Der kroatische Betreiber des Restaurants „Kegelkotten“ ist eingefleischter Fußball-Fan, muss während des Finales aber arbeiten. Das Spiel schaut er dank seiner Balance-Künste trotzdem.

Brechten

, 14.07.2018, 04:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mal ehrlich, das ist doch eine Horrorvorstellung: Da sind Sie eingefleischter Fußballfan, Ihre Nationalmannschaft steht sensationell im Finale der Weltmeisterschaft – und Sie müssen an diesem historischen Tag arbeiten. Doch der Kroate Ciro Celan, Betreiber des Brechtener Restaurants „Kegelkotten“, macht aus der Not eine Tugend: In unmittelbarer Nähe des Tresens läuft während des Finales gegen Frankreich am Sonntag ab 17 Uhr der Fernseher, sodass der 50-Jährige beim Zapfen und Bewirten der Gäste den Bildschirm oft im Blick hat.

Und was passiert, wenn es zum Äußersten, sprich zum Elfmeterschießen, kommt? „Dann steht hier alles still“, sagt Celan, „dann gucken alle nur noch Fußball.“ Mit Ausnahme seiner Frau: „Sie kommt dann zwar aus der Küche, ist aber so aufgeregt, dass sie sich beim Elfmeterschießen immer die Hände vor die Augen hält.“

Die Mentalität macht die Kroaten so stark

Diese Begeisterung kommt nicht von ungefähr, denn das kleine Land, das mit seinen gut vier Millionen Einwohnern nur unwesentlich größer ist als Berlin, stellt eine wahre Hochburg des Mannschaftssports dar: Im Handball holten die Kroaten bereits ebenso olympisches Gold wie im Wasserball, die Basketballer durften sich immerhin über Silber freuen. Und nun soll die Krönung beim Spektakel Fußball-WM folgen – vor den Augen der ganzen Welt. Doch was, verflixt noch mal, macht die Kroaten so stark? „Das ist unsere Mentalität“, sagt Celan, „wenn wir etwas wollen, dann geben wir richtig Gas.“Nach kurzer Überlegung kommt der 50-Jährige zu dem Schluss, dass er keinen einzigen Kroaten kennt, der nicht fußballverrückt ist – sich selbst eingeschlossen: „Dieser Sport liegt mir einfach am Herzen – und mein Sohn spielt selbst im Verein.“

Vorberichterstattung à la Oliver Kahn

Dass der Mann neben Leidenschaft auch noch Sachverstand besitzt, beweist er in einer kurzen Vorberichterstattung à la Oliver Kahn: „Unsere Außenverteidiger könnten Probleme mit dem schnellen Franzosen Mbappé bekommen. Außerdem haben wir 90 Minuten mehr in den Beinen, einen Tag weniger Pause und eine nicht so breite Bank. Außerdem sind wir im Durchschnitt auch noch älter.“ Puuh, das klingt ja ziemlich negativ. „Nein, nein“, sagt Celan und schüttelt entschieden den Kopf, „es wird zwar schwer, aber ich bin optimistisch. Sie wissen ja: die kroatische Mentalität.“

Beim Titelgewinn rennt ein rasender Kroate quer durch Brechten

Köchin Bozena Jagnjic fiebert natürlich auch mit – schließlich ist sie ja Kroatin. © Michael Schuh

Schon vor der WM habe er ein gutes Gefühl gehabt, nicht zuletzt aufgrund des neuen Trainers Zlatko Dalic: „Aber ganz ehrlich: Dass wir so weit kommen, das hatte ich dann doch nicht erwartet.“Während der WM lief übrigens bei jedem Spiel im Kegelkotten der Fernseher; Celan ist mittlerweile ein wahrer Meister darin, ein Tablett voller Gläser zu den Gästen zu balancieren, während er gleichzeitig die Kicker auf der Mattscheibe beobachtet. Sollten sich Besucher aber nicht für so profane Dinge wie Fußball interessieren – kein Problem: Vom eigentlichen Restaurantbereich ist das TV-Gerät nicht zu sehen, an der Theke sitzen meist die Stammgäste.

Mit der Fahne durch Brechten und Holthausen

„Beim Spiel Kroatien gegen Russland hatten wir hier eine Geburtstagsfeier, zu der ein paar Gäste sogar mit Kroatien-T-Shirts kamen“, erzählt der Wirt. „Danach haben wir bis 4 Uhr morgens gefeiert.“ Ausnahmen bestätigen allerdings die Regel: Die Partie Frankreich gegen Belgien schaute gleich eine ganze Gruppe Franzosen, die erstmals dort zu Gast waren, im Kegelkotten. Frankreich siegte. Hoffentlich kein böses Omen.

Aber Bange machen gilt nicht, zumal sich sein ganzes Heimatland momentan in einer Art Rausch befinde, sagt Celan: „Die Menschen dort sind so glücklich, das kann man gar nicht beschreiben. Wahnsinn!“ Und sollte Kroatiens Kapitän Luka Modric tatsächlich den WM-Pokal in den Moskauer Himmel recken, weiß der Gastronom schon jetzt, was er danach macht: „Dann laufe ich mit unserer Fahne zu Fuß durch Brechten und Holthausen.“

Wer den rasenden Gastronom sehen möchte, sollte also Kroatien die Daumen drücken. Zudem muss dann Gericht Nummer 46 auf der Speisekarte, „Veseli Dalmatinac“ – übersetzt: der lustige Dalmatiner –, nicht in den traurigen Dalmatiner umbenannt werden.

Ciro Celan kam 1989 aus Dalmatien, das im Süden Kroatiens liegt, nach Deutschland. Nach einigen Stationen in Dortmund, Berlin und Brandenburg übernahm er vor 20 Jahren das Brechtener Restaurant „Kegelkotten“. Obwohl fußballverrückt, kam es ihm nicht in den Sinn, sein Restaurant während des WM-Finales zu schließen: „Denn wir hatten ja bereits Vorbestellungen.“
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