Corona ist da und trifft Dortmund. Doch viele Dortmunder reagierten nach Meinung unseres Autors anfangs zu gelassen - und gehen auch jetzt zu arglos mit dem Thema um.

Dortmund

, 14.03.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das ging wirklich schnell: Corona ist in Dortmund angekommen. Mit aller Wucht. Eine erste Schule musste am Donnerstag schließen, weil eine Lehrerin positiv auf das Virus getestet worden war. Schulen in Nordrhein-Westfalen sollen nun sogar ganz geschlossen werden. Täglich kommen neue Menschen hinzu, die sich infiziert haben.

Die Stadt Dortmund sagt die meisten Veranstaltungen ab, und der Oberbürgermeister appelliert in einer Pressekonferenz mit dem einberufenen Krisenstab an die Vernunft der Menschen: Sie mögen doch bitte mit dafür Sorge tragen, dass sich das Virus nicht so schnell weiter verbreitet.

Endlich.

Das hat lange gedauert. Zu lange. Mit verzweifeltem Erstaunen habe ich beobachtet, wie in Dortmund das Leben weiter seinen Gang ging, als gäbe es die Meldungen aus Italien oder China nicht. Geschichten über Ärzte, die entscheiden müssen, wem sie gegebenenfalls das verbliebene Atemgerät zuteil werden lassen: dem jungen, schwerst Erkrankten oder dem Senior, der als Risikopatient nur geringe Chancen hat?

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Da feiern wir erstmal richtig Karneval, gehen zum Fußball oder lassen es noch einmal zünftig in der vollen Kneipe krachen.

„Corona betrifft mich nicht!“

„Corona, das sind die anderen. Und wenn ich Corona krieg‘, dann habe ich halt ein wenig Husten und erhöhte Temperatur.“ - In der Tat scheint die Erkrankung in der Regel einen milden Verlauf zu nehmen. Viele Erkrankte bekommen noch nicht einmal mit, dass sie sich mit dem Virus infiziert haben. Kein Grund zur Hysterie, wie mein Kollege in der vergangenen Woche an dieser Stelle schrieb.

Zugegeben, da war die Welt noch eine andere. Häufiger mal die Hände waschen und gut, schrieb er damals. Doch ein wenig Aufregung schadet nicht, schärft sie doch die Sinne. Vielleicht ist dann vernünftiges wie verantwortungsvolles Handeln möglich.

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Denn es geht nicht nur um unser eigenes Risiko, sondern auch darum, die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Verbreitet es sich zu schnell, kommen Ärzte nicht mehr nach, unsere medizinischen und gesellschaftlichen Strukturen halten das nicht aus.

Es sind nicht nur wir, die erkranken können und abwägen müssen, ob wir ein paar Tage Bettruhe für eine gute Après-Ski-Party in Südtirol in Kauf nehmen wollen. Wir sind auch Träger des Virus, das dann auf jemanden übergehen kann, der es vielleicht nicht überlebt.

Die Risikopatienten sind um uns. Es sind die Älteren. Oder die Menschen, die herzkrank sind, eine Lungenerkrankung haben. Oder auch die 13-jährige Schülerin aus Dortmund, die Diabetes hat und bis Donnerstag Angst hatte, in die Schule zu gehen, weil sie sich dort anstecken könnte. Wer will verantwortlich sein, wenn diese Menschen krank werden - und vielleicht kränker als man selbst?

Es geht um Solidarität

In der Pressekonferenz des Krisenstabes am Donnerstag hat der Oberbürgermeister viel erzählt. Ein Punkt - er ging fast unter - ließ mich aufhorchen. Ullrich Sierau sprach von Solidarität. Die dürfen wir in diesen Tagen nicht außer Acht lassen. Denn - auch das vermag ein Virus uns bitterlich vor Augen zu führen - wir leben in einer Gemeinschaft.

Das Virus verbreitet sich unter den Menschen, wir können uns kaum dagegen wehren. Wir können uns dieser Gemeinschaft nicht entziehen. Das Virus aber verbreitet sich langsamer, wenn jeder sich schützt und somit auf die anderen achtet.

Wem das zu normativ oder zu idealistisch ist: Wenn wir (gesundheitliche) Sicherheit für uns selbst und unsere Familie wollen, dann müssen wir Regeln beachten, auf die wir uns verabreden müssen. Wir müssen uns verantwortungsbewusst auch anderen gegenüber verhalten. Allein schon um unserer Selbst willen. Egoismus hat da keinen Platz.

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Ich mag die Kommentare der allzu Arglosen nicht mehr lesen. Mir ist egal, ob an der Grippe viel mehr Leute sterben. Jetzt ist Corona, und Corona kennen wir zu wenig. Corona beunruhigt mich.

Ich finde es egoistisch, sich darüber zu beklagen, dass nun das langersehnte Konzertereignis ausfallen muss, weil andere Menschen wegen des Virus „Panik machten“. Mich irritiert die Trotzhaltung, wenn jemand schreibt, er werde jetzt erst richtig Feiern gehen und sich vorher auch nicht die Hände waschen.

Das Derby wurde zum Glück in letzter Minute abgesagt, sonst hätten sich Menschen trotzdem in Massen zum Fußballsupporten verabredet.

Es geht nicht um Panikmache!

Damit wir uns richtig verstehen: Es geht mir nicht um die Panikmache, die viele uns Medienschaffenden in diesen Tagen zuletzt vorwarfen (übrigens sind diese Stimmen seltener geworden).

Ich schreibe nicht, dass wir alle hamstern sollten; so viel Klopapier und Dosen-Ravioli braucht kein Mensch. Ich will auch niemandem das Shopping-Erlebnis oder den entspannten Kneipenbesuch vermiesen. Aber es geht mir darum, jetzt, für eine begrenzte Zeit, einen Gang runterzuschalten. Es hinzunehmen, wenn nun - aus Vorsicht - Veranstaltungen ausfallen.

Ein paar Abende zuhause auf der Couch sind auch nicht schlecht. Dort lässt sich im kleineren, kontrollierten Rahmen auch ein Borussia-Spiel wunderbar genießen. Wir müssen uns ein paar Wochen, vielleicht nur bis Mitte April, so einige Experten, zusammenreißen. Dann, wenn wir alle (die Betonung liegt auf alle) diese Welle überstanden haben, können wir das Leben wieder genießen. Bis dahin: ein wenig mehr Aufregung, bitte. Denn Aufregung kann achtsam machen.

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