Bandidos-Friseur schnitt offenbar nicht nur Haare: Festnahme

dzRocker-Krieg

Nach der relativ kuriosen Festnahme eines Bandido-Friseurs sucht die Polizei nach Michael S.. Die beiden sollen am Samstag zusammen ein Miri-Clan-Mitglied schwer verletzt haben.

DORTMUND

, 12.09.2018, 15:58 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Facebook-Seite sieht aus, wie die Facebook-Seite eines Friseurs halt so aussieht: Verschiedene Haarschnitte oder -tönungen werden dort gezeigt und kommentiert. Dazu etwas Eigenwerbung in Form von Käppis oder Handyhüllen mit dem Friseurlogo. Und dazwischen immer wieder Bilder vom Ladenbetreiber Benjamin „Benny“ G. an der Schere, ein tätowierter Hüne mit Glatze und meist lächelndem Gesicht.

Erstmal keine Bilder mehr auf Facebook

Auf solche Bilder von G. dürften die Kunden in den nächsten Tagen zunächst verzichten, denn der Friseur ist am Dienstag festgenommen worden. Inzwischen sitzt der 37-Jährige in Untersuchungshaft. Er soll, so sehen die Ermittlungsbehörden das, zuletzt nicht nur Haare geschnitten haben. Der Mann wird verdächtigt, gefährliche Körperverletzung begangen und gemeinsam mit einem Komplizen am Samstag, Sammy M., eine Führungsperson eines arabischen Familienclans, niedergestochen zu haben.

Die Stimmung im kriminellen Milieu in Dortmund ist im Augenblick nicht die beste, hier stehen sich aktuell der Miri-Clan und die Bandidos gegenüber. Die Bandidos sind in Dortmund quasi „alteingesessen“, hier haben sie eins von NRW-weit 20 Chaptern. Der Miri-Clan wiederum drängt verstärkter als bisher in den Dortmunder Drogenhandel, ein Geschäft mit einem konservativ geschätztem Jahresumsatz von 150 Millionen Euro. Da sind Revierstreitigkeiten vorprogrammiert.

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Zeugen und Festgenommene schweigen bisher, Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln, doch der Grund für die Gewalteskalation in Dortmund scheint – wie bereits am Montag berichtet – ein banaler gewesen zu sein. Nach einer zufälligen Begegnung zwischen einem hochrangigen Bandido und einem Bruder einer Führungsperson des Miri-Clans kam es am vergangenen Dienstag zu einer Schlägerei in der Innenstadt.

Nach weiteren verbalen Scharmützeln sollte dann am Samstag ein Gespräch zwischen den Gruppierungen stattfinden. Daran beteiligt soll neben Sammy M. und Benny G. auch Michael S. gewesen sein, auch er ein Bandidos-Mitglied.

Miri-Führungsperson schwebt nicht mehr in Lebensgefahr

Die Aussprache lief offenkundig aus dem Ruder, Messer kamen zum Einsatz, gegen 18.40 Uhr lag Sammy M. in seinem eigenen Blut in der Innenstadt. Der Mann war mehrfach verletzt, und auch wenn die Stiche und Schnitte nur die Extremitäten getroffen hatten, wäre er, wenn er nicht schnell verarztet und behandelt worden wäre, verblutet. Dazu kam es nicht, Sammy M. schwebt nicht mehr in Lebensgefahr.

Am Klinikum-Nord, hier wurde Sammy M. verarztet, versammelten sich am Samstagabend 40 bis 50 Männer. Ein Klinik-Mitarbeiter: „Von denen hatte kaum einer unter 100 Kilo Muskelmasse am Körper.“ Nach Informationen der Bild-Zeitung sollen unter diesen Männern „zahlreiche Hells-Angels-Rocker“ gewesen sein. Auch die sind mit den Bandidos verfeindet.

Schüsse als Racheaktion

Am Sonntag, etwa 24 Stunden nach der Tat, dann wurden mehrere Schüsse auf das Vereinsheim der Bandidos in Eving abgegeben, verletzt wurde dabei niemand. Zwar ermittelt die Polizei noch, die Täter sind unbekannt. Aber auch für Polizei und Staatsanwaltschaft hängen die Schüsse auf das Vereinsheim mit der Messerstecherei zusammen und werden als Racheaktion gewertet.

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Am frühen Dienstagmorgen dann ereignete sich das bisher letzte aber vermutlich nicht finale Kapitel in dieser Auseinandersetzung: Zeugen hörten am Königswall einen Knall, die Schaufensterscheibe von Benny G.s Friseursalon war eingeschlagen worden. Die Polizei wurde gerufen.

Doch offenbar nicht nur die: Während die Beamten am Friseursalon ihre Arbeit machten, tauchte dann auch der Ladenbesitzer auf und wurde festgenommen.

Illegale Geschäftsfragen sind noch nicht geklärt

Wie es jetzt in Dortmund weitergeht, ist unklar. Die Sorge vor weiteren Auseinandersetzungen steht im Raum, es gab mindestens einen Schwerverletzten und auch die illegalen, aber hochlukrativen Geschäftsfragen sind noch nicht geklärt. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln, die Beteiligten schweigen, auch Benny G. äußerte sich nicht. Nach dem 49-jährigen Michael S. wird gefahndet.

Volkan Baran ist Landtagsabgeordneter der SPD und wohnt in Dortmund. Er fordert nach den Gewalttaten der vergangenen Tage mehr Polizeistellen für Dortmund. Szenen, wie die, die sich jetzt zugetragen haben, müssten unter allen Umständen verhindert werden. „Es kann nicht sein, dass ein Wohngebiet zum Austragungsort von Konkurrenzkämpfen im Drogenhandel wird“, so Baran. Und weiter: „Hier muss schnell gehandelt werden, um eine weitere Eskalation des offenbar schwelenden Konfliktes zu verhindern.“

Der Ansatz ist nicht verkehrt, nur dürfte er kurzfristig nicht helfen. Denn erstens bräuchte es für Stellen, so sie denn neu geschaffen würden, auch das passende Personal. Und zweitens klagen Strafverfolger schon länger über eine künstliche „Beweismittelverknappung“: Auf Telekommunikationsüberwachungen würde oft verzichtet, weil sowohl Beamte als auch Übersetzer fehlen. Und auf Laborergebnisse, etwa DNA-Abgleiche, müsse man inzwischen bis zu sechs Monate warten.

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