Cochise: Texte gegen die Staatsgewalt und Hartmut Engler im Vorprogramm

dzLegendäre Dortmunder Bands

Cochise ist bis heute eine der erfolgreichsten Dortmunder Bands. In den 70er- und 80er-Jahren wurde sie mit politischem Folk bekannt. Mit Aussagen, die heutzutage für Ärger sorgen würden.

Dortmund

, 03.12.2019, 14:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Band Cochise aus Dortmund hat zwischen 1979 und 1988 insgesamt rund 120.000 Tonträger verkauft – ohne jemals Teil der Musikindustrie gewesen zu sein. Sie war auf Bühnen in ganz Deutschland unterwegs, hat vor Hunderttausenden Zuschauern gespielt. Die Dortmunder haben die Freiheit des Musiker-Daseins gelebt. Sie haben an das geglaubt, was sie gemacht haben.

Es ist im Rückblick bemerkenswert, wie politisches Engagement und öffentliche Aufmerksamkeit bei Cochise miteinander verschränkt sind. Die Bandmitglieder werden mit der friedens- und ökologiebewegten Folk-Bewegung groß. Diese transportiert die neue Selbstbestimmung der 68er-Bewegung in die Folgejahre. „Wir waren eine Band mit dem Lebensgefühl: So geht das alles hier nicht weiter“, sagt Cochise-Gründungsmitglied Klara Brandi.

Das Ziel bei der Gründung von Cochise: Politische Texte in einer politischen Zeit

Mit Pit Budde, Günter Holtmann und Michael Hafer gründet sie 1979 eine Band mit politischen, deutschen Texten. Die Anfänge der Band haben deshalb nicht die klassische Jugendheimkellerbühnen-Kulisse wie bei vielen anderen dieser Zeit. Sondern sie spielen in einer Szenerie von Demonstrationen und besetzten Häusern.

Zwischen 1972 und 1981 kommt es an mehreren Orten in Dortmund zu Hausbesetzungen. Einige Cochise-Mitglieder leben Ende der 70er-Jahre in Wischlingen und gründen hier ein freies Kulturzentrum. 1977 soll all das dem Revierpark weichen. Dagegen gibt es Protest.

Die Situation eskaliert, es kommt zu Festnahmen und Polizeigewalt gegen Besetzer. Es sind Erfahrungen, die auch die späteren Cochise-Mitglieder nachhaltig prägen und manchen Text erklären, in dem Widerstand gegen die Staatsgewalt zum Grundrecht ausgerufen wird.

Bandmitglieder wurden festgenommen und gezielt nicht zu Konzerten gelassen

Pit Budde sagt 2010 in einem Interview mit dem linken Magazin „Graswurzelrevolution“ über diese Zeit: „Man hat uns unser Haus, das schön bunt bemalte Cochise-Haus, mit einem gewaltigen Polizeieinsatz unterm Hintern weggerissen. Wir wurden verprügelt und verhaftet. Wir wurden bei Demos gezielt rausgepickt, teilweise festgehalten, so dass wir nicht zu unseren Konzerten kommen konnten.“

Cochise finden die richtige Mischung aus klaren politischen Aussagen von links („Jetzt oder nie, Anarchie“, „Der Staat ist doof und stinkt“) und einem freien, einzigartigen Sound mit ungewöhnlicher Instrumentierung. Unter anderem erklingen auf der Bühne zur klassischen Folk-Besetzung auch noch Mandoline, Banjo, Saxofon, Oboe oder Flöte.

Viel Dylan - aber mit experimentellen Sounds und dem Tempo der 80er

Im Sound und in der Erzählweise stecken viel Dylan und deutsche Liedermacher-Kunst. Aber Cochise nehmen die musikalische Dynamik der beginnenden 80er-Jahre mit und mischen Ska, Reggae und experimentelle Sounds bei.

Cochise schreiben damit den Soundtrack zur Bewegung. In relativ kurzer Zeit öffnen sich viele Türen. Die Band spielt am „Tag der Jugend“ vor mehr als 10.000 Menschen in der Westfalenhalle. Sie wird nach Berlin in die Deutschlandhalle eingeladen. Dort steht Tontechniker Philipp Nadolny zunächst ratlos vor einem Riesen-Mischpult statt vor den gewohnten paar Knöpfen – und bekommt doch irgendwie einen guten Sound hin.

Als Pur-Sänger Hartmut Engler im Vorprogramm von Cochise spielte

„Wir haben uns den Arsch abgespielt, bis wir davon leben konnten“, sagt Klara Brandi. Durch ihren Manager wird Süddeutschland zu einem Hauptbetätigungsfeld der Band.

Auf einem dieser Konzerte spielt im Vorprogramm ein junger Solokünstler namens Hartmut Engler. Als dieser mit seiner Band Pur Jahre später in der Westfalenhalle spielt und dort den Cochise-Gitarristen Günter Holtmann trifft, erinnert sich Engler der Erzählung nach voller Freude an den Gig in der Provinz.

Wer Liveaufnahmen hört oder auf alten VHS-Aufzeichnungen sieht, der spürt die Energie, die damals im Raum ist, wenn diese Band die Bühne betritt. Auf den Konzerten ist es voll.

Und das, obwohl die Band wegen ihrer kontroversen Aussagen nicht im Radio gespielt wird. Viele Plattengeschäfte wollen die Musik nicht im Regal stehen haben. Und die Band wiederum möchte von „der Industrie“ nichts wissen. Cochise schlagen Angebote großer Plattenfirmen aus.

Das hohe Tempo fordert seinen Tribut. Die ersten Bandmitglieder steigen aus, weil es ihnen zu viel wird.

Cochise gingen für Grünen auf musikalische Wahlwerbetour

1983 sind Cochise neben Künstlern wie Gianna Nannini oder Spliff Teil der Grünen-Wahlwerbetour „Grüne Raupe“ und spielen in einem mehr als zehn Meter langen Bus. Kurz findet die alternative Bewegung durch die Grünen ihre parlamentarische Entsprechung.

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Aus Sicht der Dortmunder Band geht etwas verloren. Die Energie auf der Straße ist raus. „Viele, die damals auf den Konzerten waren, haben sich durch Kinder und Familie ins Private zurückgezogen. Wir fühlten uns wie einsame Rufer in der Wüste“, sagt Klara Brandi.

1988 kommt das Aus nach mehr als 1000 Konzerten

Auch die Bandmitglieder gründen Familien. 1988 kommt das endgültige Aus nach rund 1000 Konzerten in neun Jahren und fünf Studioalben („Rauchzeichen“, „Wir werden leben“, „Unter Geiern“, „Die Welt war nicht immer so“ und „Trail‘s End“).

Cochise: Texte gegen die Staatsgewalt und Hartmut Engler im Vorprogramm

Cochise auf ihrer letzten Tour 1988 © Archiv Cochise/Repro Guth

Die Geschichte von Cochise erzählt stellvertretend etwas darüber, wie Menschen ihre Prioritäten und politischen Einstellungen verändern. Klara Brandi sitzt mehr als 30 Jahre nach der letzten Tour in einem Einfamilienhaus in einem südlichen Dortmunder Vorort und sagt über sich und ihren Partner Peter Freiberg, der ebenfalls einige Jahre Teil der Band war: „Wir sind sowas von klischeehaft bürgerlich geworden.“

Die radikalen Aussagen von gestern und die heutige Sicht darauf

„Wenn ich Zeilen wie ,Jetzt oder nie, Anarchie‘ heute höre, denke ich mir: ‚Hä? Was für ein Scheiß.‘ Aber es geht in Liedtexten ja darum, in den Köpfen etwas anzuklicken, wo weiter gedacht wird.“ Das sei in der damaligen Zeit auf den Konzerten gelungen.

Wer sich ausmalen will, wie Cochise-Texte in heutigen Social-Media-Zeiten diskutiert würden, sollte in die Kommentarspalten bei Artikeln über die Punk-Band Feine Sahne Fischfilet blicken. Cochise hätte es heute wohl nicht einfach.

Klara Brandi erkennt in aktuellen politischen Bewegungen wie Fridays For Future viel von dem Geist wieder, der auch Cochise damals antrieb. „Eigentlich könnte man heute nochmal losziehen“, sagt Brandi und spricht im Rückblick über „die beste Zeit meines Lebens“.

Die Wurzel eines Dortmunder Musiker-Stammbaums

Die nach einem Apachen-Häuptling benannte Band ist übrigens die Wurzel eines weit verzweigten Stammbaums Dortmunder Musiker und Kreativer, die ihren Weg gemacht haben. Nur einige Beispiele:

Pit Budde macht erfolgreich Weltmusik für Kinder. Philipp Nadolny, der Mann, der damals ratlos vor dem Mischpult in der Deutschlandhalle stand, gehört heute eine große Event-Firma, zu deren Kunden unter anderem die Band „Die Ärzte“ zählt.

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Peter Freiberg gründete nach seinem Ausstieg die Band „Die Conditors“ und feierte über Jahre Erfolge. Günter Holtmann war Tontechniker am Theater Dortmund. Martin Buschmann macht sich seit vielen Jahren um die Kulturszene in Dortmund verdient.

Für die nächste Generation steht Charlotte Brandi, Tochter von Peter Freiberg und Klara Brandi. Sie hat den Schritt ins harte Pop-Geschäft gewagt. Nach erfolgreichen Jahren mit dem Projekt „Me and my Drummer“ hat sie Anfang 2019 ein musikalisch starkes Soloalbum veröffentlicht.

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