Viele Dortmunder Handwerksbetriebe geraten wegen der Ausbreitung des Coronavirus in eine enorme wirtschaftliche Schieflage. Die Branche befürchtet einen nachhaltigen Schaden.

Dortmund

, 19.03.2020, 11:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vor nicht allzu langer Zeit waren die Auftragsbücher der Handwerker noch proppenvoll, nun zeichnet sich aufgrund des Coronavirus auch hier ein dramatischer Einbruch ab: Erste Dortmunder Betriebe haben bereits Kurzarbeit angemeldet. „Und das ist für viele absolutes Neuland“, sagt Joachim Susewind, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Dortmund und Lünen, der allein in Dortmund 4200 Betriebe angeschlossen sind. Er betont: „Bei uns ist zurzeit die Hölle los.“

Alle Innungen betroffen

So gut wie alle Innungen seien betroffen, fährt Susewind fort. Absolut notwendige Tätigkeiten - zum Beispiel in den Bereichen Gas, Wasser oder Elektro - würden noch angefordert, bei den sogenannten „Schönheitsarbeiten“ sei bei den Kunden aber ein starker Rückgang zu verzeichnen: „Das neue Badezimmer wird momentan hinten angestellt.“

Joachim Susewind, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Dortmund und Lünen, spricht von Problemen bei fast allen Innungen.

Joachim Susewind, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Dortmund und Lünen, spricht von Problemen bei fast allen Innungen. © PHOTOZEPPELIN GmbH

Diese dramatische Entwicklung gerade im Privatkundengeschäft habe gleich mehrere Gründe. Wenn ein Maler eigentlich Renovierungen vornehmen sollte, erhalte er laut Susewind nun oftmals eine Absage: „Die Menschen wollen keine fremden Leute in der Wohnung haben.“

Andererseits müssten die Handwerker nachfragen, ob es sich um einen Haushalt mit einer Person in Quarantäne handele. „Und es gibt auch Handwerker, die selbst Angst haben, irgendwo hinzufahren“, weiß Susewind.

Jetzt für Kurzarbeit anmelden

Mit dem Abbau von Resturlaub oder Überstunden könne zwar eine gewisse Zeit überbrückt werden, sagt der Hauptgeschäftsführer, doch den betroffenen Betrieben rät er: „Meldet euch jetzt für Kurzarbeit an!“ Denn einerseits hätten viele Unternehmen aufgrund der fehlenden Erfahrung großen Beratungsbedarf, andererseits liefen viele Kosten ja weiter.

Angesichts der weitestgehend unklaren Lage vermag auch Susewind nicht zu sagen, wie es in den kommenden Wochen weitergeht. In einem Punkt ist er sich jedoch sicher: „Die derzeitige Situation wird im Handwerk sehr große Spuren hinterlassen. Gerade kleine Betriebe werden betroffen sein.“

Privatkundengeschäft einstellen

Die Maler- und Lackiererinnung habe ihren Mitgliedern bereits empfohlen, das Privatkundengeschäft vorerst einzustellen, sagt Obermeister Matthias Behr: „Denn ein großer Teil unserer Zielgruppe gehört der Altersklasse Ü60 an.“ Auch in dieser Branche gilt: Gerade um die kleinen Unternehmen, die verstärkt bei privaten Kunden arbeiten, steht es schlecht.

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So gebe es laut Behr Unternehmen, bei denen fast das gesamte Geschäft zusammengebrochen sei. Besser gehe es den Betrieben, die in Objekten ohne direkten Kundenkontakt - zum Beispiel in Neubauten - zu tun hätten. „Aber die Angst ist riesengroß bei den Kollegen.“ Zumal es im Großhandel erste Probleme bei der Auslieferung von Arbeitsmaterialien gebe: „Denn alle packen sich zurzeit ihre Lager voll.“

Einsatz nur in Notfällen

Ralf Marx, Obermeister der Innung für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, weiß ebenfalls von Kollegen, die den Kundendienst minimiert haben: „Sie fahren nur für äußerste Notfälle raus.“ Seine 17 Monteure, die derzeit vor allem in Neubauten, städtischen Turnhallen oder Kliniken im Einsatz seien, beachteten streng die Anweisungen der Berufsgenossenschaft: „Sie sind unter anderem angehalten, die Pausen nicht mehr zusammen zu verbringen.“

Ralf Marx, Obermeister der Innung für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, weiß, dass manche Kollegen den Kundendienst stark zurückgefahren haben.

Ralf Marx, Obermeister der Innung für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, weiß, dass manche Kollegen den Kundendienst stark zurückgefahren haben. © PHOTOZEPPELIN.COM

Zudem stellt sich Marx die Frage, wie all die aufgeschobenen Arbeiten wie Wartungen oder Badsanierungen künftig nachgeholt werden sollen: „Ich glaube, wenn es wieder losgeht, dann wird‘s richtig kompliziert.“

Man weiß nicht, wer da kommt

Wenn es sich nicht gerade um einen Notfall handelt, vermeiden es viele Bürger in Zeiten des Coronavirus also, einen Handwerker ins Haus zu holen - das weiß auch Volker Conradi, Obermeister der Innung für Elektrotechnik: „Die Kunden sagen: ‚Man weiß ja nicht, wer da kommt.‘“

Andrea Auffermann kann sich in ihrem Kfz-Betrieb über mangelnde Kunden nicht beschweren. „Wir merken bisher noch nichts von der Corona-Krise“, sagt sie.

Andrea Auffermann kann sich in ihrem Kfz-Betrieb über mangelnde Kunden nicht beschweren. „Wir merken bisher noch nichts von der Corona-Krise“, sagt sie. © Schaper

Noch am Mittwoch (18. März) habe er mit dem Jobcenter gesprochen, wo man von extremen Konflikten bei vielen kleinen und kleinsten Betrieben wisse: „Die gehen jetzt in Kurzarbeit.“ Was aber keineswegs bedeute, dass nicht auch die mittelständischen Unternehmen betroffen seien: „Morgen oder nächste Woche kann es jeden treffen.“

Keine vergleichbare Situation

Wer beispielsweise für einen Automobilzulieferer arbeite, könne Probleme bekommen, wenn der Auftraggeber keine Teile mehr aus Asien erhalte und deshalb die Produktion runterfahre. Trotz aller Unwägbarkeiten weiß Conradi eines genau: „Ich bin seit über 40 Jahren im Handwerk tätig, aber was gerade passiert, ist noch nicht dagewesen.“

Doch es gibt offenbar Unternehmen, auf die sich die Coronakrise nicht negativ auswirkt. „Wir können nicht sagen, dass die Kunden ausbleiben“, erläutert Andrea Auffermann vom Werkstattbetrieb KFZ Auffermann. Bis zum Monatsende seien Termine vergeben - und es kämen auch viele Kunden, die noch keinen Termin hätten.

Vor allem beim Radwechsel gebe es eine rege Nachfrage: „Das Wetter ist gut und die Leute haben Zeit dazu.“ Ob es dabei bleibt, kann Auffermann in der jetzigen Situation aber nicht sagen: „Vielleicht sieht es nächste Woche schon ganz anders aus.“

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