Battlerap - Die Kunst den Gegner verbal zu zerstören

dzHip-Hop in Dortmund

Beim Battle-Rap gibt es nur eine Regel: Es gibt keine Grenzen. Einer der bekanntesten Battle-Rapper Deutschlands kommt aus Dortmund. Am Samstag hat er ein Heimspiel.

Dortmund

, 10.11.2018, 04:35 Uhr / Lesedauer: 6 min

Den beiden Kontrahenten ist die Nervosität anzusehen, mit Wut in den Augen mustern sie einander. Um sie herum hat sich eine Menge gebildet, die dem Schlagabtausch entgegenfiebert. Aus dem Kreis ausbrechen geht nicht. Die Menge will sehen, dass hier gleich die Fetzen fliegen. Als die ersten Tiefschläge den Gegner treffen grölen sie. Deswegen sind sie gekommen: Für den Kampf, für das Battle.

Die Szenerie, die auf dem ersten Blick einer Schulhofschlägerei ähnelt, geht, anders als eine solche, friedlich von statten. Die beiden Kontrahenten sind Rapper, die Menge um sie herum Hip-Hop-Fans und ihre Tiefschläge teilen die Rapper lediglich verbal aus. Dabei ist allerdings die ganze Derbheit der Sprache erlaubt. Beleidigungen gegen den Gegner, sein Aussehen, seinen Charakter, seine (vermeintliche) Sexualität und seine Familie. Grenzen gibt es keine.

Battlerap - Die Kunst den Gegner verbal zu zerstören

Der Dortmunder Lyrico ist einer der bekanntesten deutschen Battle-Rapper. © Lyrico

Battle-Rap nennt sich diese Form des Rap. Dabei geht es darum, den Gegner mit Worten auf jede erdenkliche Weise zu diffamieren. „Im Grunde geht es darum, den Gegner verbal zu zerstören“, bringt es der Dortmunder „Lyrico“, eines der bekanntesten Gesichter der Battle-Rap-Szene in Deutschland, auf den Punkt.

Die Szene wächst in Deutschland stetig

Seit etwa vier Jahren ist er als MC, wie die Hip-Hop-Künstler genannt werden, aktiv rappender Teil einer Szene, die in Deutschland seit ein paar Jahren beständig wächst. Bei YouTube haben Video-Mitschnitte von deutschen Rap-Battles mehrere hunderttausend Aufrufe, vereinzelt liegen die Klickzahlen sogar im Millionenbereich.

„In Deutschland steckte das vor drei bis vier Jahren noch in den Kinderschuhen, mittlerweile ist da aber echt was gewachsen“, sagt Lyrico, der eigentlich Joshy Meyer heißt. In Frankfurt trat er bei der Battle-Rap-Plattform „Rap am Mittwoch“ bereits vor 1000 Leuten auf. Das sah vor ein paar Jahren für den heute 30-Jährigen noch ganz anders aus. 2007 veranstaltete er im Garten seines Aplerbecker Elternhauses ein eigenes Battle-Rap-Turnier, zu dem er Freunde einlud.

„Hip-Hop-affin“ war er schon immer, wie er selbst sagt. Seitdem er 14 Jahre alt ist, macht er Musik. Schon seit Jahren ist Lyrico fester Bestandteil der Dortmunder Hip-Hop-Szene. Eine wirkliche Battle-Rap-Szene gebe es in Dortmund allerdings noch nicht, sagt er. Sie sei eher Beiwerk der Hip-Hop-Kultur.

Joshy Meyers Leidenschaft für Battle-Rap wurde 2006 durch die dreiteilige DVD-Reihe „Feuer über Deutschland“ entfacht. Auf den DVDs battleten sich Rapper vor allem mit vorgeschriebenen Texten, mit konkretem Bezug zu ihrem Kontrahenten. Diese Form nennt sich Written Battle.

Im Gegensatz zu den vorher üblichen Freestyles bereiteten sich die MCs also konkret auf ihren Gegner vor und lernten Texte auswendig, anstatt ihre Texte zu improvisieren. Außerdem trugen sie diese Texte a capella vor und nicht auf einen Beat. Die Macher von „Feuer über Deutschland“ schreiben sich auf die Fahne, diese Form des Battle-Rap nach Deutschland gebracht zu haben.

Ursprung im Mutterland des Hip-Hops

Seinen Ursprung hat Battle-Rap aber im Mutterland des Hip-Hops den USA. In den späten achtziger Jahren kam er in der Hip-Hop-Szene an der Ostküste auf, damals aber noch in Form von Freestyles. Ursprünglich wohl auch, um gewaltfrei Konflikte zwischen Gangs zu lösen.

In den frühen 2000ern entstanden in den USA auch die Written Battles und etablierten sich. Künstler sind dort in großen Ligen aktiv. „Mittlerweile gibt es in manchen Regionen der USA Ligen, die ganze Stadien füllen. Die Begegnungen werden teilweise sogar im News-Ticker in den Nachrichten angekündigt“, erzählt Lyrico.

In Deutschland sind die beiden wichtigsten Ligen „Toptier Takeover“, als Nachfolger von „Rap am Mittwoch“, und „Don’t Let The Label Label You“ (DLTLLY). Sie sind aber von einer Aufmerksamkeit, wie sie die Ligen in den USA bekommen, noch weit entfernt. Und auch am Wochenende muss DLTTLY um Aufmerksamkeit kämpfen, denn wenn die Liga am Samstag nach Dortmund ins Oma Doris kommt, spielt parallel der BVB gegen Bayern München.

Auf Augenhöhe mit der Crowd

DLTLLY hat sich weitestgehend den Written-Battles verschrieben. Die MCs können sich also intensiv auf ihre Gegner vorbereiten, weil sie sie vorher kennen. „So können die Texte der Künstler einfach viel tiefer gehen, als beim Freestyle, weil man auch wirklich recherchieren kann“, sagt Jamie Seidl-Curtis, Gründer von DLTLLY. Markenzeichen der Liga ist der enge Kontakt zwischen MCs und Crowd (den Zuschauern). Die Rapper stehen nicht auf einer Bühne, sondern inmitten des Publikums, umringt von ihm, auf Augenhöhe in einem Kreis.

Battlerap - Die Kunst den Gegner verbal zu zerstören

Lyrico bei einem Battle inmitten der Crowd. © Lyrico

2014 gründete Jamie Seidl-Curtis gemeinsam mit seinem Kumpel Hanno Martius diese Battle-Rap-Liga. Als „JollyJay“ battlete Seidl-Curtis, der als Sohn einer Deutschen und eines Engländers in London geboren und aufgewachsen ist, selbst in England. Dort ist Battle-Rap deutlich größer als in Deutschland.

„Als Hanno und ich nach Deutschland gezogen sind, da hat uns das gefehlt. Es gab Rap am Mittwoch und ähnliche Battle-Rap-Formate, aber dieses Ding, wo so intim im Kreis gerappt wird, gab es nicht“, sagt JollyJay. Dort in Mitten der Leute zu stehen, habe die gleiche Energie wie ein Box-Kampf. „Man bekämpft sich aber nicht mit physischer Gewalt, sondern nutzt das Köpfen, was ich persönlich anspruchsvoller finde“, sagt JollyJay.

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Jamie Seidl-Curtis gründete gemeinsam mit seinem Kumpel Hanno Martius die Hip-Hop-Plattform Don't Let The Label Label You und die gleichnamige Battle-Rap-Liga. © @freudianschnaps / Instagram

Körperliche Gewalt ist Tabu

Die körperliche Auseinandersetzung ist allerdings Tabu. Treffer können die MCs nur mit Worten landen. Üblicherweise haben die Künstler, die sich gegenüberstehen, jeweils drei Runden Zeit, ihren Gegner fertig zu machen. Wer nicht dran ist, darf seinem Kontrahenten nicht ins Wort fallen, sondern muss auf seine Runde warten, um zu antworten. Am Ende des Battles entscheidet eine Jury, wie bei DLTTLY, per Mehrheitsentscheid, wer gewonnen hat. Andere Ligen lassen auch das Publikum durch Lautstärke entscheiden.

Gebattlet wird in verschiedenen deutschen Städten. Sowohl „Toptier Takeover“ als auch DLTLLY touren mit ihren Ligen durch die Republik. Aber auch in Wien haben schon Battles von DLTLLY stattgefunden. Auch Lyrico hat schon in verschiedenen deutschen Städten, auf Hip-Hop-Festivals und auch in Luxemburg gebattlet. Am Samstag steigt er erstmals bei DLTLLY in seiner Heimatstadt in den Ring.

Nachher gibt man sich die Hand

Für den Grafikdesigner und Eishockey-Spieler sind die direkte Konfrontation und der künstlerische Umgang damit sowie das Konkurrenzverhalten Anreiz zu battlen. Gleichzeitig sagt er aber auch: „Das Geile ist die friedliche Atmosphäre dabei. Man schmeißt sich zwar während des Battles die Beleidigungen um die Ohren, aber danach gibt man sich die Hand.“

Doch selbst im Battle sieht man manchen MC anerkennend nicken und teilweise auch klatschen, wenn der Gegner einen guten Spruch gegen ihn gebracht hat.

Battlerap - Die Kunst den Gegner verbal zu zerstören

JollyJay (links) ist der Meinung: "Man muss in einem Battle auch über sich selbst lachen können." © @freudianschnaps / Instagram

„Als Battle-Rapper ist es ganz wichtig, über sich selbst lachen zu können, weil man ja weiß, dass man da stillstehen muss, während der andere einen komplett verarscht. Dazu noch in einem Raum, in dem dich alle auslachen. Wer das nicht kann, der ist auch für Battle-Rap nicht gemacht“, sagt JollyJay.

Beim Niveau der Künstler gibt es große Unterschiede. Das ist in zweierlei Hinsicht zu verstehen. Zum einen, was die Qualität der Texte, Reime und Wortspiele angeht. Zum anderen, was die Wortwahl betrifft. Grenzen gibt es schließlich keine, auch nicht des guten Geschmacks. Die möchte man sich in der Szene auch nicht auferlegen.

Grenzen macht jeder mit sich selbst aus

„Das Schöne an dieser Kunstform ist ja eben, dass es keine Grenzen gibt. Die macht jeder mit sich selbst aus und deshalb ist man auch so frei, in dem was man tut“, sagt Lyrico und ergänzt: „Es macht mir einfach Spaß, eine Herangehensweise zu erarbeiten, meinen Gegner zu analysieren und zu überlege, wie ich ihn am besten treffen kann. Ich persönlich muss aber keine schmutzige Wäsche waschen und krame nicht bis in die letzte Ecke des Privatlebens meiner Gegner.“

„Man muss zwischen der realen Welt und dieser Battle-Welt unterscheiden. Natürlich werden dort Dinge gesagt, die unter die Gürtellinie gehen. In einem Battle sind sie aber akzeptabel, weil es eine abgesprochene Regel ist, dass es keine Grenzen gibt", sagt JollyJay.

Battlerap - Die Kunst den Gegner verbal zu zerstören

Im Battle fliegen die Fetzen. Auf dem Foto battlen die Rapper Clep (Mitte) und Yarambo (rechts). © @freudianschnaps / Instagram

Es ist auch schon vorgekommen, dass ein Rapper den Krebstod des Vaters seines Kontrahenten in seine Runde eingebaut hat, um seinen Gegner zu diffamieren. Innerhalb der Szene wurde dieses Vorgehen kontrovers diskutiert. Es wird sich generell viel ausgetauscht. Die Szene in Deutschland ist noch nicht so riesig. Man kennt sich untereinander weitestgehend.

Community gibt Anregungen für Battle-Ansetzungen

In Internet-Foren diskutiert die Community, wer die aktuell stärksten Rapper sind, äußern Wünsche für Begegnungen, die sie gerne sehen würden und befinden, wer sich durch starke Leistungen als würdig erwiesen hat, gegen den DLTLLY-Champion anzutreten. Die Liga-Verantwortlichen nehmen diese Anregungen auf und binden sie in ihre Entscheidungen für die nächsten Battle-Ansetzungen ein, mit dem Ziel ziemlich ebenbürtige Gegner gegeneinander antreten zu lassen.

Auch Lyrico hat sich in der Szene so eine gute Reputation erarbeitet, dass er 2017 im Titel-Match gegen den Champion Nidal Nib antreten durfte. Fünf Wochen hat er sich auf das Battle vorbereitet. Gewinnen konnte er aber nicht. Nidal Nib verteidigte seinen Titel und ist bis heute Champion.

Weil immer mehr bessere Leute mitmachen würden, steige die Qualität der Texte und auch der Anspruch der Crowd, findet JollyJay: „Somit kommen plumpe Mutterwitze oder rassistische Beleidigungen, die einfach nur scheiße sind, auch einfach nicht mehr so gut an. Damit wird die ganze Sache auch automatisch irgendwo politisch korrekter, habe ich das Gefühl.“

Unterschiedliche Sichtweisen in einer bunten Szene

Battel-Rap sei ohnehin eine Subkultur, in der alle Menschen zusammenkommen können, egal welchen sozialen Hintergrund sie hätten, egal was für eine soziale Schicht. Weibliche MCs gibt es aber nur vereinzelt. Die Battle-Rap-Szene ist ziemlich bunt gemischt, aber – wie die Hip-Hop-Szene generell – weitestgehend männlich geprägt.

„Wirklich die unterschiedlichsten Charaktere treffen hier aufeinander, um sich mit Worten zu schlachten", sagt JollyJay. Da in den Battles auch immer wieder politische Themen angesprochen werden, könne man durch die verschiedenen Sichtweisen viel lernen.

Und vielleicht kann ja auch unsere demokratische Gesellschaft etwas vom Battle-Rap lernen: Sicherlich nicht die Beleidigungen und Diffarmierungen. Die gibt es in den Sozialen Netzwerken schon zur Genüge.

Aber sich einer gegenläufigen Argumentation stellen, zuhören, während das Gegenüber etwas zu sagen hat und denjenigen aussprechen lassen, seine eigene Position klarmachen und diese wohlüberlegt vortragen und auch mal ein gutes Argument würdigen, selbst, wenn das bedeutet, dass man sich selbst hinterfragen muss - das kann man vom Battle-Rap lernen. Denn das Miteinander-Streiten ist wesentlicher Bestandteil einer Demokratie und dafür sollte man häufiger auch mal seine Komfortzone verlassen.

Don't Let The Label Label You in Dortmund
Die Veranstaltung von DLTTLY wurde kurzfristig vom alten Weinkeller ins Oma Doris verlegt. Die Zeiten bleiben gleich: Samstag öffnen die Türen um 15:00 Uhr, am Sonntag um 13:30 Uhr. Der Samstag ist bereits ausverkauft. Für den Sonntag gibt es Tickets für 5 Euro an der Tageskasse. LineUp: Samstag (10.11.):
  • Lyrico vs Henrey
  • JollyJay (of JollyJay & H2O) vs Buddi
  • T-Way vs N'antinein
  • Vinci vs Joseph Steinschleuder
  • Bruda Tuck vs Mr. Whyte
  • Tao Biobabo vs WandelBarZ MC
Sonntag (11.11.):
  • Mcgeuner vs Akanoo
  • Highdemann vs Henker
  • Ryko-J vs Django
  • Leonidas vs Zeuge
  • A-Ron vs ChinookA
  • Lug Serious vs Craze
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