„Damit man nicht allein ist“ - Ein Tag in der Dortmunder „Trinkerszene“

dzAlkohol in der Öffentlichkeit

Dortmund ist eine Stadt der Trinker. Menschen, die rund um die Uhr in der Öffentlichkeit Alkohol trinken, gehören zum Stadtbild. Manche möchten sie loswerden. Doch die „Trinkerszene“ bleibt.

Dortmund

, 17.09.2019, 17:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es geht um Menschen, die bei Bier oder Schnaps draußen zusammensitzen. Um Menschen, die häufig suchtkrank, wohnungslos oder psychisch erkrankt sind. Menschen, die das Bild an vielen öffentlichen Plätzen prägen. Die Stadt Dortmund kann keine Aussagen darüber treffen, ob das Phänomen von Alkohol in der Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren zu- oder abgenommen hat. Fakt ist: Es gibt „Trinkerszenen“ in allen Stadtteilen. Und das schon seit Jahrzehnten.

Das Wort „Trinkerszene“ klingt so, als wenn sich hier Menschen unter einer Flagge zusammentun und für eine gemeinsame Sache einstehen. Dabei ist das einzige, was sie eint, der Alkohol. Und es sind die Probleme.

Arbeitslosigkeit, Schicksalsschläge, Einsamkeit: Die Menschen haben viele Gründe, warum sie hier zusammen sitzen. Gemeinsam tut es weniger weh. „Wer hierher kommt, der macht das, damit er nicht alleine ist“, sagt H.

9.30 Uhr, Robert-Koch-Platz

H. ist ein Mann Anfang 50. Schmaler Schnauzbart, gepflegtes Äußeres, modische Schuhe in Wildlederoptik, unter dem Sweatshirt wölbt sich ein Bauch. Er ist gerade an den Sitzbänken am Robert-Koch-Platz in der Innenstadt-Ost angekommen. Platz ist ein großes Wort für das Arrangement aus einem Stromhäuschen, mehreren abgewetzten Bänken und einem Trinkbrunnen.

H. ist der erste an diesem Montagmorgen und richtet gerade den Ort her, an dem er die nächsten paar Stunden verbringen wird. H. legt Werbeprospekte aus der Zeitung auf die feuchten Holzsitze, sammelt Müll ein. „Die Kronkorken sammle ich und spende sie für ein Projekt, das behinderten Kindern hilft“, sagt H. und steckt eine Handvoll Verschlüsse in die Seitentasche seines Rucksacks.

„Die anderen müssten gleich da sein“, sagt er. „Die anderen“ - das ist zum Beispiel K., der schon 82 ist, und das sind noch ein paar Männer und Frauen, die fast jeden Tag hier sind.

H. setzt ein blaues Feuerzeug an den Flaschenhals, mit einem Zischen öffnet sich die Flasche Hansa-Pils, die er gerade an der Bude gegenüber gekauft hat. Es ist 9.40 Uhr.

Er nimmt einen tiefen Schluck. „Drei, vier Flaschen“, so sagt er, werden es bis zum Mittag sein. „Danach gehe ich nach Hause und trinke nichts mehr.“

Finanzielle Probleme

H. erzählt von der schlechten Perspektive, finanziellen Problemen und der täglichen Frage, „ob man sich auch mal ein Kotelett leisten kann oder wieder nur Wassersuppe“. Er wirkt dabei nicht wütend, sondern reflektiert. Aber er hat auch nicht gerade viel Hoffnung, dass sich etwas bessert.

Für das Pils hat H. am Kiosk nebenan 50 Cent bezahlt. Das ist die Antwort auf die Frage, warum er und die anderen zum Trinken nicht in die Kneipe gehen. „Das können wir uns nicht leisten. Da kostet ein kleines Bier 1,40 Euro. Dafür bekommst du zweieinhalb Flaschen.“

Die Kioskbesitzer haben diesen Markt schon seit Jahren erkannt. Eine Beobachtung: Dort, wo sich eine „Szene“ trifft, ist das Bier besonders günstig. Oder hart formuliert: Eine Gruppe armer Teufel (die Trinker) hilft anderen armen Teufeln (den Kioskbesitzern) beim Überleben. Oder andersherum.

Das übliche Bild

12 Uhr, Kaiserbrunnen: Unter den Bäumen am Kaiserbrunnen sitzen wie jeden Tag zwei Männer mit Rucksäcken und Bierflaschen neben sich. Es ist das übliche Bild auf dem prächtigen Platz zwischen Realschule und Einkaufsviertel.

Hier hat die „Trinkerszene“ eine Geschichte. Anwohner kennen die Stammbesucher. Es gab hier mal ein Pärchen, das jeden Tag mit hartem Schnaps startete. Entweder küssten sie sich in aufdringlicher, betrunkener Leidenschaft. Oder sie stritten sich ebenso intensiv. Erst war der Mann nicht mehr da, kurz darauf die Frau.

H. kennt das, wenn jemand, mit dem man gestern noch getrunken hat, auf einmal verschwunden ist. „Im letzten Jahr sind drei gestorben“, erzählt er.

„Damit man nicht allein ist“ - Ein Tag in der Dortmunder „Trinkerszene“

Der Martener Wirt Michael Smaijlovic hatte sich mit der „Trinkerszene“ solidarisiert. © Beate Dönnewald

Die Situation eskalierte

15 Uhr, Marten: Anfang Juli eskalierte an der Steinhammerstraße in Marten eine Situation, die sinnbildlich für das ganze Dilemma im Umgang mit Alkohol im öffentlichen Raum steht. Nach anhaltenden Beschwerden von Anwohnern über Pöbeleien und Lärm entfernte das Tiefbauamt eine Steinmauer, auf der sich eine „Trinkerszene“ von bis zu 30 Personen traf.

Das animierte Michael Smajlovic, Wirt der Gaststätte „Martener Hof“, zu einer Solidaritätsaktion. „Die Leute hier in Marten beschweren sich lieber, anstatt Menschen zu helfen“, sagt er. Er stellte Mitte August eine ausklappbare Bank auf, um ein Zeichen zu setzen. Davon wiederum fühlen sich die Anwohner verhöhnt.

Jetzt lesen

Der Ergebnis: Die Bank steht in Smajlovics Lager, und die Menschen aus der Trinkerszene sind immer noch da. Nur sitzen sie jetzt nicht mehr an einem Platz, sondern sind mal hier, mal da zu sehen. „Sie wandern, wirken kopflos, suchen Orte, wo sie sitzen können“, sagt der Wirt. Die Politiker im Ort würden nur mit den Schultern zucken und das Problem ignorieren. „Jeder schiebt es auf den anderen“, sagt der Wirt.

Alkohol, Zigaretten und Marihuana

18 Uhr, Stadtgarten: An diesem Spätsommerabend sind in der Grünfläche mitten in der Stadt viele Sitzplätze besetzt. Auf der einen Bank klirren die Bierflaschen, auf der anderen fällt der Schraubdeckel einer Schnapsflasche mit einem metallenen Klicken zu Boden. In der Luft vermischen sich Alkoholdunst, der Geruch von selbstgedrehten Zigaretten und von Marihuana.

Eine Gruppe von zehn Personen sitzt trinkend unter Bäumen. Ein elfter Mann in einem T-Shirt einer BVB-Fangruppierung kommt dazu. „Wie läuft’s?“, ruft er in die Runde. „Scheiße läuft‘s“, antwortet ein älterer Mann mit trüben Augen und tiefen Furchen im Gesicht. Der Neuankömmling in schwarzgelb fragt nicht weiter nach.

Die Atmosphäre hier ist aggressiver als am Robert-Koch-Platz oder am Kaiserbrunnen. Hier wird der Frust durch den Alkohol nicht gedämpft, sondern verstärkt.

Zwischen Nordmarkt und Aplerbecker Rodenbergpark gibt es überall Treffpunkte von Trinkern

Es ließen sich weitere solcher Szenen von vielen Orten der Stadt schildern. Aus dem Keuning-Park, vom Nordmarkt, vom Friedrich-Ebert-Platz in Hörde, aus dem Aplerbecker Rodenbergpark, aus dem Westpark. Kurz: Von nahezu allen öffentlichen Plätzen, die eigentlich für jeden da sein sollen.

Jetzt lesen

An vielen Orten gibt es ein friedliches Nebeneinander. Oft sind die Trinker aber auch die einzigen, die diese Plätze überhaupt nutzen. Das führt zu der Frage, was eigentlich Ursache und Wirkung ist. Besetzen sie die Plätze, weil sie sonst niemand nutzt? Oder nutzt sie niemand, weil die Trinker da sind?

H. weiß, dass er und seine Kumpels nicht bei allen beliebt sind. Aber er weiß auch, dass das hier die beste Gemeinschaft ist, die er im Moment finden kann. Bald wird er sich neu orientieren müssen. Die Sitzbänke am Robert-Koch-Platz sollen abgerissen werden, hier sollen Parkplätze hin. H. trinkt noch einen Schluck „Hansa“ und sagt: „Dann geht die Suche nach einem neuen Platz los.“

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Demos in der Nordstadt

Kritik an Polizei: Augenzeugen berichten von Schlagstock-Einsätzen gegen Nazi-Gegner

Meistgelesen