BVB-Stadionchef Hockenjos: „Wir haben keine Chance alle Pyrotechnik zu finden“

dzBengalos im BVB-Stadion

Immer wieder zünden Fußball-Fans im Signal Iduna Park Pyrotechnik. Zuletzt die Anhänger von Bayern München und von Hertha BSC Berlin. Nun hat sich der BVB-Stadionchef dazu geäußert.

Dortmund

, 13.11.2018, 16:07 Uhr / Lesedauer: 3 min

Im Gästeblock des Signal Iduna Parks auf der Nordtribüne hat es zuletzt regelmäßig ziemlich rot geleuchtet. Zuletzt am Samstag beim Topspiel von Borussia Dortmund gegen Bayern München. Zu Beginn der zweiten Halbzeit zündeten Bayerns Anhänger Pyrotechnik, wenig später war BVB-Torhüter Marvin Hitz von einer Rauchschwade umgeben, dann foulte Manuel Neuer Marco Reus elfmeterreif und die Fans hatten genug von ihren Fackeln.

Sehr viel heftiger fiel die Pyro-Einlage zwei Wochen zuvor beim BVB-Heimspiel gegen Hertha BSC aus. Die Anhänger aus Berlin hantierten so stark mit Bengalos und Rauchfackeln, dass der Schiedsrichter den Anpfiff hinauszögern musste. Als die Polizei während des Spiels einschritt, eskalierte die Situation. Polizisten wurden mit Pyrotechnik beworfen, eine Beamtin verletzt.

Fans schmuggeln Pyrotechnik an Ordnern vorbei

Die Fans schmuggeln die verbotene Pyrotechnik weitestgehend unbemerkt an den Ordnern vorbei – meistens im Intimbereich. Das hat auch ein Test dieser Zeitung gezeigt: Beim Pokalspiel gegen Union Berlin, wenige Tage nach dem Hertha-Spiel, hat unser Reporter versucht, Bengalo-Attrappen ins Stadion zu schleusen. Er versteckte sie hinter seinem Hosenbund und in einem Schal, den er in der Hand hielt – und fiel nicht auf.

BVB-Stadionchef Hockenjos: „Wir haben keine Chance alle Pyrotechnik zu finden“

Bei einem Selbsttest hat RN-Reporter Lukas Wittland (r.) Bengalo-Attrappen in den Signal Iduna Park geschmuggelt. Bei der Eingangskontrolle fiel den Ordnern auch nicht die Attrappe in seiner rechten Hand auf, die er in seinen Schal gewickelt hatte. © Stephan Schütze

Dr. Christian Hockenjos ist als Organisations-Direktor bei Borussia Dortmund auch Chef des Stadions. Er sagt im Gespräch mit unserer Redaktion: „Wir haben keine Chance alle Pyrotechnik zu finden.“ Und erklärt das Ganze an einem Beispiel: Am Düsseldorfer Flughafen werden innerhalb von 24 Stunden im Schnitt 67.000 Menschen kontrolliert. Vor dem Dortmunder Stadion werden in weniger als 2,5 Stunden 84.000 Menschen kontrolliert (81.360 Zuschauer und zusätzlich im Stadion arbeitende Menschen).

Nur zehn Sekunden pro Fan

Das Zeitfenster für die Kontrolle sei also ohnehin schon klein. Noch dazu komme, dass die Verteilung der Massen nicht gleichmäßig sei, sagt Hockenjos. Die meisten Menschen kommen kurz vor Anpfiff zum Signal Iduna Park. Am Samstag zum Beispiel waren, laut Hockenjos, um 17.30 Uhr erst knapp 35.000 Menschen im Stadion, 50.000 fehlten also eine Stunde vor Spielbeginn noch.

Berücksichtige man das, ergebe sich ein Zeitfenster von knapp zehn Sekunden, das ein Ordner habe, um einen Fan zu kontrollieren. „Es wird uns nicht gelingen, in dieser Zeit die gesamte Pyrotechnik zu finden“, sagt Christian Hockenjos. „Und solange diese in Unterhosen versteckt wird, haben wir ohnehin keine Chance.“

„Müssen aufhören, unrealistische Erwartungshaltungen zu haben.“

Die Ordner, an den Eingangskontrollen sind bei einem Spiel 330 Ordner im Einsatz, hätten die Vorgabe, den Körper abzutasten. In den Intimbereich aber greifen sie nicht. Dass, wie bei unserem Test, jemand einen Bengalo (oder in diesem Fall eine Attrappe) in der Hand, nur versteckt durch einen Schal, ins Stadion schmuggle, „das darf nicht passieren“, sagt Hockenjos. „Es werden sicher auch von Ordnern Fehler gemacht, aber selbst, wenn sie alles richtig machen, haben sie keine Chance“, sagt er.

Und weiter: „Wir müssen deshalb endlich aufhören, unrealistische Erwartungshaltungen an Einlasskontrollen zu haben. Jeder, der Stand heute meint, das Reinschmuggeln von Pyrotechnik in eine Großveranstaltung jedweder Art sei durch Körperkontrollen zu verhindern, belügt sich selbst.“

„Ein Problem der gesamten Liga“

Das Problem mit der Pyrotechnik, betont Christian Hockenjos, sei ja aber auch kein Dortmund-Phänomen. „Es ist ein Problem der gesamten Liga.“ Auch die Dortmunder Anhänger lassen in fremden Stadien immer wieder lichterloh ihre Fackeln brennen.

Das Stadion früher zu öffnen, sei keine Lösung des Problems, sagt Borussias Stadionchef. Selbst wenn schon ab morgens die Tore geöffnet seien, würden nicht mehr Fans früher kommen. „Was wir bräuchten“, sagt Hockenjos, „wären Detektionsgeräte, die Pyrotechnik aufspüren.“ Bislang seien diese aber nicht auf dem Markt vorhanden. „Was uns bislang vorgestellt wurde, hat nicht unsere Erwartungen erfüllt.“

Auch Watzke äußert sich deutlich

Auch BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hat sich am Sonntagabend im Wontorra-Fußball-Talk beim Bezahlsender Sky zu dem Thema mit ganz ähnlichen Worten geäußert. Er sagte: „Wir müssen ein ehrliche Diskussion führen. Mit den Möglichkeiten, die wir jetzt haben, können wir Pyrotechnik im Stadion nicht seriös verhindern. Jeder, der etwas anderes sagt, macht sich selbst etwas vor.“

Fußball, so Watzke weiter, solle schließlich nicht zu einer totalen Überwachungsveranstaltung werden. Das wollten die Fans auch nicht.

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