Gelbe Wand zum Hören: Wie Menschen mit Sehbehinderung den Signal Iduna Park erleben

dz„Inklusionsspieltag“ des BVB

Wie erleben Menschen mit einer Sehbehinderung das BVB Heimspiel gegen Freiburg? Ein Selbstversuch zum Inklusionsspieltag von Borussia Dortmund zum Nachhören.

Dortmund

, 02.12.2018 / Lesedauer: 5 min

Samstagnachmittag, 14.45 Uhr, der Vorplatz des Signal Iduna Parks ist rappelvoll. Birgit Dick, Iris Schlange und ich haben uns vor der Fanwelt getroffen. „Sie führen uns, bitte“ sagt Birgit Dick. Die Seniorin ist zum ersten Mal zu einem Spiel im Stadion.

Die ganze Reportage auch zum Hören:

Sie hat die Eintrittskarte zum Spiel gegen den SC Freiburg bei einem Gewinnspiel der Ruhr Nachrichten und der Fanabteilung des BVB gewonnen. Iris Schlange ist ihre Begleitperson. Beiden steht ein Erlebnis bevor, das die meisten Stadionbesucher wohl nicht kennen.

Fanabteilung und Stiftung „Leuchte auf“ informieren

Der 13. Spieltag ist an der Strobelallee „Inklusionsspieltag“. Die Fanabteilung von Borussia Dortmund und die BVB-Stiftung „Leuchte auf“ informieren über die vielfältigen Angebote für Menschen mit Behinderung an Heimspieltagen. Am Sonderschalter der Fanwelt haben wir neben unseren Eintrittskarten auch Brillen und Augenmasken erhalten. Während des Spiels wollen wir einen Selbstversuch starten.

Unsere Plätze liegen in Block 5, genau in der gegenüberliegenden Ecke des Signal Iduna Parks. Der für uns kürzeste Zugang ist über den Sondereingang mit der Spielerzufahrt unter dem Borusseum. Im Vergleich zu den Wartezeiten in den Schlangen vor den regulären Eingängen sind wir schnell binnen weniger Minuten im Fußballtempel. Der Weg ist ohne Stufen barrierefrei, Ordner und Volunteers weisen uns freundlich den Weg. In Block 5 bringt uns einer Ordnerin zu unseren Plätzen in den Reihen 1 und 2.

Hans-Georg Siegens ist Volunteer und jederzeit in erreichbarer Nähe

„Das sind ja tolle Plätze“, sagt Birgit Dick. Vom Spielfeld trennen uns nur ein paar Meter. Die „Gelbe Wand“ der Südtribüne ist fast greifbar nah. Hans Georg Siegens kommt zu uns. Der Volunteer betreut die 20 Menschen mit Sehbehinderung und ihre Begleitungen in diesem Block. In seinem Rucksack sind Kopfhörer und kleine Empfangsgeräte für die Audioreportage über das Spiel – das unerlässliche Medium für Menschen, die gar nicht oder nur eingeschränkt sehen. Auch uns stattet er entsprechend aus. „Die Übertragung beginnt etwa zehn Minuten vor Spielbeginn“, erklärt Siegens am Ende einer kurzen Einweisung. „Wenn es Probleme gibt, einfach nur Bescheid sagen, ich bin in eurer Nähe.“

Er ist schon gut drei Stunden im Stadion – wie alle der rund 140 ehrenamtlichen Volunteers. Zu Beginn seines Einsatzes hat er den Rucksack mit der Technik aus der Regie unter dem Stadiondach geholt. Alle Geräte sind überprüft, die Akkus voll geladen. Fünf Sets mit Empfangsgeräten und Kopfhörer bringt er zu Block 9, wo sich weitere Plätze für Menschen mit Sehbehinderung befinden.

„Siggi“ kennt „seine Leute“ in Block 5

Sechs Jahre macht Hans Georg Siegens diesen freiwilligen Dienst schon, seit eineinhalb Jahren in Block 5. „Für die Menschen da zu sein, ist etwas Besonderes“, sagt er. „Da kommt man schon gerne immer wieder her.“ Werktags arbeitet er als Architekt und Stadtplaner. Hans-Georg Siegens, den alle hier nur „Siggi“ nennen, begrüßt die letzten Eintreffenden, gibt die Übertragungsgeräte aus. Als Pfand sammelt er die Schwerbehindertenausweise ein. Sie gewähren mit einem entsprechenden Vermerk auch die Berechtigung für die Plätze für Menschen mit Sehbehinderung.

Die Begrüßung erfolgt per Handschlag oder mit einer kurzen Umarmung. „Man kennt seine Leute“, sagt Siegens. Alle hier in Block 5 haben eine Dauerkarte. Ruhig und umsichtig versieht er seine Aufgabe, beantwortet Fragen, reicht hilfreich die Hand.

Kinder lächeln glücklich beim Einlauf

Birgit Dick und Iris Schlange haben mittlerweile Platz genommen. Die Reporter Markus Bliemetsrieder und Martin Feye begrüßen die Zuhörer an den Empfangsgeräten. Aus den Lautsprechern erklingt „You‘ll never walk alone“. Es ist Zeit, die Augenmaske anzulegen. Stadionsprecher Norbert Dickel zelebriert die Mannschaftsaufstellung.

Der Schall aus mehr als 81.000 Kehlen klingt noch emotionaler als an Spieltagen im Angesicht des schwarzgelben Meers aus Fahnen und Schals. Heute, am Inklusionsspieltag begleiten Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen die Spieler und Schiedsrichter. Markus Bliemetsrieder beschreibt das glückliche Gesicht eines Jungen in einem kleinen Rollstuhl an der Hand von Schiedsrichter Frank Willenborg.

Das Spielerlebnis ist ohne Augenschein viel intensiver

Anpfiff. Mit einem gellenden Pfeifkonzert. Der Reporter liefert die Erklärung: Freiburg hat die Seitenwahl gewonnen, der BVB spielt die erste Halbzeit in Richtung Süd – anders als an den meisten Spieltagen und von den Fans favorisiert. Die Reportage über das Empfangsgerät klingt wie im Radio. Und ist doch noch detaillierter. Ein Pass ist nicht nur ein Pass, sondern eine „Bogenlampe“. Kino im Kopf. Reuß geht über links, ist nahe an der Strafraumgrenze. Das sind von unseren Sitzplätzen vielleicht 20 Meter.

Gelbe Wand zum Hören: Wie Menschen mit Sehbehinderung den Signal Iduna Park erleben

Birgit Dick mit einer Augenbinde. © Uwe von Schirp

Bliemetsrieder und Feye wechseln sich alle zehn Minuten ab: ohne Ansicht der Anzeigetafel eine Orientierung für den Zeitverlauf. Mitten unter den Zuschauern zu sein und doch den Spielverlauf nur zu hören, ist sehr intensiv. Ohne Augenschein wird auch der Geruchssinn schärfer. Wenige Plätze weiter scheint ein Besucher seine Anspannung mit einer Zigarette zu kompensieren. Von links nach rechts weht mir der Duft einer Bratwurst in die Nase. Birgit Dick bestätigt das Erleben aller Sinne: „Es ist viel intensiver. Man ist ganz bei sich.“

Das Catering erfolgt von der mobilen Theke vor dem Block

Es ist ungefähr die 35. Spielminute. „Möchtest du etwas trinken?“, fragt Siggi, der neben mir sitzt. „Tee oder Wasser?“ Er nimmt meine Hand und gibt mir den Stadionbecher mit Mineralwasser in die Hand. Im Dunkeln zu trinken, ist dann recht unproblematisch. „Das Catering erfolgt über eine mobile Theke vor dem Block“, erklärt Hans-Georg Siegens. Auf der Südtribüne wird es plötzlich laut. Ansonsten ist die Gelbe Wand in der ersten Halbzeit ruhig – ligaweiter Fanprotest gegen die Montagsspieltage.

40. Minute, Elfmeter. „Marco Reus läuft an“, reportiert Martin Feye. Wie eine Eruption erfasst mich von links der Torschrei der 20.000 auf der Süd, übertönt den Kommentar. Ein einzigartiges Erlebnis. Wie in der Wiederholung im Fernsehen, beschreibt Feye noch einmal den platzierten harten Schuss mit „100 Stundenkilometern“.

Ausgewiesene Plätze auch für Menschen im Rollstuhl und mit Hörbehinderung

Fünf Minuten später ist Pause. Antje Boedeker und Luisa Junk sind Fanbeauftragte und erkundigen sich, ob alles in Ordnung sei. „Wir sind für alle Zuschauer da“, sagt Boedeker. Beider Augenmerk gehört insbesondere auch den Besuchern mit Handicap. Und die sitzen nicht nur in Block 5 und 9.

In den ersten Reihen der Unterränge auf West-, und Osttribüne gibt es 72 Plätze für Rollstuhlfahrer und ihre Begleitung. Auf der Westtribüne in Block 34 sind es 25 Plätze für Zuschauer mit Hörschädigung. Eine Gebärdendolmetscherin übersetzt dort alle wichtigen Informationen. Über einen Vibrationsalarm erhalten diese das Signal, dass eine wichtige Information erfolgt.

Reporter analysieren und sparen nicht mit Wortwitz

Die zweite Halbzeit beginnt. Markus Bliemetsrieder und Martin Feye setzen ihre Reportage fort. Ein unterhaltsames, authentisches Erlebnis. Sie beschreiben, analysieren, liefern Hintergrundinformationen. Und sie sparen nicht mit Wortwitz. Lukasz Piszek (33) ist „der alte Mann und das Meer“. Sie erinnern daran, dass das destruktive Defensivspiel den Freiburger „Breisgau-Brasilianern“ in der Vergangenheit fremd war.

Als Paco Alcácer zur Einwechslung an der Seitenlinie wartet, spricht Martin Feye von „adventlicher Vorfreude“ auf den Einsatz des Jokers. In der ersten Minute der Nachspielzeit wird sie gestillt. Alcácer trifft, das Stadion bebt.

Schlusspfiff: „Was für ein Erlebnis“, sagt Birgit Dick. Es sind nicht nur das Spiel und das Ergebnis, die beeindrucken. „Ich finde es ganz toll, dass man es den Leuten hier so schön macht, das Spiel zu erleben – egal welche Behinderung sie haben“, betont ihre Freundin Iris Schlange. „Ich hätte nicht gedacht, wieviele Plätze dafür reserviert werden, weil man ja sonst zu diesen Plätzen nie Zugang hat.“

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