Abkühlung in der Kältekammer bei minus 85 Grad soll schmerzfrei und schön machen

dzKälte-Therapie in Hörde

Abkühlung gefällig? Bei -85 Grad ist die Sommerhitze schnell vergessen. Bis zu dreistellige Minusgrade sind in der Kältekammer möglich. Jetzt gibt es die Extremkälte in Hörde im Abo.

Dortmund

, 08.08.2018, 18:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Robin Mayler (30) war ein Jahr alt, als das Rheuma plötzlich die Herrschaft über sein Leben übernahm. An Laufenlernen war nicht mehr zu denken, viele Operationen, quälende Zeiten im Gipsbett und ständige Physiotherapie bestimmten seine Jugend. In einer Reha-Klinik kam er als Kind zum ersten Mal in Kontakt mit einer Kältekammer und empfand sie als Segen. Jetzt machte der Unternehmer aus Meschede im Sauerland diese Erfahrung zur Geschäftsidee.

Am Phoenix-See eröffnete er die erste Kältekammer Dortmunds.

Minus 85 bis minus 110 Grad - für die meisten Lebewesen sind das tödliche Temperaturen. In geringer Dosierung aber kann die extreme Kälte positiv auf den menschlichen Organismus wirken. Deshalb gibt es an Reha- und Rheumakliniken schon länger und zunehmend auch in Leistungssportzentren und Sportstudios Kältekammern. Die Ganzkörper-Kältetherapie dient der Regeneration und Leistungssteigerung, Linderung von Schmerzen und Beschwerden oder wird als Beautymittel, zur Gewichtsreduktion oder auch zum Stressabbau genutzt.

Erst frieren, dann trainieren - oder umgekehrt

Robin Mayler verbindet mit seinem Studio Vitaluxe das eisige Erlebnis mit EMS-Training, Muskelaufbau mithilfe elektrischer Stimulation. „Wir sind die Einzigen in ganz Deutschland, die diese Kombination anbieten“, sagt Mayler. Er ist überzeugt, dass sich beides ideal ergänzt. Die Bereiche lassen sich aber auch einzeln buchen.

Stammkunden in der Kältekammer am See sind Menschen mit Erkrankungen wie Rheuma, Polyarthritis, Multiple Sklerose oder Fibromyalgie. Die dreiminütigen Ausflüge in die Eiskammer mit ihrer extrem trockenen Kälte sollen ihre Schmerzen lindern, die Entzündungen hemmen und dadurch Beweglichkeit und Mobilität verbessern. Viele nutzen den Effekt, um zu trainieren oder auch nur einmal um den See zu gehen, was sie sonst nicht könnten.

Therapieform ist in Reha-Kliniken bekannt

„Die Therapie bringt chronisch Kranken und schmerzgeplagten Patienten deutliche Erleichterung“, bestätigt Professor Karl-Heinz Bauer, Chefarzt Chirurgie am Knappschaftskrankenhaus in Brackel. Er hat die Therapieform vor 20 Jahren in einer Reha-Klinik kennengelernt. „Das hat mich sehr beeindruckt.“

Vor allem im Bereich der rheumatischen Erkrankungen helfe die trockene Kälte sehr gut - nicht im Sinne von Heilung, aber Linderung der Beschwerden und Verbesserung der Funktionalität. „Dieser Effekt gilt als gesichert.“

Kälte-Therapie macht Rollator überflüssig

Herbert Schluck leidet unter starkem Gelenkverschleiß. Im Internet stieß er auf die Kältetherapie und besucht nun seit einigen Wochen regelmäßig das Studio am Phoenix-See - anfangs mit Rollator. Jetzt schafft er die Strecke vom Auto zum Rudolf-Platte-Weg ohne Gehhilfe. Alle zwei Tage etwa gönnt er sich die lindernde Abkühlung. „Danach bin ich schmerzfrei“, sagt er. Seine Hände seien auch viel beweglicher geworden.

Seine Frau begleitet ihn in die 1,50 mal 1,50 große Kammer, einfach weil es ihr guttut, wie sie sagt. „Ich freue mich jedes Mal darauf.“ Allgemein gilt das Kältebad als stimmungsaufhellend und nützlich bei Depressionen, Schlaflosigkeit oder Stress.

Frostige Schönheitskur

Manche versprechen sich auch einen Anti-Aging-Effekt, positive Wirkung auf Cellulite, Falten, Hautunreinheiten oder ihr Gewicht. Denn Kälte zehrt: Bis zu 1000 Kilokalorien verbrennt der Körper in der Eiskammer, um die Körpertemperatur aufrechtzuerhalten. Vitaluxe ist eben nicht nur für Kranke gedacht, auch wenn das Rheuma Robin Mayler zu der außergewöhnlichen Geschäftsidee gebracht hat.

Der 30-Jährige kämpft sein ganzes Leben mit der Erkrankung und den Folgen wie Gelenkdeformationen, Schmerzen, Schüben. Er verbrachte Jahre in Krankenhäusern, Monate davon nach wiederholten Hüftoperationen im Gipsbett.

Ohne ständiges professionelles Training säße er im Rollstuhl, ist er sicher. Dank Kältetherapie und EMS-Training könne er sich nun schmerzfrei und ohne Krücken bewegen. „Das Rheuma steckt noch in den Gelenken“, sagt er. „Aber ich habe keine Schübe.“

Effekt wie beim Bungee-Sprung

Robin Mayler besann sich bei der Suche nach geeigneten Trainingsformen für die schwierigen Bedingungen, die das Rheuma und die vielen Operationen an seinem Körper hinterlassen haben, auf seine Erfahrungen mit der Kältetherapie in einer Reha-Klinik in Sendenhorst und informierte sich. „Ich war entsetzt, wie unbekannt Kältekammern sind, es gibt sie fast nur in Reha-Zentren.“

Um in der extremen Kälte zu überleben, hilft sich der Körper mit der Ausschüttung von Hormonen, „wie bei einem Bungee-Sprung“, so Mayler. Schmerzsensoren werden blockiert, Glücksgefühle freigesetzt. Bei allem positiven Effekt: Wunder könne die Kältekur nicht vollbringen. Aber Schmerzpatienten könnten Medikamente reduzieren oder sogar absetzen. Vielen bescherten die drei Minuten einfach mehr Lebensqualität. Der Effekt hält etwa einen Tag an.

BVB-Stars nutzen die Kälte-Therapie

Den Standort Phoenix-See hat Robin Mayler gezielt gewählt. „Ich wollte dorthin, wo die BVB-Fußballer wohnen.“ Mario Götze gehört zu den Kunden der ersten Stunde.

Im Leistungssport ist die Kältekur schon lange bekannt. Prof. Sandra Ückert vom Deutschen Roten Kreuz in Münster, Leiterin des Bildungsinstituts, hat mehrere wissenschaftliche Bücher über das Thema geschrieben. „Kältekammern optimieren in erster Linie die Regeneration nach einer sportlichen Betätigung – ganz im Gegensatz zu der fälschlichen Annahme, dass Wärme – zum Beispiel in der Sauna – leistungsförderlich sei“, sagt die ehemalige Dozentin am Institut für Sportwissenschaften der TU Dortmund.

„Auch bei korrekter Anwendung vor einer sportlichen Belastung erhöht das Precooling die sportliche Leistungsfähigkeit, insbesondere vor Ausdauerbelastungen, wie Laufen, Radfahren und Fußball.“ Sandra Ückerts Untersuchungen beziehen sich allerdings auf Kältekammern mit mindestens minus 110 Grad Celsius. Für „wärmere“ Kammern seien die Effekte nicht nachgewiesen.

Schnellere Regeneration und Leistungsverbesserung nachgewiesen

Die hoch konzentrierte Kälte erhöhe einerseits die Wärmeabgabe zur Regulierung der Körperkerntemperatur, aber auch durch die Vasokonstriktion, also das Zusammenziehen der Gefäße. Die Durchblutung des Körperkerns steigt und somit auch die der Muskulatur. „Sie werde dadurch besser mit Sauerstoff versorgt und Stoffwechselendprodukte können schneller aus der Muskulatur transportiert werden“, erklärt Sandra Ückert. Der Effekt: Schnellere Regeneration und Leistungsverbesserung. „Das ist ein vielfach nachgewiesener und evidenzbasierter Effekt. Viele Jahre ist man von einer positiven Wirkung des Erwärmens ausgegangen – das ist mittlerweile paradox.“

Schmerzpatienten können profitieren

Profitieren könne jeder gesunde Sporttreibende, sagt die Wissenschaftlerin. „Menschen mit entzündlichen Erkrankungen wie Rheuma, Arthrose oder Morbus Bechterew und auch Schmerzpatienten profitieren insbesondere – hier findet die Kältetherapie auch ihren Ursprung.“ Trotz allem rät sie bei akuten Erkrankungen zu einer ärztlichen Voruntersuchung.

Chefarzt Professor Karl-Heinz Bauer rät generell vor dem ersten Ausflug in die Extremkälte zu einem Arztbesuch. Bei Herz-Kreislauf-, Gefäß- und neurologischen Erkrankungen sowie Diabetes sei die Kältetherapie ausgeschlossen.

Bauer, der auch Mannschaftsarzt des VfL Bochum ist, schätzt ebenfalls die nachgewiesene positive Wirkung im Sport. Es sei aber fraglich, ob ein Amateursportler das wirklich brauche.

Schönheit, die aus der Kälte kommt

Die dritte Säule der Kältetherapie, Beauty, Anti-Aging und Gewichtsverlust, sollte niemand überschätzen. Nach einem einzelnen Besuch komme niemand sichtbar schöner aus der Kältekammer heraus.

Wenn diejenigen sich aber besser und attraktiver fühlen, sei das ja auch ein Gewinn. Seine eigene Erfahrung: „Man verlässt die Kammer tatsächlich mit einem Lächeln und einem guten Gefühl. Wahrscheinlich, weil man überlebt hat.“

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