Böller-Knall in der Thier-Galerie: Jugendliche schrien angeblich „Bombe“

dzPanik in der Thier-Galerie

Nach der Böller-Explosion in der Thier-Galerie am Samstag sprechen Zeugenaussagen und ein Verdacht der Polizei dafür, dass ein Youtuber die Panik gezielt geplant hat.

Dortmund

, 18.12.2018 / Lesedauer: 4 min

Zwei Tage nach dem mutmaßlichen Böller-Streich in der Thier-Galerie werden die Hintergründe der Aktion immer klarer. Mittlerweile ermittelt die Dortmunder Polizei gegen den Wolfsburger Youtuber Jounes A., 17 Jahre alt, 319.692 Abonnenten.

Der Youtuber soll jüngere Jugendliche angestiftet haben

Er soll vier jüngere Jugendliche dazu angestiftet haben, den Böller zu zünden, mittels „einer kleineren Bargeldsumme“, wie es von der Polizei heißt. „Ich liebe es meine Community #Teamjounes zu unterhalten“, schreibt Jounes A. auf seinem Youtube-Profil.

Dazu führt er immer wieder so genannte „Pranks“ durch – Streiche. Ob der Silvesterböller im Untergeschoss der Thier Galerie ein solcher „Prank“ sein sollte, lässt sich zunächst nur vermuten.

„Es hatte sich eine große Gruppe Jugendliche versammelt“

Aline Tahsin (25), Filialleiterin von Only, beobachtete die Szenerie am Samstagabend aus nächster Nähe: „Es hatte sich eine große Gruppe Jugendlicher hier versammelt“, erzählt sie am Montag und deutet auf den Flurbereich vor ihrem Geschäft. „Bestimmt 30“ seien es gewesen.

Sie lehnten wohl vor den Scheiben, waren laut, störten aus Sicht der Verkäufer die Kunden. Tahsin ging raus, um sie wegzuschicken. Einer von ihnen, so berichtet sie weiter, soll einen Camcorder in der Hand gehalten und „Jetzt“ gerufen haben.

Erst sprühte der Böller Funken, dann knallte es

Daraufhin zündeten andere einen pyramidenförmigen Böller, der, wie Tahsin beschreibt, erst Funken sprühte und dann mit einem Knall explodierte.

„Wir hier unten wussten ja, dass es nur ein Böller war“, berichtet sie. „Von daher gab es hier keine Panik.“

Eine Etage höher jedoch begannen die Menschen zu rennen, „sie schubsten sich, überall, auch auf den Rolltreppen. Wir haben noch versucht, ihnen irgendwie deutlich zu machen, dass es nur ein Böller war …“

„Ich habe gehört, wie sie ‚Bombe‘ geschrien haben“

Die Jugendlichen waren derweil längst weggerannt. Ein Mitarbeiter der Firma „Himmlischer Service“, die mit einem mobilen Infoschild durch die Thier-Galerie geht, befand sich eine Etage höher, mitten im Gemenge. Er berichtet von Jugendlichen, die die Rolltreppe hochkamen: „Ich habe gehört, wie sie ‚Bombe‘ und ‚Anschlag‘ geschrien haben.“

„Der Knall vorher war extrem laut“, sagt Hasan Yasar. „Es war ein absoluter Schockmoment.“ Ohne groß nachzudenken, schloss er sich der zu den Ausgängen strömenden Menge an. „Draußen sind manche kollabiert und in Tränen ausgebrochen“, erzählt er. „Es gab sogar Gerüchte, jemand sei tot.“

Nach 15 Minuten machte das Management eine Durchsage

Erst etwa 15 Minuten nach dem Knall gab es vom Center Management eine Durchsage. Angela Kokemoor, Filialleiterin von „engbers“, ist mit ihrem Laden zwar relativ weit vom Ort des Geschehens entfernt, erlebte jedoch trotzdem alles hautnah mit. „Wir sind ja eigentlich geschult“, sagt sie. „Wenn es eine Bombendrohung gibt, einen Amoklauf oder Brand, wissen wir, was zu tun ist.“

Ohne Ansage jedoch stand sie wie angewurzelt in ihrem Laden und schickte die hereineilenden Menschen „einfach nur nach draußen“, beziehungsweise Richtung Rolltreppe, runter.

„Sie versteckten sich bei uns im Lager“

Dort landeten sie nicht beim Ausgang, sondern vor dem Eingang von Intersport. Viele von ihnen rannten in das Geschäft von Stefan Stange und suchten Schutz, „sie versteckten sich bei uns im Lager, riefen aus Angst“, berichtet er. So etwas, sagt Angela Kokemoor, „habe ich noch nicht erlebt. Das steckt mir immer noch in den Knochen.“

Nach dem Knall blieben den Geschäften die Kunden aus. „Den letzten Bon haben wir hier von 18 Uhr“, sagt Kokemoor, „danach nichts mehr.“ Auch bei Only und Intersport spürte man das: Von 10 bis 15 Prozent bis hin zu 25 und 33 Prozent Umsatzverlust verzeichnen sie.

Die Polizei ermittelt gegen den Youtuber und vier weitere Jugendliche

Was nun auf die Verdächtigen zu kommt? Ermittelt wird offiziell gegen zwei 14- und zwei 15-Jährige und den 17-jährigen Youtuber: unter anderem wegen schwerer Körperverletzung. Das Strafmaß bewegt sich in diesem Fall normalerweise zwischen 6 Monaten bis 10 Jahren Haft. Im Jugendstrafrecht gelten diese Strafrahmen jedoch nicht.

Zudem sei es fraglich, so Anwalt Manuel Kabis von der Kanzlei Königswall, ob man überhaupt einen strafrechtlichen Befund festmachen könne – dafür sei schließlich zu klären, was die Täter beabsichtigt hätten. Mindestens jedoch begingen sie eine Ordnungswidrigkeit.

Für die Mieter der Thier-Galerie gehört so etwas zum Geschäftsrisiko

Es könnte außerdem passieren, dass die Geschäfte wegen der Umsatzeinbußen zivilrechtlich auf Ersatz klagen. Denn solche Einbußen gehören zum Geschäftsrisiko, bestätigt Thier-Galerie-Chef Markus Haas. Solche Ereignisse könne man auch nicht vermeiden, sagt Haas, und es sei ja normal, dass nach so einer Panik das Geschäft nicht ansatzlos weiterlaufe.

Auch für die kommenden Tage rechnet Haas mit weniger Kunden. Und eine Woche vor Weihnachten, „das ist für uns natürlich ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt.“

Jounes A. soll Videos wieder gelöscht haben

Youtuber Jounes A. soll ein Video von seiner Böller-Aktion auf seinem Youtube-Kanal gezeigt haben - allerdings nur kurz. Das Video ist inzwischen gelöscht. Außerdem soll er vorher in einem Video, einer „Story“, auf Instagram die Aktion angekündigt haben - auch dieses Video ist aktuell nicht zu finden.

Unter einigen seiner letzten Posts kommentieren viele Menschen, was sie von der Aktion halten. Viele der Kommentare sind wütende Beschimpfungen und deutliche Verurteilungen der Böller-Aktion. Viele der Kommentatoren äußern großes Mitgefühl mit den Menschen, die durch diese Aktion in große Angst versetzt wurden.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Verfolgungsjagd mit der Polizei

Geisterfahrt mit Tempo 130: Diese Strafe kassierte der „Phoenix-Raser“