich wird es, wenn sie bei Bauarbeiten unter eine Baggerschaufel kommen und bewegt werden“, erklärt der Experte.

Deshalb wird jetzt mit den Entschärfungen der Weg frei gemacht für die anstehenden Bauarbeiten im Park. Und die Blindgänger-Funde vom 25. Februar werden dabei wohl nicht die letzten gewesen sein. Wie viele Bomben-Verdachtspunkte genau es auf dem Areal des Parks noch gibt, kann Lemanscheck nicht sagen.

Nur so viel: „Es gibt noch reichlich davon.“

Erinnerungen für Park-Buch gesucht

  • Für ein Buch zur Geschichte und Entwicklung des Westfalenparks seit 1959 werden noch persönliche Erinnerungen gesucht. Einer der Beiträge soll im Buch veröffentlicht werden.

  • Die Beiträge können bis 15. März 2021 geschickt werden an post@buero-apfelbaum.de

  • Der Beitrag sollte 7500 Zeichen (inklusive Leerzeichen) nicht überschreiten. Die Form, ob Prosa-Text oder Gedicht, ist dabei unerheblich.
Über den Autor
Redaktion Dortmund
Oliver Volmerich, Jahrgang 1966, Ur-Dortmunder, Bergmannssohn, Diplom-Journalist, Buchautor und seit 1994 Redakteur in der Stadtredaktion Dortmund der Ruhr Nachrichten. Hier kümmert er sich vor allem um Kommunalpolitik, Stadtplanung, Stadtgeschichte und vieles andere, was die Stadt bewegt.
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Oliver Volmerich
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