Homeoffice und Kinderbetreuung ist plötzlich eine neue Lebensrealität. Aber was können Menschen tun, um keinen Lagerkoller zu bekommen? Ein Psychologe und eine Familienbetreuerin antworten.

Dortmund

, 17.03.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Kinder sind daheim und sollen betreut werden, zeitgleich sollen die Sozialkontakte eingeschränkt werden und Homeoffice soll auch noch funktionieren. Im Moment verändert sich das bisher gewohnte Leben und Arbeitsleben fundamental. Wie kann das halbwegs klappen, ohne dass in den eigenen vier Wänden der Lagerkoller ausbricht und sich Familienmitglieder nach drei Tagen oder auch zwei Wochen an die Gurgel gehen?

Konkurrenz zwischen Arbeit und Betreuung

Prof. Dr. Joachim Hüffmeier ist Lehrstuhlinhaber für Sozial-, Arbeits- und Organisationspsychologie an der TU Dortmund, auch er arbeitet aktuell zuhause. „Wichtig ist, dass Homeoffice und Kinderbetreuung konkurrierende Anforderungen sind“, sagt Hüffmeier. Eine Leistung wie im normalen Büroumfeld sei daher nicht erwartbar, das müssten Arbeitnehmer und Arbeitgeber wissen.

Andererseits müsse auch klar sein, dass Kinderbetreuung mit Homeoffice nicht in Vollzeit machbar sei, das müsse man den Kindern auch klar machen. Eltern, die im Homeoffice arbeiten, müssten Kindern klar machen, dass die Eltern nicht permanent ansprechbar sind. Am besten, so der Psychologe, sei es, wenn die Phasen der intensiven Kinderbetreuung sich mit denen der Heimarbeit abwechseln.

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Es braucht Struktur

Andrea Schöttler ist systemische Familientherapeutin bei der Diakonie in Dortmund. Für sie ist es wichtig, dass Eltern und ihre Kinder den Alltag so gut es eben geht, weiterleben. Was heißt, dass der Tag Struktur braucht. Weil im Moment die Schulen geschlossen sind, heißt das nicht, dass jetzt das große Lotterleben beginnen kann.

Morgens sollten die Kinder zu gewohnten Zeiten aufstehen und abends zur gewohnten Zeit schlafen gehen. Der Vormittag solle nach wie vor den schulischen Inhalten gewidmet sein, da könne zum Beispiel ein eigener „Stundenplan“ helfen, in dem steht, wann was zu erledigen ist. Hüffmeier sieht das ähnlich, er sagt: „Sobald wir unsere Tagesstrukturen verlieren, sind wir alle verloren.“ Strukturen seien unverzichtbar.

Abwechslung bitte

Generell, so Schöttler, sei es eine gute Idee, gemeinsam zu überlegen, was die Familien mit dem erzwungenen Mehr an gemeinsamer Zeit machen könnten. Ein Baumhaus bauen mit exakt gleich langen Stöcken zum Beispiel, da ist dann gleich noch ein wenig Mathematik mit eingebaut.

Man könnte Videos drehen und zum Beispiel den Großeltern schicken, sich verkleiden, Musikinstrumente selbst bauen oder mit älteren Kindern überlegen, einen Lieferservice für ältere Nachbarn oder Bekannte einzurichten. Wichtig, so Hüffmeier, sei es, Kindern Abwechslung zu geben und nicht jeden Tag mit den gleichen Angeboten zu kommen. „Am besten ist es, sich abends zu überlegen, was man am nächsten Tag anders machen kann, um auch neue Reize zu setzen“, so Hüffmeier.

„Raum für ein gezieltes Wiederrunterkommen“

Beide finden es eher kontraproduktiv, die Kinder vor elektronischen Geräten wie Computern, Fernsehern oder Spielekonsolen zu parken. Für den Moment hat man Ruhe, doch es ist eine elterliche Lebenserfahrung, dass Kinder, die länger gezockt haben, dann eher aufgekratzter sind und das Zusammenleben noch ein bisschen schwieriger wird. „Die Dosis dieses medialen Konsums“, sagt Hüffmeier, müsse unbedingt altersangemessen sein. Und die Kinder bräuchten dann auch „Raum für ein gezieltes Wiederrunterkommen“. Ob dieser Raum in einer Dreizimmerwohnung gegeben ist, ist anzuzweifeln.

Kinder müssen an die frische Luft

Um zu vermeiden, dass es zu einem „Lagerkoller“ kommt, sollten die Kinder, so gut das eben geht, raus an die frische Luft. Findet Schöttler und auch Hüffmeier. Für Schöttler ist die Wahrscheinlichkeit, dass so ein Lagerkoller früher oder später kommt, ziemlich hoch.

Man müsse sich darauf vorbereiten, das thematisieren und schon vorher Rückzugsräume einrichten. Das könne, bei wenig Platz in der Wohnung, für ein Kind auch eine Höhle sein, die es sich baut. „Im Ernstfall“, so Schöttler, „kommt es zu einem Knall – aber das beruhigt sich dann auch wieder.“

„Man muss auch durchschnaufen können“, sagt Hüffmeier. Dazu brauche es Freiräume. Für Paare mit Kindern könne sich ein abwechselndes Betreuen anbieten, um dem Partner Gelegenheit zur Ruhe zu geben. Und bei Paaren, ob mit oder ohne Kinder, die wissen, dass es nicht gut ist, wenn sie zu lange zusammen sind, könne vorab geplant werden, was gemeinsam gemacht werde. Und was eben nicht. Ein „gezieltes aus dem Weg gehen“ könne helfen, Druck vom Kessel zu nehmen.

Achtsamkeit

„Die Lösung liegt in jedem selber“, sagt Schöttler. Man müsse miteinander sprechen, achtsam den anderen und ihren Bedürfnissen gegenüber sein. Und Solidarität und füreinander da sein einmal neu denken. Die Tage im erzwungenen Homeoffice sind jetzt da. Wie lange sie bleiben werden, kann niemand sagen. Aber wie lang jeder einzelne Tag wird, das ist beeinflussbar.

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