Familie verklagt Stadt wegen fehlender Taxi-Schulfahrten für geistig behindertes Kind (11)

dzStreit um Serafine

Der Schulweg ist für Serafine Stress pur. Das geistig behinderte Kind muss seit Sommer mit der Bahn zur Schule. Die Familie will, dass die Stadt Dortmund ihr Taxifahrten bezahlt – und klagt.

Dortmund

, 22.03.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Eigentlich ist die Sache ganz einfach: Die elfjährige Dortmunderin Serafine Ebel will zur Schule gehen, und sie muss es auch, schließlich gilt in Deutschland die Schulpflicht. Doch werden einfache Grundsätze manchmal kompliziert, sobald sie auf die Realität treffen. Der Streit um Serafine, der jetzt in eine Klage gegen die Stadt mündet, ist genau so ein Fall.

Serafine ist Autistin, hat einen Gendefekt, außerdem besteht der Verdacht, dass sie an einem Fetalen Alkohol-Syndrom (FHSD) leidet. Durch das FHSD hat die Elfjährige kein Schmerz-, Hunger- und Gefahrenempfinden. Erst seit ihrem dritten Lebensjahr wohnt sie bei ihren Pflegeeltern, die sie adoptierten.

Serafine reagiert aggressiv auf Menschenmengen

Aufgrund ihrer Behinderungen geht Serafine auf eine Förderschule und braucht eine ständige Begleiterin, eine so genannte Integrationshelferin. Doch reagiert sie oft aggressiv auf Menschenmengen, etwa auf dem Schulweg.

An ihrer alten Schule, der Georg-Waldorfschule in Brünninghausen, wurde Serafine deshalb von einem Taxi zur Schule und von dort auch wieder nach Hause nach Brechten gebracht. Die Kosten dafür übernahm zu über 90 Prozent die für Privatschulen zuständige Bezirksregierung Arnsberg, den kleinen Rest bezahlte die Waldorfschule.

Doch dann musste Serafine im Sommer 2018 die Schule wechseln. Die Fördermöglichkeiten an der Georgschule für sie waren ausgeschöpft. Sie wechselte an die Paul-Dormann-Förderschule in Scharnhorst. Doch da diese eine städtische Schule ist, mussten alle Unterstützungsmaßnahmen für Serafine neu beantragt werden, neben dem Taxi-Fahrdienst, der über 1000 Euro pro Monat kostet, auch die Integrationshelferin.

Familie verklagt Stadt wegen fehlender Taxi-Schulfahrten für geistig behindertes Kind (11)

Serafine und ihre Eltern, Sandra und Torsten Ebel © Verena Schafflick (Archiv)

Es begann ein zähes Ringen zwischen Serafines Eltern und der Bürokratie, das bis heute andauert. Es gab Dutzende Seiten Schriftverkehr, Gutachten und vieles mehr. Serafine hatte Probleme in der Schule, lief sogar einmal weg. Daraufhin behielten die Ebels ihre Pflegetochter für mehrere Wochen zu Hause, bis Serafine eine Integrationshelferin bekam.

Doch bei der Taxi-Frage stehen sich beide Parteien immer noch unversöhnlich gegenüber. „Laut Gutachten ist es der Schülerin zuzumuten, mit einer Begleitperson einen Schulbus zu nutzen“, heißt es von Seiten der Stadt auf Anfrage unserer Redaktion. Serafines Eltern halten mit ärztlichen Untersuchungen dagegen, die die Notwendigkeit der individuellen Fahrten für Serafine betonen. Sie pochen weiter auf die Kostenübernahme der Taxifahrten.

Serafine schlug um sich

Verlierer dieses Kampfes ist bisher Serafine. Im Zuge des Streits wechselte das Mädchen erneut die Schule. „Wir sahen unsere Tochter an der Paul-Dormann-Schule nicht mehr sicher aufgehoben“, sagt Mutter Sandra Ebel. Serafine geht jetzt auf die Adolf-Schulte-Schule in Aplerbeck. Doch zu dieser fährt noch nicht einmal ein Schulbus. Jetzt muss Serafine die Stadtbahn nehmen. Eine Stunde dauert der Schulweg.

Die Odyssee löst bei Serafine offenbar enormen Stress aus: Ihre Begleiterin berichtet von Wutausbrüchen der Elfjährigen während der Fahrt. Mehrfach versuchte sie wegzulaufen, beleidigte sie andere Fahrgäste.

Gerichtsentscheidung wohl erst in einigen Monaten

Nun klagt die Familie vor dem Verwaltungsgericht. Sie will die Stadt Dortmund verpflichten, den Taxi-Fahrdienst doch zu übernehmen. Doch bis es zu einer Entscheidung kommt, wird es noch mehrere Monate dauern. Bis dahin wird Serafine weiter die öffentlichen Verkehrsmittel nehmen müssen.

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