BVB-Fans geraten mit Strophe eines Stadion-Liedes ins Visier von Neonazis

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Zwei BVB-Fans waren nach dem Bayern-Spiel auf dem Weg nach Hause. In Marten wurden sie von maskierten Neonazis gestellt und mit dem Tode bedroht. Eine junge Frau berichtet im Interview.

Dortmund

, 12.11.2018, 16:40 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nach dem BVB-Sieg gegen den FC Bayern München im Dortmunder Stadion kehrte am Samstagabend ein junges Paar zurück in den Dortmunder Stadtteil Marten. Gegen 22.30 Uhr stellten sich ihnen zwei mit Sturmhauben maskierte Männer in den Weg.

Was wollten die? Im Interview antwortet die junge Frau auf Fragen unseres Redakteurs Peter Bandermann, den sie per E-Mail kontaktiert hatte. Aus Sicherheitsgründen nennen wir ihren Namen nicht.

Sie waren auf dem Weg vom Stadion nach Marten. Was genau ist geschehen?

Mein Freund ich haben das Stadion verlassen und sind von der S-Bahn-Haltestelle Möllerbrücke bis Marten gefahren und haben uns dort noch eine Pizza zum Mitnehmen holen wollen. Als wir nach etwa zehn Minuten die Pizzeria verlassen haben und weitergegangen sind, ist uns an der Straße Bärenbruch ein Pkw aufgefallen, der eigentlich freie Fahrt hatte und hätte weiterfahren können. Ob dieses Auto mit der späteren Tat zu tun hat, können wir nicht mit Sicherheit sagen.

Was ist dann passiert?

Nach etwa 100 Metern auf der Straße „An der Wasserburg“ haben wir Stimmen gehört: „Ey, bleibt mal stehen“ oder so ähnlich. Ich habe mir erst einmal nichts dabei gedacht, denn ich wohne im Frankfurter Bahnhofsviertel. Da hört man das öfter. Dann haben wir den Satz nochmal gehört - und zwei komplett vermummte Männer standen uns gegenüber. Bekleidet waren sie mit schwarzen Regenjacken und schwarzen Masken mit Sehschlitzen. Sie haben akzentfrei Deutsch gesprochen und wollten wissen, was auf dem Rucksack meines Freundes steht.

Was steht auf dem Rucksack?

„Borussia verbindet Generationen, Männer und Frauen, alle Nationen.“ Die haben dann an den Rucksack gegriffen und uns gefragt, ob wir von The Unity oder Linke seien. Ich hätte die Frage mit Ja beantwortet, habe mich aber zurückgehalten. Mein Freund sagte, dass wir weder links noch rechts seien, aber nichts gegen Ausländer hätten. Die wollten dann wissen, was das mit dem Spruch auf sich habe. Mein Freund sagte, dass der Spruch von Borussia sei und einer der Torschützen vom Abend ein Spanier ist. Die Antwort lautete: „Mir egal. Das sind alles Juden.“

Ist Ihnen Gewalt angetan worden?

Ich sollte meine kleine Fahnenstange und das Banner mit dem Schriftzug eines kleinen BVB-Fanclubs vorzeigen. Dann sind wir gefragt worden, ob uns klar sei, wo wir seien und wer in Marten das Sagen habe. Ich habe am Ende nervös gelacht. Einer von denen hat sich deshalb vor mir aufgebäumt und gefragt, was denn jetzt lustig sei. Dann haben sie von uns abgelassen und im Vorbeigehen meinen Freund bedroht - mit den Worten: „Wenn wir dich das nächste mal mit diesem Rucksack erwischen, schlagen wir dich tot.“

Wie haben Sie sich in der kurzen Zeit während der Tat gefühlt?

In der Situation habe ich am Anfang gar nicht verstanden, was mir da passiert. Der erste Impuls, als ich die Maskierung gesehen habe: das sind Teenie-Jungs, wie ich sie eben aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel kenne. Eigentlich bin ich nicht auf den Mund gefallen. Aber hier habe ich mir gesagt: Halt jetzt den Mund - halt jetzt den Mund - halt jetzt den Mund. Wegen dieser körperlichen Nähe war ich wie versteinert und nicht einmal in der Lage, die Polizei anzurufen. Erst als die abgelassen haben von uns, war ich erleichtert. Ich war äußerlich ruhig und innerlich panisch. Wir sind nicht direkt nach Hause gegangen, weil wir uns weiter verfolgt gefühlt haben, und hatten beide auch schon das Telefon in der Hand, um die Polizei anzurufen. Wir haben die ganze Zeit geschwiegen.

Die Täter haben eine politische Haltung und die bei Borussia Dortmund gelebten Werte bedroht. Wie fühlen Sie sich jetzt?

Ich bin einfach nur geschockt. Obwohl ich zu Hause bei meinem Freund war: Sicherer gefühlt habe ich mich nicht. Am Abend und in der Nacht war ich einfach nur wütend. Wütend darüber, dass ich das ertragen musste. Wütend darüber, dass ich nicht in der Lage war, dagegen etwas zu tun. Und wütend, dass die gewonnen haben. Das schockt mich massiv. Außerdem: Was mir passiert ist, kann jedem passieren.

Ihnen ist bekannt, dass Dortmund ein Nazi-Problem hat?

Ja, ich weiß um Dortmund und die Szene in Dorstfeld und dass sich dort die zentralen Köpfe der bundesweiten rechten Szene versammeln. Es gibt Erzählungen um dieses Nazi-Haus in Dorstfeld und Medienberichte über die Demonstration am 21. September, als die Polizei sich zurückgehalten hat. Ich bin der Meinung, dass solche Vorgänge, wie sie uns in Marten widerfahren sind, nicht normalisiert werden sollten und wir dagegen vorgehen müssen..

Ein Sprecher der Dortmunder Polizei sagte auf Anfrage, dass der Staatsschutz der Kriminalpolizei nach einer Strafanzeige wegen einer Bedrohung ermittle. Dies sei nicht die erste Tat dieser Art. Eine kleine Szene versuche, „eine Atmosphäre der Angst und Einschüchterung zu verbreiten“. Die Polizei habe diese Personen „im Blick“.

Marten war am 21. September 2018 der Ausgangspunkt einer Nazi-Demonstration, bei der die Parole „Wer Deutschland liebt, ist Antisemit“ skandiert worden ist. Die Dortmunder Staatsanwaltschaft prüft, ob dieser Satz juristisch als Volksverhetzung zu bewerten und strafbar ist.

BVB-Fans geraten mit Strophe eines Stadion-Liedes ins Visier von Neonazis

Torsten Schild von Borussia Dortmunds Fanabteilung. © Peter Bandermann

Der Satz „Borussia verbindet Generationen, Männer und Frauen, alle Nationen“ ist einem Einlauf-Lied entnommen, das vor dem Anpfiff im Stadion eingespielt wird. Borussia Dortmunds Fanabteilung hat ein großes Banner mit diesem Satz herstellen lassen. Das Banner hängt in der Nordtribüne.

Torsten Schild von der BVB-Fanabteilung sagte, dass sich Ehrenamtliche, die sich gegen Nationalismus und Rassismus und für die Erinnerungsarbeit engagieren würden, zunehmend Bedrohungen ausgesetzt seien. Die Fanabteilung habe in den vergangenen Wochen mehrere Strafanzeigen gestellt.

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