City-Fachhändler aus Dortmund machen Umsatz selbst in Hongkong und Brasilien

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Kleine Fachgeschäfte haben oft nur wenige Meter Schaufensterfront, aber online kaufen bei ihnen Kunden aus Hongkong oder den USA. Einige Händler haben uns offen ihre Erfahrungen geschildert.

von Annette Feldmann

Dortmund

, 02.10.2018, 04:28 Uhr / Lesedauer: 4 min

Susanne Lindner war schon immer eine modisch-unternehmerische Avantgardistin. Als sie bereits vor 10 Jahren ihren ersten Online-Shop eröffnete, war sie mit „Lindner Fashion“ auch digital weit vorn. Der kleine Laden an der Kleppingstraße, zunächst auf einer anderen Plattform aktiv, wurde schon bald von „Farfetch“ abgeworben, der weltweit größten Online-Plattform für Luxus-Mode.

Boutiquen aus aller Welt zeigen bei Farfetch ihre Ware, die sie im Laden vor Ort haben und von dort aus auch verschicken. Fashion-Fans aus aller Welt wiederum suchen auf Farfetch bestimmte Marken oder Styles. Das heißt, sie landen über die Produktsuche letztlich bei den einzelnen Händlern.

Die neuen Styles bei Instagram

Gleichzeitig bezieht Susanne Lindner auch Social Media ein, um immer aktuell in Kontakt mit ihren Kundinnen zu bleiben. „Es gibt ja auf jeder Einkaufsstraße frequenzschwächere Zeiten. Die nutzen wir, um unsere neuen Styles für Instagram zu fotografieren oder wir packen unsere Pakete für die Bestellungen über Farfetch.“

City-Fachhändler aus Dortmund machen Umsatz selbst in Hongkong und Brasilien

Die meisten Bestellungen in Susanne Lindners Onlineshop kommen aktuell aus Hongkong. © privat

Das Lindner-Team hat jedenfalls Spaß daran, online unterwegs zu sein.

Die meisten Bestellungen bei Lindner Fashion kommen derzeit aus – Hongkong. Aber auch aus Russland, Korea, Australien, USA, Japan. „Und Deutschland zieht an“, konstatiert die Modeunternehmerin.

“Harte Strafen“ bei fehlendem Angebot

„Farfetch übernimmt die gesamte Administration. Wenn die Kunden bezahlt haben, verschicken wir. Monatlich wird abgerechnet nach einem Bonus-System. Wenn wir ein angebotenes und bestelltes Teil nicht mehr haben, wird das hart bestraft.“ Jedes im Laden verkaufte Kleidungsstück muss also sofort von der Seite genommen werden.

Rund zehn Prozent ihres Umsatzes macht Susanne Lindner bisher online. „Aber das ist es ja nicht allein. Ich kann viel mutiger einkaufen, weil ich global unterwegs bin. Und wenn wir etwas Neues in Social Media posten, kommen gleich Anrufe: Leg das mal zurück, ich hol es gleich ab.“

Das Online-Geschäft als „große Chance“

Sie sieht Online nicht nur als ein Muss, sondern in der Verknüpfung mit den sozialen Medien als große Chance, mit ihren Kundinnen stärker verbunden zu sein. „Die Emotion, die ich auf diese Weise transportieren kann, ist durch nichts zu ersetzen.“ Das stärkt offenbar auch den Offline-Standort. Lindner Fashion gehört seit 35 Jahren zur Dortmunder Mode-Szene.

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Dirk Kunigk, Inhaber des Man-Stores an der Hansastraße, hatte das Gefühl, mindestens einen Zentimeter gewachsen zu sein, als bei ihm die erste Kundenbestellung aus den USA eintraf. Auch er ist seit fast 30 Jahren am Markt: als Adresse für ausgefallene Herrenunterwäsche und Streetwear.

Seit dreieinhalb Jahren bei Ebay aktiv

Er traut sich seit rund dreieinhalb Jahren in die „Höhle des Löwen“ – und verkauft seine Ware bei Ebay. Zum Festpreis. Viel geht nach Brasilien und auch in die Schweiz. Fast ein Drittel seines Umsatzes macht er inzwischen im Online-Shop. „Eine Unterhose für 30 Euro verkauft sich eben schneller als ein Luxuskleid für das Vielfache. Aber auch meine teuren Marken laufen gut.“

800 bis 900 Produkte hat er online gestellt. „Die Kunden nutzen Ebay als Suchmaschine: von Herrenwäsche weiß bis Diesel-Badeshorts“, erklärt er das Prinzip.

Die Abwicklung läuft über Ebay

Auch im Man-Store sorgt das Team selbst für Fotos und Versand, während die gesamte Abwicklung über Ebay läuft. Bei Facebook postet Dirk Kunigk die neuen Produkte. „Die Zukunft ist online. Ob man das gut findet oder nicht“, sieht er die Situation nüchtern. Er verkaufe eigentlich viel lieber im Laden – aber wirtschaftlich ist sein Online-Shop inzwischen ein dicker Umsatz-Brocken.

Weinhaus Hilgering: Ein klassischer Offline-Kunde geht online

Das Weinhaus Hilgering am oberen Westenhellweg ist mit 125-jähriger Tradition eine eigene Marke geworden, der Laden ein Hotspot für Kenner. Hier trifft man sich face to face und fachsimpelt über Wein und Whisky bei fast immer ausverkauften Tastings. Also eigentlich fern der Online-Welt. Matthias Hilgering sagt über sich selbst: „Ich bin ein klassischer Offline-Kunde.“ Aber dennoch war ihm klar: „Wir müssen mitziehen.“

Vergangenes Jahr hat er den Online-Shop gestartet, liegt jetzt bei zwei bis drei Prozent Umsatzanteil. „Wir wollen bewusst ganz langsam wachsen. Wir brauchen den Lernprozess. Es darf ja kein bestellter Artikel fehlen. Und wir müssen immer noch weiter die Suchmaschinen optimieren, damit wir gefunden werden. Wichtig ist, immer Neues zu empfehlen. Wenn wir eine oder zwei Wochen keinen neuen Artikel eingestellt haben, ist sofort weniger Frequenz auf der Seite.“

Das Weinhaus hat neue Käufer gefunden – auch in Dortmund

Schon in der kurzen Zeit hat das Weinhaus neue Käuferschichten von Hamburg bis Süddeutschland erschlossen – und auch in Dortmund selbst. Tatsächlich gibt es vor Ort Kunden, die das Weinhaus nicht kannten oder nicht einzuschätzen wussten. Auf der Homepage im Online-Shop sahen sie dann über die Produktsuche, welche Raritäten sie hier finden können – und seitdem kaufen sie offline im Laden.

Matthias Hilgering betreibt den Online-Shop selbst, ohne große Plattform als Partner, hat aber Online-Shop-Kompetenz eingeholt bei einem keineswegs unbekannten Dortmunder Unternehmer: Dirk Daniels, bekannt durch sein Start-Umfrage-Institut, produziert Online-Shop-Seiten mit seiner Internet-Agentur IK-Websites für Unternehmen vom Stahlhandel über Boote und Yachten bis zur Gastronomie.

„Wie werde ich gefunden? – Das ist immer die wichtigste Frage“, stellt er klar. „Darum ist die Suchmaschinen-Optimierung das A und O. Man muss die sozialen Netzwerke mit einbeziehen und zielgruppenorientierten Traffic erreichen.“

Experte hat Erfahrungen mit dem eigenen Familienbetrieb

Mit dem Familienunternehmen Hans Daniels GmbH Baumaschinen konnte er selbst Erfahrungen sammeln. „Erst hatten wir nur eine Homepage – da passierte nichts. Als wir den Online-Shop starteten, bestellten bei uns Feuerwehren, Tiefbauämter und Bauunternehmen sogar aus Hamburg oder aus ländlichen Gebieten alles vom Nagel bis zum Baugerät. Die hätten uns sonst niemals gefunden. Der Umsatzanteil liegt jetzt bei zehn bis zwölf Prozent. Den möchte ich nicht missen.“

„Man muss etwas Besonderes zu bieten haben“

Ob sich ein Online-Shop für ein Fachgeschäft lohnt, hängt offenbar nicht von der Größe des Unternehmens ab. „Ich glaube, man muss etwas Besonderes zu bieten haben, damit es funktioniert“, meint Martin Mudersbach.

Seine Frau Patricia Witt-Mudersbach bietet seit zehn Jahren Besuchern des Wochenmarktes ihren selbst gerösteten Kaffee und natürlich auch Kuchen an. Das Markt-Café ist Kult. Und Martin Mudersbach organisiert seit anderthalb Jahren den Online-Shop mit den eigenen Kaffee-Sorten aus der Privatrösterei Witt.

Die Arbeit fürs Zusatzgeschäft lohnt sich

Die Bestellungen kommen überwiegend aus NRW, aber teils auch aus Süddeutschland. Er wickelt alles selbst ab, Bestellungen und Versand. Der Online-Umsatzanteil beim Bohnenverkauf: 15 bis 20 Prozent. Ein Zusatz-Geschäft, für das sich die Arbeit lohnt.

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