Steigende Ladendiebstahlszahlen und Umsatzverluste im Handel: In einem Brief an Dortmunds Oberbürgermeister fordert ein Filial-Chef bessere Geschäftsbedingungen ein. Es gibt Widerspruch.

Dortmund

, 09.10.2018, 03:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

Abgetrennte Etiketten, Diebstahl-Sicherungen aus Plastik – die Kiste im Büroschrank von Ansons-Geschäftsführer Björn-Daniel Solbach ist zur Hälfte gefüllt. Eingesammelt von Reinigungskräften und dem Sicherheitspersonal seit Anfang des Jahres.

Beim Herrenausstatter am Westenhellweg gehen täglich nicht nur Designerlabels und Trendmarken über den Tisch. Auch Diebstähle gehören für den Geschäftsführer zum Alltag: 106 Anzeigen hat er in diesem Jahr geschrieben. Deutlich mehr als im Jahr zuvor.

Mehr Ladendiebstähle in der Innenstadt

Die Diebstahlszahlen steigen nicht allein bei Ansons, sondern im gesamten Bereich der Polizeiwache Innenstadt – gegen den stadtweiten Trend. Polizeisprecherin Cornelia Weigandt: „Zwischen Januar und September 2018 gibt es in der Innenstadt beim Ladendiebstahl einen Zuwachs um 16,31 Prozent.“ Im gleichen Zeitraum zählte die Polizei im Vorjahr insgesamt 1704 Fälle, also 278 weniger. In der Nordstadt ist die Fallzahl zwischen Januar und September 2018 im Vergleich zum Vorjahr dagegen um satte 40,95 Prozent auf 698 Fälle gesunken. Stadtweit gehen die Zahlen ebenfalls zurück.

Solbach sagt, wenn er mit offenen Augen durch die Innenstadt geht, sehe er noch viel mehr, was ihm Kopfzerbrechen bereite. Da sind zum Beispiel die Bettler. Auf der 470 Meter langen Strecke zwischen Ansons und P & C hat er an einem Vormittag neun Bettler angetroffen. Und vermutet, dass zumindest einige von ihnen organisierte Bettler sind.

Welches Stadtbild wollen wir?

„Ist das das Stadtbild, das wir möchten?“, fragt der Geschäftsführer. Und sagt deutlich: „Wir müssen diskutieren, wie wir Dortmund, gemessen an den angrenzenden Städten, attraktiver gestalten können.“ Damit die kaufkräftigen Kunden nicht abwandern. Unterm Strich spürten die Einzelhändler bereits Frequenzeinbrüche, die zu Umsatzverlusten und mehreren Schließungen beigetragen hätten, so Solbach. Er nennt alteingesessene Geschäfte wie Pohland, Footlocker und Boecker.

Für Ansons hat Solbach schon in Köln, Düsseldorf und Essen gearbeitet. „Andere Städte kriegen es doch auch hin“, sagt er. Ein Paradebeispiel sei Münster: Gepflegt, strukturiert, sauber. Auch der Ruhrpark in Bochum könne damit punkten. Dortmund müsse endlich handeln. „Man schaut in meinen Augen nur zu“, kritisiert Solbach.

Der Oberbürgermeister widerspricht

An Oberbürgermeister Ullrich Sierau hat er einen Brief geschrieben. Darin spricht er das Betteln, Leerstände, Farbschmierereien und den Zustand des Pflasters auf dem Westenhellweg an. Ullrich Sierau antwortete ihm auf drei Seiten. „In einigen Punkten“ könne er die Kritik nachvollziehen, doch an Attraktivität mangele es in Dortmund nicht. Er nennt Bauprojekte wie das Konzerthaus, das DFB-Museum, die Thier-Galerie und den bevorstehenden Umbau der Kampstraße zu einem Boulevard. Feste Termine wie das eBike-Festival, Dortbunt oder die Cityring-Konzerte listete er exemplarisch auf. „Das finden Sie in dieser Bandbreite anderswo nicht, auch nicht in Münster“, kontert Sierau die Kritik.

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Er verweist auf die täglichen Schichtdienste der Entsorgung Dortmund GmbH und auf die Einsätze von Polizei und Ordnungsamt auch gegen „aggressives Betteln“. Das „stille Betteln“ jedoch müsse eine Großstadt akzeptieren, hätten schon Richter entschieden. Dortmund gehe nicht nur repressiv gegen Bettler vor, sondern biete in Not geratenen Menschen auch „umfangreich“ Hilfe an.

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Der obere Westenhellweg in Dortmund

Ein Modehaus-Geschäftsführer übt Kritik an den Zuständen in der Dortmunder Innenstadt.
08.10.2018
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Dei Ladenlokale stehen in diesem Gebäude am oberen Westenhellweg leer. Die Fassade im Erdgeschoss wirkt schmuddelig.© Peter Bandermann
Schlechte Werbung für eine Fußgängerzone: Ein leer stehendes Ladenlokal am oberen Westenhellweg.© Peter Bandermann
Blick auf den Westenhellweg in Dortmund.
In die Jahre gekommen: Versifftes Pflaster schon nach wenigen Metern in der Fußgängerzone.© Peter Bandermann
Pflasterschäden am laufenden Meter: Steine sacken ab oder sind gerissen.© Peter Bandermann

Ausschließlich für die Innenstadt sei eine Drei-Mann-Kolonne im Einsatz, um Schäden am Straßenpflaster zu beseitigen. Auf den 300 Metern am oberen Westenhellweg ist das Pflaster allerdings in einem schlechten Zustand. Schäden gibt es am laufenden Meter. Steine sind gerissen, abgesackt und versifft. Nahezu überall sind die Reste von ausgespuckten Kaugummis zu sehen. Dreck, verursacht von City-Besuchern.

Ansons-Geschäftsführer fordert besseres Umfeld für den Dortmunder Einzelhandel

Sebastian Kimm ist Inhaber des Reformhauses am oberen Westenhellweg. Er wünscht sich mehr Inhaber, die Wert auf Qualität setzen.´Immobilienbesitzer hätten es schwer, geeignete Pächter zu finden oder würden zu hohe Mieten fordern. © Peter Bandermann

Aktuell stehen in dem Bereich über einen langen Zeitraum vier Ladenlokale leer. „Wir brauchen mehr von Inhabern geführte Geschäfte, die Wert auf Qualität legen“, sagt Reformhaus-Inhaber Sebastian Kimm. Für die Immobilienbesitzer sei es aber schwer, solche Mieter zu finden. Nicht alle Eigentümer kümmern sich allerdings um Farbschmierereien, Aufkleber und eingeschlagene Scheiben. In solchen Fällen ist die Stadt machtlos, da sie nicht über fremdes Eigentum verfügen kann. An eigenen Immobilien und Anlagen hat sie im ersten Halbjahr 2018 stadtweit 60.000 Euro ausgegeben, um Aufkleber und Farbschmierereien zu beseitigen.

Björn-Daniel Solbach wünscht sich mehr Rückzugsorte und Grünflächen in der Innenstadt für eine angenehmere Atmosphäre, eine stärkere Präsenz des Ordnungsamtes und eine engere Zusammenarbeit zwischen der Stadt und den Einzelhändlern.

Cityring: Händler sollen mitreden

Der Cityring-Vorsitzende Dirk Rutenhofer sagte, dass alle von Solbach angesprochenen Themen sehr wichtig und längst besprochen worden seien. Der Dortmunder Einzelhandel arbeite in der Cityrunde mit der Verwaltung so eng zusammen wie in keiner anderen Stadt. Dirk Rutenhofer erwartet wichtige Impulse vom noch nicht verabschiedeten „Masterplan Sicherheit“.

Der Oberbürgermeister habe jetzt zusätzlich die City-Plätze auf der Karte. Von großen Häusern wie Ansons wünscht sich Rutenhofer, dass sie der Einzelhändler-Gemeinschaft Cityring beitreten und so ihrer Stimme mehr Gewicht verleihen, wenn sie eine intensivere Zusammenarbeit wünschen.

Der Dortmunder Cityring ist seit vielen Jahren ein Initiativkreis für eine attraktive Innenstadt.
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