Prostitutionsbetriebe sind geschlossen, die Linienstraße ist das, was sie seit vielen Jahren nicht mehr war: Einfach eine Straße. Aber was heißt das? Und was ist mit Wohnungsprostitution?

Dortmund

, 20.03.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das sei, sagt ein Bordellbetreiber am Telefon, alles ganz geordnet abgelaufen. Bereits Ende letzter Woche habe es Hinweise durch das Gesundheitsamt gegeben, dass eine Schließung von Bordellen wohl kommen wird.

Dann sei geschlossen worden und seitdem ist die Linienstraße am Dortmunder Hauptbahnhof das, was sie seit vielen Jahren nicht mehr war: einfach eine Straße, wenn auch eine sehr leere. Normalerweise läuft hier ein 24-Stunden-Betrieb, jetzt passiert hier gar nichts mehr.

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Am Dienstag, sagt der Mann, sei er noch mal da gewesen, die Mülltonnen mussten raus, da seien noch vereinzelt Männer unterwegs gewesen und hätten an die Scheiben geklopft. Doch das, was sie suchten, war nicht mehr da. Und wird, Stand heute, auch bis zum 20. April nicht mehr zu finden sein.

Strenge Auslegung in Dortmund

Viel, was nun verordnet wurde und wird, liest sich nur auf den ersten Blick klar, einiges ist Auslegungssache. So heißt es in der durch die Stadt Dortmund erlassenen Allgemeinverfügung, „alle Prostitutionsbetriebe im Sinne des Prostitutionsschutzgesetzes“ seien zu schließen.

Womit die Frage im Raum steht, was das für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter bedeutet, die sich als Escort über eine der diversen Internetseiten anbieten?

Nachricht an die Mitternachtsmission

Wenn man die Stadt Dortmund fragt, erhält man die Antwort, dass auch alle anderen Prostitutionstätigkeiten wie Wohnungsprostitution oder auch Angebote im Netz einzustellen sind. Dies habe, so die Stadt weiter, das Ordnungsamt auch allen Anrufern und Anruferinnen aus dem Milieu so weitergegeben.

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Gleichzeitig habe das Ordnungsamt darüber hinaus eine Nachricht an die Mitternachtsmission geschrieben und darum gebeten, die Information entsprechend über alle zur Verfügung stehenden Kanäle zu verbreiten.

„Unlauterer Wettbewerb“

So weit, so klar, könnte man meinen. Doch Prostitution ist nur bedingt ein Dienstleistungsgewerbe wie jedes andere auch:

Wenn man sich auf einer der entsprechenden Seiten im Netz umschaut, findet man einige Anbieterinnen, die von sich aus erklären, wegen der aktuellen Corona-Situation aktuell auszusetzen. Doch das gilt aktuell noch für eine Minderheit derer, die sich dort anbieten.

Für den Dortmunder Bordellbetreiber, der die Schließung der regulären Bordelle für vollkommen vernünftig hält, würden diese Angebote im Moment die Lücken auffüllen, die durch Schließungen entstanden seien. „Letztlich“, so sagt er, „ist das unlauterer Wettbewerb.“

Überprüfungen illusorisch

Dass sich die Prostitution durch ein Verbot verhindern lässt, kann man bezweifeln. Und dass dieses Verbot im Moment kontrolliert werden kann, ist mindestens ebenso zweifelhaft.

Wer sollte das einerseits kontrollieren können, die Ordnungs- und Gesundheitsämter gehen in der momentanen Situation eh schon am Stock, da ist es illusorisch, dass Onlineangebote überprüft werden.

Empfehlung des Bundesverbandes

Zwar rät der Bundesverband der Sexarbeiterinnen inzwischen, „in Deutschland körpernahe sexuelle Dienstleistungen vorübergehend einzustellen“. Allerdings weiß der Verband auch, „dass viele Kolleg*innen über keine ausreichenden Rücklagen verfügen und auf die Einnahmen aus der Sexarbeit dringend angewiesen sind“.

Was ein wesentlicher Punkt ist, den auch der Dortmunder Bordellbetreiber bemerkt: Auch bei ihm gebe es Anfragen, wo die Frauen jetzt arbeiten könnten. „Teilweise ernähren sie ganze Familien, da wird jetzt Druck ausgeübt, das weiter zu tun“, sagt der Mann.

Selten Anspruch auf Sozialleistungen

Sorgen macht sich auch die Dortmunder Städtegruppe des Mädchen- und Frauenrechtsverein Terre des Femmes e.V., die einen offenen Brief unter anderem an die Polizei sowie die Sozialdezernentin verfasst hat.

Man wisse nicht, ob die Frauen sich selbstständig helfen können. Laut diesem Schreiben seien nur elf Prozent der Dortmunder Prostituierten aus Deutschland und viele Armutsprostituierte in der Stadt tätig, die weder Anspruch auf HartzIV oder andere Sozialleistungen hätten.

Der Verein zitiert einen Bericht der Dortmunder Mitternachtsmission, die sich um Prostituierte in der Stadt kümmert, demzufolge „die Prostituierten in der Regel keine Ersparnisse anhäufen, nicht krankenversichert sind, keinen festen Wohnsitz haben, nicht sozialversicherungspflichtig angestellt sind“.

Der Dortmunder Bordellbetreiber hat die bei ihm tätigen Frauen informiert, einige hätten sich sogar gefreut, unerwartet heim fahren zu können. Andere hätten Fragezeichen in den Augen gehabt, wie sie die kommende Monatsmiete bezahlen sollen.

Für die sonstigen Beschäftigten habe er Kurzarbeitergeld beantragt. Der Berufsverband seinerseits will sich für Ausgleichszahlungen einsetzen und hat auf seiner Homepage neben Tipps auch ein Video zum Thema Prostitution und Corona veröffentlicht.

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