Auf ein Stößchen in die letzte Kneipe auf der Kaiserstraße

dz„Renatas La Vida“

„Renatas La Vida“ - so könnte eine Tapasbar heißen oder ein Nachtclub. Dabei ist das kleine Lokal die letzte echte Kneipe auf der Kaiserstraße. Für machen ist sie ein Sehnsuchtsort.

Dortmund

, 22.10.2018, 16:26 Uhr / Lesedauer: 3 min

Neulich geriet ein junger Reporter im Lokalradio ins Schwärmen: „Kleine Fachgeschäfte, Weinlokale, Sushibars – die Kaiserstraße erinnert an Berlins Szeneviertel Prenzlberg.“ Bei Renata Lüttecke gibt’s Mettbrötchen und Stößchen. Die 47-Jährige führt die letzte Kneipe auf der angesagten Meile. Dabei ist ihr „Renatas La Vida“ selbst erst zwei Jahre alt.

Auf der Durchreise hängen geblieben

„Ich habe nach dem Kaiserstraßenfest 2016 eröffnet“, erzählt die Wirtin, die vielen Kneipengängern in Dortmund aber ein lang vertrautes Gesicht ist. Lüttecke, 1971 bei Posen geboren, blieb 1999 auf der Durchreise in Dortmund hängen. „Meine Schwester Edyta lebte damals schon bei ihrem Frank in Brackel, gemeinsam wollten wir nach Holland.“

Was eigentlich ein Zwischenstopp werden sollte, wurde in nun fast 20 Jahren ihre Heimat. „Ich konnte damals kein Wort Deutsch, habe mich in Dortmund aber gleich in meinen späteren Partner verliebt.“ Sie heuerte im Café Berensmann in Körne an, im Service. Aus dem Berensmann wurde das Bistro Royal. Renata blieb, übernahm den Laden selbst für drei Jahre. „Anschließend habe ich sechs Jahre im Perpendikel am Heiligen Weg gearbeitet, später im Körner Stübchen.“ 2016 dann die eigene Kneipe, eben „Renatas La Vida“.

„Ein Pils?“ – „Wie immer!“

Es ist einer dieser schönen, warmen Nachmittage im Oktober. Renata hat gerade geöffnet, an der Biertischgarnitur findet sich der erste Stammtisch ein. „Jürgen, ein Pils?“ - „Wie immer.“ Renata huscht ins Innere, stellt sich an den Zapfhahn. Von außen sieht ihr Lokal immer ein wenig dunkel aus. Drinnen blickt der Gast auf warme Farben und liebevoll ausgewählte Dekoration. Der beeindruckende Bass von Soulsänger Barry White klingt dezent aus den Boxen, „Just the way you are“. „Ich liebe Soulmusik“, sagt Renata. „Hier läuft den ganzen Tag Internetradio.“ Mit Schlager kann sie nichts anfangen. „Zu laut. Die Leute kommen doch hierher, um sich zu unterhalten.“

Wie würde sie selbst ihre Gäste beschreiben? „Das sind liebe Menschen mit Herz.“ Sie kämen, um zu knobeln und Karten zu spielen, um miteinander zu sprechen. Und natürlich… um ein Pils zu trinken. Bei Renata gibt’s noch Stößchen, das Kleine kostet ebenso wie das 0,2er Glas einen Euro und 50 Cent. Wer Hunger hat, dem schmiert sie ein Brötchen mit Mett und ordentlich Zwiebeln drauf.

Auf ein Stößchen in die letzte Kneipe auf der Kaiserstraße

Renata Lüttecke aus Posen ist seit 18 Jahren für viele Kneipengänger in der City und im Dortmunder Osten ein bekanntes Gesicht. © Dieter Jaeschke

Psychologin, Krankenschwester und Vertrauensperson

Renata führt ihr Lokal allein, erledigt alles von den Einkäufen über die Buchführung bis zum Thekendienst. Nur eine Aushilfe steht ihr dann und wann zur Seite. „Und nebenbei bin ich ja auch noch Psychologin, Krankenschwester und Vertrauensperson“, schmunzelt sie. Renata ist halt wie die gute alte Wirtin, der die Stahlkocher in der „Kneipe anne Ecke“ ihr Herz ausgeschüttet haben, auch wenn sie diesem Klischee nun wirklich nicht entspricht.

Lange Wimpern zieren ihr Gesicht, der Lippenstift ist perfekt mit den lachsfarben lackierten Fingernägeln abgestimmt. Renata trägt Designerklamotten statt Kittelschürze, stets umweht sie ein Hauch von „Paco Rabanne“. „Cleopatra“, nennen sie manche wegen ihrer beeindruckenden Erscheinung. Einige ziehen sie dann auf und fragen: „Renata, wie lange hasse wieder am Spiegel gestanden?“ Da verdreht sie die Augen und sagt: „Es gibt Männer, die länger vor dem Spiegel stehen. In zwei Stunden bin ich morgens mit allem fertig: Frühstück, Kaffee, Morgentoilette, Telefonate.“

Der Traum von Kuba und Jamaika

Ihre Gäste lieben sie dafür. „Renata liest uns jeden Wunsch von den Augen ab“, sagt Rentner Jürgen Baumeister (68). „Das ist hier zum Glück noch ‘ne echte Kneipe, hier kommt der Schlosser genauso hin wie der Notar im Ruhestand. Und wenn hier Weihnachten einer sagt, er braucht Kekse, dann bringt sie ihm am nächsten Tag einer frisch gebacken mit.“ Auch Heinz Schulte kommt immer gern bei Renata vorbei. „Das Lokal zählt zu den ganz, ganz wenigen Resten der Dortmunder Kneipenkultur“, sagt der 64-Jährige, der im Viertel ganz in der Nähe wohnt. Und der mit 88 Jahren Älteste am Tisch sagt: „Renata ist charmant und korrekt, sie strahlt eine besondere Atmosphäre aus.“

Langsam wird es Abend, das Geschehen verlagert sich ins Innere des Schankraums. Fröhliches Geschnatter herrscht zwischen der Theke und den wenigen Tischen, Renata zapft hier und bleibt dort für ein Pläuschchen stehen. Welche Träume hat sie, die sie so vielen Menschen Geborgenheit schenkt? „Einmal Kuba und Jamaika bereisen, ich liebe die Karibik“, sagt Renata. Daher auch der spanische Name für ihr Lokal. Sie liebt eben das Leben, tanzt gern, Merengue und Bachata. „Wenn du glücklich sein willst, dann sei es“, hängt als Lebensmotto in der Kneipe. Für manche reicht dafür ein Pils mit Mettbrötchen. Erst, als Teddy Pendergrass seinen 79-er Hit „Turn off the lights“ fertig gesungen hat, dreht sie den Zapfhahn ab. Irgendwann in der Nacht.

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