Die bierselige Geschichte der Bergmann-Brauerei ist einzigartig und noch nicht zu Ende erzählt: Nach einem Kiosk am Wall und der Stehbierhalle in Hörde gibt es Pläne für den Hafen.

Dortmund

, 10.11.2018, 03:55 Uhr / Lesedauer: 5 min

Der Mikrobiologe Dr. Thomas Raphael ist heute 60 Jahre jung und wuchs als Dortmunder mit den „zwei B“ auf. Bier und Borussia. „Ich bin in Dortmund geboren und aufgewachsen“, sagt er. Doch während andere junge Männer im Westfalenstadion ihr Bierchen trinken, ist Thomas Raphael mit besten Freunden ein Fan von Brauereibesichtigungen. „Damals roch es in Dortmund noch überall nach Bier. Wir haben jede Woche an einer Besichtigung teilgenommen und konnten die Texte sogar mitsprechen. Weil wir auf das Freibier scharf waren.“

Zechen sterben und Brauereien schließen

Dortmund, das war mal Europas größte Bierstadt und weltweit die Nummer 2. Union, Actien, Ritter, Thier, Kronen, Stifts und Hansa, das waren die Namen. „Was heute der BVB für Dortmund ist, das war damals das Bier“, sagt der 60-Jährige über die 1970er-Jahre, denen für passionierte Biertrinker eine lange Leidenszeit folgte. „In meinen 35 Jahren als Bier-Konsument musste ich aber schmerzlich erfahren, dass das alles den Bach runtergegangen ist. Das hat mich echt gestört.“ Denn nach dem Zechensterben ging es in Dortmund auch mit den Brauereien und der Stahlindustrie bergab. Brauereien verschwanden von der Bildfläche oder wurden von den ganz Großen auf dem internationalen Markt geschluckt.

Bergmann-Brauerei will alte Gießerei im Hafen zu einer Stehbierhalle mit Musik ausbauen

In der Stehbierhalle der Bergmann-Brauerei auf Phoenix-West in Hörde. © Peter Bandermann

Auf dem früheren Hochofen-Areal „Phoenix-West“ in Hörde geht es wieder bergauf: Dort residiert die Stehbierhalle der Bergmann-Brauerei. Wegen der großen Nachfrage nach Pils, Export, Spezial, Schwarz, Kellerbier und dem „Sud des Monats“ ist die Halle inzwischen an sieben Tagen pro Woche geöffnet.

Doch zurück in die Anfänge: Der promovierte und selbstständig als Berater für die Lebensmittelindustrie arbeitende Mikrobiologe Thomas Raphael sitzt im August 2006 in seinem Büro an der Ritterstraße im Westend der City und blickt auf das Dortmunder U - die alte Union-Brauerei. „Damals noch eine Ruine. Keiner wusste, was da geschehen soll.“

Den Namen in einer Datenbank entdeckt

„Nur so aus Jux und Langeweile“ durchforstet er eine Markennamen-Datenbank. Er gibt den eigenen Namen und Auto- und Bier-Marken ein. „Dann habe ich den Namen der Bergmann-Brauerei eingegeben, wohl deshalb, weil ich zuhause noch einen alten Bierkrug davon hatte.“ Die Datenbank meldet einen Treffer, der in das Jahr 1972 zurückkehrt: „Marke aufgegeben von der Union-Ritter-Brauerei.“ Erstmals gebraut wurde das Bier im Jahr 1796. Thomas Raphael hat Spaß daran, reserviert sich den alten Namen, zahlt dafür 300 bis 400 Euro und ist fortan stolzer Besitzer eines längst verblichenen Namens. Als Urkunde hängt die Marke „Bergmann-Bier“ im Büro in der Ritterstraße in Dortmunder-U-Nähe über seinem Schreibtisch. Einfach so.

Bergmann-Brauerei will alte Gießerei im Hafen zu einer Stehbierhalle mit Musik ausbauen

In der Stehbierhalle der Bergmann-Brauerei auf Phoenix-West in Hörde. © Peter Bandermann

Jetzt kommen seine Freunde ins Spiel. „Du kannst nicht unendlich lange diesen Namen behalten. Du musst die Idee realisieren“, sagen sie ihm. Thomas Raphael fährt in die Vormann-Brauerei nach Hagen und fragt, ob sie „so ein Bergmann-Bier wie damals in Dortmund“ brauen könne. Klar, heißt es in Hagen, gerne, aber wenn schon, denn schon: also „den ganzen Sud abnehmen“. Das machte 6000 Liter und war definitiv zu viel für nur einen Mann.

Eine GmbH gegründet

Also trommelt Thomas Raphael 20 Freunde zusammen. „Das machte dann 300 Liter pro Kopf“, sagt er, und soll wohl zu schaffen sein. Der Auftrag geht raus. Auf einer Party an der B1 wird viel getrunken und viel verschenkt. Die Idee, mehr daraus zu machen, ist geboren. Dann berichtete Achim Roggendorf, damals Wirtschaftsredakteur der Ruhr Nachrichten, über die bierselige Idee. „Der fand die Idee rasend“, erinnert sich Thomas Raphael an das Jahr 2007. Kaum steht der Name „Bergmann-Bier“ in der Zeitung, entsteht aus anfänglicher Begeisterung eine Geschäftsidee: „Lass uns eine GmbH gründen“, sagte der auf kleinere und mittlere Unternehmen spezialisierte Dortmunder Unternehmensberater Herbert Prigge. Er ist einer von den 20 Freunden.

Viel Auftrieb ohne großes Marketing

Weitere Sud-Aufträge gehen raus, „relativ schnell fragten die ersten Händler an, darunter ab 2008 auch Rewe“, berichtet Dr. Thomas Raphael. Es sei damals spannend gewesen, ohne großen Marketing-Etat so viel Auftrieb zu gewinnen. In dieser wichtigen Phase rät ein Büro-Besucher dem Brauherrn: „Das Bier musst du in Dortmund brauen.“ Selber in Dortmund brauen? „Ist keine Zauberei und keine Hexerei. Ich habe als Student ja schon Wein vergoren“, sagt der Mikrobiologe - und findet an der Schäferstraße im Dortmunder Hafen hinter einem alten zugewachsenen Gleis eine alte Gießerei mit Schornstein. Ein umgebautes Werbeschild der Warsteiner-Brauerei trägt jetzt den Bergmannbier-Namen. Und der Brauereibesichtiger von damals braut jetzt selbst.

Die Händler ordern ohne Ende

Die Dortmunder können den Hals nicht voll davon bekommen. Händler ordern das Bergmann-Bier. 500 bis 1000 Hektoliter pro Jahr verlassen die inzwischen verlassene Gießerei, die in Zukunft wieder einer große Rolle spielen soll. In der Brauerei mit Stehbierhalle in Hörde sind es jetzt 5000 Hektoliter pro Jahr. Viel ist das nicht. „Wir werden größer wahrgenommen, als wir wirklich sind“, sagt Thomas Raphael sehr bescheiden. Er braut jetzt deutlich über den Eigenbedarf mit 20 Freunden hinaus und muss das Bier verkaufen. Nur wo? Auf dem täglichen Weg in der Pause Richtung Westenhellweg entdeckt er am Hohen Wall einen heruntergekommenen Kiosk. Er will ihn haben und sucht den Besitzer. „Aber die Stadt Dortmund hat erst einmal ein dreiviertel Jahr gebraucht, um zu wissen, dass der Kiosk ihr selbst gehört.“ Dann die Absage. Der Kiosk komme weg und ein Bürohaus hin, lässt die Stadt wissen.

Brief an den Oberbürgermeister: Freund oder Feind

Thomas Raphael schreibt einen Brief an den damaligen Oberbürgermeister Dr. Gerhard Langemeyer. Tenor: „Entweder wir bekommen den Kiosk und sind dein Freund oder für immer dein Feind.“ Auch Gerhard Langemeyer soll in Dortmund schon mit einem Glas Bier in der Hand gesehen worden sein. Dann sei „die linke oder die rechte Hand“ des damaligen Wirtschaftsförderungsdezernenten und heutigen Flughafen-Chefs Udo Mager vorbeigekommen. Schließlich muss der Bierbrauer Raphael im Rathaus die Klinken putzen. Ein „netter älterer Herr“ (und Biertrinker) habe ihm schließlich gesagt: „Sie kriegen den Kiosk.“

Mächtig viel Spaß

Unternehmensberater Herbert Prigge bitte seine sechs Kinder, sich renovierend in dem Kiosk auszutoben. Mit Freunden hätten die Kinder „in kleinem Maßstab“ den Kiosk zur Bergmann-Bude umgebaut. Thomas Raphael: „Seit sechs Jahren haben wir mächtig Spaß daran. Der Standort wächst und gedeiht, er liegt zentral, wir werden gesehen und ich frage mich manchmal, warum da so viele Leute stehen.“

An der Lindenhorster Straße entsteht ein Lager. Dann die nächste „bierverrückte Idee“: „Wir überlegen, in Dortmund eine neue Brauerei zu bauen.“ Zu finanzieren über 300.000 Genuss-Scheine zu je 30 Euro. Die Bergmänner entdecken auf Phoenix-West ein 2000 Quadratmeter großes dreieckiges Grundstück, das sonst niemand haben will. „Für uns war es die passende Investitionsgröße.“ Eine neu zu gründende Immobilien GmbH & Co KG mit bis zu 14 Kommanditisten stellt zwei Millionen Euro zur Verfügung.

Bergmann-Brauerei will alte Gießerei im Hafen zu einer Stehbierhalle mit Musik ausbauen

Die Stehbierhalle mit Sudhaus am Eliasbahn-Weg in Hörde. © Peter Bandermann

Die Bergmann-Brauerei steht und eröffnet, wie das früher in Brauereien üblich war, eine schlicht eingerichtete „Stehbierhalle“. Stehbierhalle - den Namen hatte Thomas Raphaels Kollegin Betti Pelz hervorgekramt. „Die Besucher kommen zu uns“, sagt Thomas Raphael, „sie können das Sudwerk sehen und das tolle Wetter hat uns auf die Beine geholfen.“ Im Schatten der Phoenix-Halle und der rostigen Hochofen-Riesen fließt das Bergmann-Bier vor satter Industrie-Kulisse in Strömen durch die Kehlen.

Die Bergmann-Brauerei wächst. „Zu schnell“, wie der Mikrobiologe meint, es sei turbulent geworden, doch es soll nicht um immer mehr „Ausstoß“ in industriellem Ausmaß gehen. Weihnachtsfeiern. Hochzeiten, Geburtstage und andere Anlässe werden in der angemieteten Stehbierhalle gefeiert - die GmbH zieht die Reißleine, damit es bei der angenehmen Leichtigkeit bleibt, die die Gäste zu schätzen wissen.

Zurück an den Hafen

Nun geht es um einen „Leuchtturm am Hafen“. Wir sind zurück in der alten Gießerei. Der Ort, in dem das Bier unter dem reaktivierten Bergmann-Namen gebraut wurde. Die Bauanfrage läuft bereits. „Wir haben keine Eile“, aber eine Eröffnung Ende 2019 sei „bauordnungstechnisch“ schön. Die Idee: Eine Theke mit Ausschank wie in der Hörder Stehbierhalle, etwas Musik, entweder live oder aus dem Hintergrund, für maximal 199 Gäste, dafür notwendige Investitionen in Sanitäranlagen und Brandschutz.

Bergmann-Brauerei will alte Gießerei im Hafen zu einer Stehbierhalle mit Musik ausbauen

Die Bergmannbier-Brauerei will in diese alte Gießerei am Hafen zurückkehren und den Standort für Bierverkauf und Musik aufpeppen. © Peter Bandermann

Vielleicht auch eine Tankstelle

Das war‘s jetzt? Nein, einer geht noch: Thomas Raphael hat noch eine Idee, aber nur eine ganz kleine, damit die Brauerei auch wirklich langsam wächst: Er will mal eine alte Tankstelle im 1950er-Jahre-Stil zu einem Getränkehandel der besonderen Art umbauen. Der Werbespruch „harte Arbeit - ehrlicher Lohn“ macht offenbar auch Spaß.

Bergmann-Brauerei will alte Gießerei im Hafen zu einer Stehbierhalle mit Musik ausbauen

Dr. Thomas Raphael von der Dortmunder Bergmann-Brauerei. In der Halle der alten Gießerei will die Brauerei den richtigen Raum für Partys im Hafen schaffen. © Peter Bandermann

Die Bergmann-Brauerei hat inzwischen 11 fest angestellte Arbeitnehmer und 25 Aushilfskräfte für den Verkauf. Die Brauerei sucht weitere Aushilfskräfte. Geschäftsführer sind Herbert Prigge und Thomas Raphael. Die Brauerei bietet donnerstags (18 Uhr) und freitags (16 Uhr) jeweils 90 Minuten dauernde Führungen an und empfiehlt dafür die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln, da auch Bier getrunken wird. Mindestens 10, maximal 25 Teilnehmer. Kosten: 19.90 Euro pro Person. Buchung online.
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