Als Pflegekraft hat er Menschen mit Suchtproblemen betreut. Bis er selbst Alkoholiker wurde. Am Ende wollte er selbst gar nicht mehr aufwachen. Das ist seine Geschichte.

Dortmund

, 16.01.2020, 06:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mitten in der Nacht stand Martin Neuhaus (Name geändert) im dunklen Schlafzimmer seiner Eltern. Völlig aufgelöst weckte er sie auf, um 3 Uhr früh. Eine halbe Flasche Wodka hatte er intus, das war nicht einmal ungewöhnlich, aber in dieser Nacht musste alles raus.

Zwölf Jahre lang hat der heute 33-jährige Dortmunder als Pflegekraft gearbeitet. Bis zu der Nacht, als er zu seinen Eltern ging. Bis ihm bewusst wurde, dass er über die Jahre Alkoholiker geworden war. Druck und Stress auf der Arbeit führten dazu, dass er nach Feierabend bis zu zwei Liter Wodka getrunken hat. Er sagt: „An meinem Tiefpunkt habe ich mir gewünscht: Du säufst dir jetzt einen und wachst morgen nicht mehr auf.“

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Schlafstörungen, Tinnitus, Hörsturz. Neuhaus war schon häufiger beim Arzt, bevor ihm bewusst wurde, wie sehr die Arbeit seine Gesundheit beeinflusst hat. In den vergangenen zwölf Jahren hat er bei fünf verschiedenen Trägern Menschen mit körperlichen und geistigen Krankheiten oder Behinderungen versorgt.

„Die Arbeit mit den Patienten hat mir sehr lange Spaß gemacht“, betont der Dortmunder: „Das war meine Berufung.“ Es sei aber keine Seltenheit gewesen, 22 Patienten alleine zu versorgen, wo eine Mindestzahl von drei Mitarbeitern vorgeschrieben war. Vor 15 Jahren seien auf derselben Station noch fünf Fachkräfte vorgesehen gewesen.

„Ich hab ja nur Pflege gelernt“

„Ich habe immer den Job in der Hoffnung gewechselt, dass sich etwas verändert“, sagt Neuhaus. Es war zwar manchmal anders, aber nicht mit weniger Druck. Warum er sich nicht etwas ganz anderes gesucht hat? „Ich hab ja nur Pflege gemacht“, sagt er: „Ich hab nur das gelernt und mich nur da umgeguckt.“

Die Verantwortung für Menschenleben gehörte schon immer zum Job: „Wenn ich einen Fehler mit Medikamenten gemacht hätte, hätten Patienten sterben können“, sagt Neuhaus. Verantwortung aber in Rahmenbedingungen, die kaum Zeit lassen, sich mit einer Sache sorgfältig zu beschäftigen. Während er die Medikamente sortierte, standen Patienten mit ihren Anliegen im Türrahmen und redeten auf den überlasteten Pfleger ein.

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Die Gedanken an den nächsten Einsatz hat der junge Mann einfach betäubt. Mit jeder Menge Alkohol. „Ich hatte den ehernen Grundsatz, nicht zu trinken während ich gearbeitet habe. Dafür, wenn ich frei hatte, umso heftiger.“ Fast zehn Jahre lang. Zum Ende hin habe sich sein Körper so daran gewöhnt, dass er fast zwei Liter Wodka trank und nach einem Liter Wasser am nächsten Morgen kaum einen Kater bekam.

Martin Neuhaus ist wichtig: Die Arbeit habe ihn nicht zum Alkoholiker gemacht. „Das ist ein Satz, den ich von Patienten kenne, die die Schuld wegschieben“, sagt er. Der Stress habe aber dazu beigetragen, Alkohol als vermeintliches Hilfsmittel im Alltag zu missbrauchen.

„Ich schaffe das nicht mehr“

Ansprechen konnte der Pfleger sein Problem erst, als er fast unter der Last zusammengebrochen wäre. „Als ich noch einen weiteren Patienten mehr bekommen sollte, ging gar nichts mehr. Ich hab gesagt, ich schaffe das nicht mehr.“

„Dann hab ich meine Eltern nachts um 3 Uhr aus dem Bett gescheucht“, sagt Neuhaus eineinhalb Jahre nach der schwierigsten und vielleicht wichtigsten Nacht seines Lebens: „Und ich hab denen alles gestanden. Am nächsten Tag hat mein Vater mit mir Entgiftung und Reha eingestielt.“

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Der Pfleger wurde selbst zum Gepflegten - und er traf auf Gleichgesinnte. Drei von etwa 20 Neuankömmlingen in der Sucht-Therapie seien Pflegekräfte gewesen. Martin Neuhaus ärgert sich rückblickend sehr über sich selbst: „Ich habe im Psychose-Sucht-Bereich gearbeitet. Ich wusste es besser.“

Doch zur Mechanik einer Sucht gehöre eben, dass man sie selbst nicht wahrhaben will. „Sich das einzugestehen ist ein Stück weit sehr erniedrigend“, sagt Neuhaus: „Aber auch befreiend.“

Geschönte Zahlen fürs Finanzamt

Doch wie kann man das kranke System Pflege heilen? Martin Neuhaus meint: „Die Entwicklung ist viel zu spät ins öffentliche Bewusstsein gerückt worden.“ Auch als es den gesetzlichen Mindestlohn schon gab, habe der Pfleger trotzdem weniger verdient.

Fürs Finanzamt seien die Zahlen geschönt worden. Neuhaus rechnet vereinfacht vor: „Auf der Abrechnung steht zum Beispiel, ich habe 120 Stunden zu je 20 Euro gearbeitet. Tatsächlich waren es aber 240 Stunden für 10 Euro.“

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„Es würde viel helfen, eine Personalschlüssel-Personalkosten-Bindung einzuführen“, meint Neuhaus. Die Träger müssten von den Landschaftsverbänden zweckgebunden Geld bekommen, das sie nur für ihr Personal verwenden dürfen. Ohne diese Bindung sei es den Trägern besser möglich, durch Einsparung und Optimierung mit der Pflege Geld zu verdienen.

Nach seiner Anti-Alkohol-Reha hat der 33-Jährige die Pflegebranche verlassen, ist jetzt im Kundenservice eines großen Unternehmens angestellt. Knapp ein Jahr lang hat es gedauert, dass er einigermaßen frei über seine Leidenszeit sprechen konnte.

„Das System Pflege macht Mitarbeiter krank“, sagt Martin Neuhaus: „Es sorgt dafür, dass Pflegefachkräfte zu Patienten werden.“ Er wisse auch von mehreren Kollegen, die sich auf der Arbeit am Medikamentenschrank bedienen. Angeschwärzt werde aber niemand, weil man im Team zusammenhalte und nicht will, dass der Kollege rausgeschmissen wird. Wer weiß, ob die Stelle neu besetzt wird.

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