Ärzteverband plädiert für Lockerung - so reagieren Dortmunder Ärzte

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Die Kassenärztliche Bundesvereinigung plädiert für eine nächste Lockerung der Corona-Regeln in Deutschland. Wie sehen das Dortmunder Ärzte? Und wie schätzen sie die Lage in Dortmund ein?

Dortmund

, 12.09.2020, 08:35 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) plädiert für eine weitere Lockerung der Corona-Regeln in Deutschland. „Man kann den Panikmodus ausschalten“, sagte der KBV-Vorsitzende Andreas Gassen am Freitag in einem Magazin-Interview mit Blick auf das aktuelle Infektionsgeschehen.

Es gebe derzeit keine explosionsartigen Corona-Hotspots, die Intensivstationen hätten erhebliche freie Kapazitäten und die Zahl der Intensivpatienten und Sterbefälle sei weiterhin auf niedrigem Niveau, so Gassen.

Das sei Anlass, die Corona-Maßnahmen zu überdenken, ohne leichtsinnig zu werden. Konkret sprach er sich für die Lockerung der Auflagen von Veranstaltungen aus. Entscheidend sei dabei nur, Nadelöhre mit engen Kontakten zu vermeiden, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren.

Keine schweren Verläufe

Richte man allein den Blick auf die Patientengruppe, die sich derzeit am häufigsten infiziere, könne man die Regeln lockern, sagt Dr. Prosper Rodewyk, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. In seiner internistische Gemeinschaftspraxis in Hörde sind es in den letzten zwei, drei Monaten vor allem die 20- bis Mitte 30-Jährigen, die positiv getestet werden. „Das ist die Klientel, die sich täglich vorstellt zum Abstrich.“

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Diese positiv getesteten Patienten, so Rodewyk weiter, hätten nur etwas Husten und Schnupfen, seien aber nicht krank: „Die schweren Verläufe sehen wir zurzeit nicht.“ Das wiederum liege möglicherweise auch daran, dass die Älteren schlauer seien. Sie säßen nach seinem Eindruck nicht in großen Gruppen auf engem Raum und ohne Maske zusammen, sagte der Mediziner.

Die Durchseuchung bei jungen Leuten verlaufe nicht so schlimm, „doch in Altenheimen und Krankenhäusern ist höchste Alarmstufe, da müssen wir weiter bei den Corona-Regeln bleiben, sonst haben wir ein echtes Problem“, mahnt Rodewyk.

Umsatz für Erkältungsarznei drastisch gesunken

Ein Problem sieht er auch für die Herbst-Winter-Saison und denkt dabei an die Versorgungssituation in den Arztpraxen. Im Vergleich zu den Vorjahren sei in den letzten zehn Wochen nur ein Fünftel der Patienten mit einer normalen Erkältungsdiagnose in die Praxen gekommen.

„Der Umsatz der Erkältungsmedikamente ist um 70 bis 80 Prozent gesunken.“ Doch im Winter stünden Patienten mit Erkältungssymptomen draußen vor der Tür in der Kälte und warteten auf den Abstrich im Infektionssprechzimmer.

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Rodewyk plädiert weiter für „Händewaschen, Desinfizieren, Abstand halten, Maske tragen. Es wäre super, wenn wir das über den Winter halten, bis wir die Impfung haben.“ Der Mediziner meint, man solle es so weiterlaufen lassen, wie es läuft. „Wir machen es gut.“

Weiter Vorsicht vor Ansteckung geboten

Ähnlich sieht es auch Dr. Bernhard Schaaf, Klinikdirektor und unter anderem Facharzt für innere Medizin und Pneumologie am Dortmunder Klinikum. Auch wenn sich zurzeit im Wesentlichen junge Leute ansteckten und nur wenige im Krankenhaus lägen – am Freitag (11.9.) waren es sechs in Dortmund – sei das kein logisches Argument für Lockerungen. „Man muss nur genug über 40-Jährige anstecken, dann hat man welche im Krankenhaus.“

Schüler und Studenten könnten auch ihre Eltern anstecken, gibt Schaaf zu bedenken. Auch untereinander sollten sich die jungen Leute nicht infizieren und Abstand halten, wenn sie sich treffen. „Ich glaube, man muss wirklich weiter darauf achten, dass man sich nicht ansteckt.“ Die Quarantäne sei anstrengend und unangenehm.

Größere Veranstaltungen wie Konzerte oder Fußballspiele kann sich Schaaf vorstellen, allerdings nur mit klaren Hygiene-Konzepten, die eine Ansteckung verhindern. „Ich habe Vertrauen in die Wissenschaftler, die so etwas entwickeln.“

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