CDU-Mann Hollstein vergleicht sich mit BVB-Legende Jürgen Klopp

dzInterview

CDU-OB-Kandidat Andreas Hollstein (56) will das Rathaus erobern - und bereitet sich auf einen harten Wahlkampf vor. Mit diesen Argumenten will er die Dortmunder von sich überzeugen.

Dortmund

, 13.12.2019, 07:30 Uhr / Lesedauer: 6 min

Locker und selbstbewusst wirkt Andreas Hollstein (56) bei dem Gespräch in den neuen Räumen der CDU-Kreisgeschäftsstelle im Volkswohlbund-Haus am Südwall. Er weiß: Vor ihm liegt ein hartes Programm. Auf der einen Seite muss er sein Amt als Noch-Bürgermeister von Altena ausfüllen, auf der anderen Seite wartet in seiner Freizeit ein harter OB-Wahlkampf in Dortmund. "Ich habe Kondition", sagt er.

Wie groß sind Sie?

1,82 Meter nach letzter Messung.

Ganz schön groß für einen Kleinstadtbürgermeister. Was halten Sie Leuten entgegen, die Sie so bezeichnen, also kleinreden wollen? Ihr bisher einziger Mitbewerber, Thomas Westphal von der SPD, weist gern darauf hin, dass er die Verwaltung einer Großstadt kann. Können Sie das auch?

Diesselbe Frage könnten Sie auch dem Mitbewerber stellen. Er hat 20 Millionen Euro Umsatzverantwortung, ich habe 80 Millionen, er hat 100 Mitarbeiter, ich habe über 200 in der Stadt und ihren Betrieben.

Andere kritisieren, dass sich die CDU einen Kandidaten von auswärts holen muss. Was halten Sie denen entgegen?

Lassen Sie mich diese Frage mit Fußball beantworten. Als Jürgen Klopp nach Dortmund kam, haben viele geschrieben, das sei einer aus einem kleinen Verein. Ob der sich in Dortmund durchsetzen werde . . .? Das sei kein Meistertrainer. Ich glaube, heute wären alle froh, wenn sie Jürgen Klopp wieder hätten. Ich will nach Dortmund ziehen - ein entsprechendes Wahlergebnis vorausgesetzt - und Dortmund zu meiner Herzensangelegenheit machen.

Glauben Sie wirklich, dass die SPD-Hochburg nach 70 Jahren zu schleifen ist?

Wenn ich nicht an einen Sieg glauben würde, säße ich nicht hier. Entscheiden, wie es in Dortmund weitergeht, das tun ausschließlich die Bürgerinnen und Bürger. Ich bin kein Kronprinz, der von irgendwem ausgewählt worden ist, sondern ich verstehe mich als zusätzliches Angebot. Ich glaube, dass Herr Westphal und ich ein sehr unterschiedliches Angebot abgeben werden.

Warum sollten die Dortmunder Ihnen ihre Stimme geben?

Weil ich der Bessere für Dortmund bin. Und weil ich nah am Menschen bin. Ich komme aus einer Kleinstadt, in der man gewohnt ist, mit dem Bürger auf Augenhöhe zu sprechen. Egal, ob das der Obdachlose oder der mittelständische Unternehmer ist. Es geht darum, alle Gruppen zu integrieren und daraus eine Strategie für die Stadt zu formen.

CDU-Mann Hollstein vergleicht sich mit BVB-Legende Jürgen Klopp

Andreas Hollstein: "Ich bin jemand, der gerne anpackt, der aber auch ungeduldig sein kann." © Dieter Menne

Wie ist der Mensch Andreas Hollstein? Wo sehen Sie Ihre Stärken, wo Ihre Schwächen?

Ich bin ganz schwer einzuordnen, weil ich eigentlich in keine Schubladen passe. Ich habe CDU-Stallgeruch, bin aber nie in Parteigliederungen gewesen. Ich bin Familienmensch, habe vier studierende Kinder, höre gerne Musik und gucke gern Fußball. Ich glaube, dass ich einerseits gut auf Menschen zugehen kann. Mir ist aber auch bewusst, dass man nicht der Kumpel für alle sein kann, wenn man aus dem Amt heraus führt. Generell kann ich sagen, ich bin jemand, der gerne anpackt, der aber auch ungeduldig sein kann. Vielleicht bin ich manchmal ein bisschen nachtragend, wenn ich sehe, dass man unfair mit mir umgeht und es keine Chance für einen Neuanfang gibt.

Altena ist eine Dreiviertelstunde mit dem Auto von Dortmund entfernt. Abgesehen davon, wie nah ist Ihnen Dortmund?

Ich bin Westfale und kenne die Mentalität der Menschen hier. Das war für mich auch ein Grund, dass das passen könnte mit Dortmund. Ich habe auch Freunde und Bekannte in Dortmund, kenne die Stadt von Ortsterminen und als Oberzentrum, war immer wieder auf dem Weihnachtsmarkt, bei Europapokalspielen des BVB und im Konzerthaus. Dortmund hat etwas zu bieten.

Welche Themen wollen Sie im Wahlkampf setzen?

Ich werde den Menschen Andreas Hollstein in den Mittelpunkt stellen; denn die Dortmunder kennen mich ja aus einer Tätigkeit vor Ort nicht. Das ist die Grundvoraussetzung. Davon abgeleitet die fünf drängendsten Themen Wohnungsbau, wirtschaftliche Entwicklung einhergehend mit Flächenverbrauch, Altschulden-Abbau, Stadtumbau sowie Verkehr und Klima, was zusammengehört.
Wir brauchen in allen Ballungszentren einen vernünftigen Verkehrsmix. Es ist keine Lösung, den Verkehr aus der Stadt herauszuprügeln, man muss eine Umstrukturierung machen, wie man sie in Dortmund bereits eingeleitet hat, auch mit dem Radverkehr am Wall.

Das darf aber nicht dazu führen, dass man beispielsweise den top florierenden Einzelhandel im Innenstadtbereich - vielleicht auch noch kurz vor Weihnachten - mit Umweltspuren beglückt. Elektromobilität ist neben Wasserstoff im großstädtischen Bereich sicherlich eine Lösung, aber das ist ein längerer Weg. Die Gesamtstrategie ist, Dortmund so positiv zu entwickeln, damit die Forderung „Dortmund geht besser“ auch umgesetzt wird.

Ist das Ihr Wahlkampfmotto? "Dortmund geht besser"?

Ich habe noch kein Wahlkampfmotto, das wäre höchstens ein Arbeitstitel.

Ihre persönliche Einschätzung: Wann sind Ihre Chancen größer? Mit oder ohne Stichwahl?

Mir ist es vollkommen wurscht. Gemessen an der Dortmunder Europawahl haben wir mit SPD, CDU und Grünen drei vom Wählervolumen nicht weit auseinanderliegende Parteien. Kommunalwahlen haben den besonderen Charme, dass sie Persönlichkeitswahlen sind. Das heißt, die Bürger schauen genauer hin. Da gibt es am Ende die Möglichkeit, dass von drei nahezu ähnlich liegenden Kandidaten mit einem Unterschied von 0,1 bis 0,5 Prozent einer gewählt wird. Das ist das erste Szenario.

Das zweite: Das NRW-Verfassungsgericht präsentiert uns in seiner Entscheidung am 20. Dezember als Weihnachtsgeschenk die Stichwahl. Da ist dann auch alles möglich, weil sich bei der Stichwahl alles neu sortiert. Dann muss auch die SPD beantworten, mit wem sie kann. Nach dem derzeit absehbaren Proporzdenken werden mehrere Kräfte in eine Situation kommen, in der sie miteinander können müssen. Das ist aber nicht neu und hat in den vergangenen Jahren auch gut geklappt. Ich trete sicher nicht als Top-Favorit an, aber ich bin Sportler und werde laufen und rennen.

Welchen Stellenwert räumen Sie kommunalen Unternehmen ein?

Auch wenn sich der Energiemarkt ändert: In Dortmund war Versorgung traditionell immer ein dickes Thema und wird es auch weiterhin sein. Was das Dauerthema Flughafen betrifft: Für die neuntgrößte Stadt Deutschlands wäre es natürlich sinnvoll, wenn man den Airport rentabel hinbekommt. Dafür sind noch einige Schritte zu tun. Vielleicht lässt sich das Spezialsprungbrett Mittelosteuropa, das die Wizz Air bedient und das zu einer gewissen Konsolidierung geführt hat, nochmals erweitern. Hinzu kommen die in Aussicht stehenden Verkehre mit Russland. Studien sagen, dass der Flugverkehr insgesamt weiter zunimmt. Das heißt aber nicht, dass automatisch der Bau neuer Landebahnen erlaubt wird. Darin könnte eine Chance für Dortmund liegen.

Gesetzt den Fall, Sie würden gewählt - haben Sie keine Sorge, dass der SPD dominierte Verwaltungsapparat versuchen wird, Ihnen Knüppel zwischen die Beine zu werfen?

Im Einzelnen kann ich so was nicht ausschließen. Ich mache 20 Jahre Verwaltung. Ich weiß, was geht und was nicht geht. Als ich in Altena angefangen habe, gab es in der Verwaltung niemanden mit CDU-Parteibuch. Es gab nur ein Parteibuch. In Altena hatte die SPD 60 Prozent, bevor ich politisch aktiv geworden bin, und die CDU hatte 30 als bestes Ergebnis. Wir machen in Altena eine geräuschlose schwarz-grüne Koalition. Der letzte Haushalt ist ohne Gegenstimmen durchgegangen bei sieben Gruppierungen. Es geht miteinander. Ich weiß, dass das sicherlich am Anfang hart ist. Aber ich bin nicht der grundsätzlich gegen die SPD agierende Mensch.

CDU-Mann Hollstein vergleicht sich mit BVB-Legende Jürgen Klopp

"Ich bin Klartext-fähig und kann sehr deutlich sprechen. Ich glaube, das passt zu Dortmund." © Dieter Menne

Stehen Sie für Wahrheit und Klarheit, auch wenn es politisch schwierig wird?

Ja. Ich kann sehr deutlich sprechen. Ich glaube auch, das passt nach Dortmund. Ich habe 20 Jahre eine Stadt saniert. Wir hatten 72 Millionen Euro Gesamtschulden bei einem damaligen jährlichen Haushaltsvolumen von 45 Millionen Euro. Wenn Sie deshalb den Grundsteuer-Hebesatz von 500 auf 900 und die Gewerbesteuer erhöhen müssen, ein Rathaus um ein Drittel verkleinern, was auch nicht vergnügungssteuerpflichtig ist, wenn Sie drei Hierarchieebenen in mehreren Reformschritten aus einer Stadtverwaltung herausbrechen und völlig neu konzipieren, dann dürfen Sie voraussetzen, dass ich klartextfähig bin. Das kann ja ein Klartext sein, der auch Empathie durchblicken lässt.

Wie wollen Sie im Wahlkampf zwei Jobs beziehungsweise Aufgaben auf einmal schaffen: Bürgermeister von Altena und Dortmunder OB-Kandidat der CDU?

Ja, das ist ambitioniert. Ich werde mein Bestes geben. Der dreiwöchige Kanada-Urlaub mit meiner Frau ist schon gestrichen. Man soll sich nicht vertun, ich habe Kondition. Ich werde klar meinen Wahlkampf in der Freizeit machen. Ich gehe davon aus, dass auch im Rathaus politisch beobachtet wird, wie andere Bewerber im städtischen Dienst das machen.

Sie sagen gern, Sie können Brücken bauen. Aber, um sie wörtlich zu nehmen, die neue Fußgängerbrücke zum Bahnhof in Altena wird und wird nicht fertig . . .

Ein ganz leidiges Thema in Altena. Wir haben einen Fertigauftrag vergeben an ein Unternehmen, das deutlich langsamer arbeitet als gedacht. Wir haben einen Sommer verpasst. Aber zur nächsten Sommersaison ist die Brücke fertig.

Wie finanzieren Sie Ihren OB-Wahlkampf?

Das übernimmt die CDU, ich selber habe dafür kein eigenes Budget. Als Mandatsträger in Altena habe ich der Partei, die den Wahlkampf bestritten hat, freiwillig Spenden zukommen lassen, um die Ehrenamtlichen zu unterstützen, die kein Mandat haben. Ich sehe aber auch keinen Sinn darin, mit Materialschlachten gewinnen zu wollen. Entweder man überzeugt so oder man überzeugt eben nicht.

Sie waren Opfer eines Attentäters, der Ihnen wegen Ihrer liberalen Flüchtlingspolitik mit einem Messer in den Hals gestochen hat. Außerdem haben Sie sechs Morddrohungen zwischen Ende Mai und Juli im Umfeld des Lübcke-Mordes erhalten. Mit dieser Erfahrung - wie sehen Sie die Neo-Nazi-Szene in Dortmund?

Nur so viel dazu: Wenn ich Dorstfeld sehe, finde ich es angesichts der tollen Menschen dort, absolut mies, dass diese meist nur durch eine bestimmte Brille gesehen werden, verursacht durch ein paar rechte Dortmunder, die bundesweit ein Image verbreiten, gegen das die Strahlkraft des BVB als wichtigster Marketingträger der Stadt kräftig arbeiten muss, um das wieder hinzubiegen.

Würden Sie leichten Herzens aus Altena wegziehen oder behalten Sie dort ein Standbein?

Ich habe da ein Haus, aber für meine Frau und mich ist vollkommen klar, dass man eine Stadt nur führen kann, wenn man auch da lebt.

Was machen Sie, wenn es nicht mit dem Dortmunder OB-Amt klappt? Haben Sie einen Plan B?

Ich habe keinen Plan B. Ich gehe volles Risiko. Ich möchte die nächsten zehn Jahre verantwortungsvoll arbeiten, die Ärmel hochkrempeln und gestalten. Doch wenn es nicht klappt, mache ich etwas anderes.

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