Momente, in denen man heulen möchte - das Dortmunder Quarantäne-Tagebuch, Tag 4

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Corona - das bedeutet für viele Dortmunder auch: Quarantäne. Es genügt der bloße Kontakt zu einem Erkrankten. Wie das ist, berichtet unsere Autorin täglich in diesem Tagebuch. Tag 4: Lichtblicke.

von Felicitas Bachmann

Dortmund

, 27.03.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein bisschen ist es im Moment wie an Nikolaus, wenn man den leeren Stiefel rausstellt und hofft, dass er am nächsten Morgen gefüllt ist. Immer wieder finden wir nette Überraschungen vor der Haustür: Eine Flasche selbstgebrautes Bier vom Skatkollegen, eine morgendliche Brötchenlieferung vom Nachbarn oder eine doppelte Portion Bulgursalat von meiner Freundin Fatma.

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Den würde ich doch so gerne essen und sie wären eh in der Nähe gewesen, sagt sie mir. Das sind die Momente, in denen man fast heulen könnte. Ebenso abends, wenn wir gemeinsam singen.

You’ll never walk alone

Kirche, BVB und die Ruhr Nachrichten haben zum gemeinsamen Singen aufgerufen. Unsere Straße, eigentlich mehr ein U-förmiger Platz, hat das geschickt gebündelt. Um 19 Uhr tritt nun jeder an sein Fenster oder in gebührendem Abstand an den Straßenrand.

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Unser Nachbar, der im Posaunenchor spielt, steht mitten auf dem Platz und spielt mit seinem Saxofon erst „Freude schöner Götterfunken“ und dann noch drei Strophen „Der Mond ist aufgegangen“. Dann übernimmt mein Mann mit seiner Anlage die Beschallung für das abschließende „You’ll never walk alone“. Dazu werden Taschenlampen geschwenkt.

Horrorumzug und Verstopfung

Aber es gibt auch die Schattenseiten. Nein, nicht die Langeweile oder Trägheit - eher die Hilflosigkeit, wenn man dazu verdonnert ist, im Haus zu bleiben. So wird der Umzug meiner Tochter nicht nur für sie zum echten Horrortrip, sondern auch für die ohnmächtigen Eltern, die über Whatsapp auf dem Laufenden gehalten werden.

Erst sagen ein paar Helfer ab, weil sie befürchten, Strafe wegen des Kontaktverbotes zahlen zu müssen, dann, als der Sprinter endlich bereit zur Abfahrt ins 100 Kilometer entfernte neue Heim ist, springt er nicht mehr an. Wir sitzen zu Hause, machen uns Sorgen und drücken die Daumen - mehr können wir nicht tun. Was würden wir gerne zur Hilfe eilen! Nachts um 23.30 Uhr haben sie es dann endlich geschafft, ein echt schlechter Start.

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Oder unsere Waschküche: Mein Aufräumwahn macht auch vor ihr nicht Halt. Ich durchforste Putzmittel, Kosmetikartikel, Kinderschminke und meine Mini-Flakon-Sammlung, die den Setzkasten meines Jugendzimmers verzierte.

Kommt alles weg, habe ich die letzten zehn bis 15 Jahre nicht gebraucht, brauche ich auch nach Corona nicht mehr. Als alles leer und ordentlich ist, nehme ich den Schlauch, um die Fliesen zu reinigen. Tja, und dann läuft das Wasser plötzlich nicht mehr ab. Da hilft kein „Abflussfrei“ und kein Gestocher. Verstopft! Da muss der Fachmann ran. Unser Klempner ist einer von der schnellen Truppe und würde sich sicherlich momentan auch über einen Auftrag freuen. Aber ist ja nicht so, dass nur wir nicht raus dürfen, es darf ja auch keiner rein.

Die Quarantäne, über die in diesem Beitrag gesprochen wird, hat am 19.3. begonnen. Die Veröffentlichung des Tagebuches haben wir einige Tage später gestartet.

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