72.000 Dortmunder ab 18 Jahren sind überschuldet - das sind die Gründe

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Die Zahl ist erschreckend: Jeder siebte Dortmunder hat so viele Schulden, dass er sie nicht mehr abzahlen kann. Die Zahl ist seit Jahren hoch - und die Fälle werden immer komplizierter.

Dortmund

, 11.10.2019, 11:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Dortmund ist eine Hochburg überschuldeter Menschen. Das heißt, sie haben so viele Schulden angehäuft, dass sie diese aus ihrem Vermögen oder mit Einkünften nicht mehr abbauen können. Nach dieser Definition sind 72.000 Menschen in Dortmund überschuldet. Das sind 14,4 Prozent der volljährigen Bevölkerung. Und das weitgehend konstant seit vielen Jahren – sogar mit leichter Tendenz nach oben.

Die Schuldnerquote kommt von der „Creditreform Wirtschaftsforschung“ mit Sitz am Phoenix-See in Hörde, die sie regelmäßig für den deutschen Schuldneratlas erhebt. Mit seiner Schuldnerquote liegt Dortmund stets über dem Bundes- und Landesdurchschnitt.

Prekäre Bedingungen

Ein häufiger Grund für Schulden gerade in Dortmund seien Niedriglöhne und die prekären Arbeitsverhältnisse, die kein existenzsicherndes Einkommen ermöglichten, so Uta Petzolt.

Sie macht Schuldner- und Insolvenzberatung bei der Verbraucherzentrale Dortmund, eine von vier gemeinnützigen Schuldnerberatungsstellen in der Stadt: „Manche haben zwei, drei Jobs und verdienen trotzdem nicht mehr als 1200 bis 1400 Euro. Das ist teilweise eine Katastrophe.“

Aber: Überschuldung kann jeden treffen – sagen Uta Petzolt und ihre Kollegin Annette von Hadel. Auslöser für Überschuldung sind oft Arbeitslosigkeit, Trennung, Tod eines Partners, Krankheit oder Unfall oder gescheiterte Selbstständigkeit.

Trotz zwei bis drei Jobs reicht es nicht

Mehr als 6900 Betroffenen haben die Verbraucherberater in Dortmund in den vergangenen 20 Jahren einen Ausweg aus dem Schuldenkarussell gezeigt, davon 2505 über ein Privatinsolvenzverfahren. Das sind 17 Prozent der gesamten Anträge für Insolvenzverfahren in NRW.

Mit der neuen Insolvenzverordnung hatte der Gesetzgeber 1999 erstmals auch für Privatleute die Chance auf einen finanziellen Neuanfang eröffnet. Bedeutete Überschuldung früher ein lebenslängliches Dasein am Existenzminimum, eröffnet das sechsjährige Privatinsolvenzverfahren die Aussicht, am Ende auch von den Restschulden befreit zu werden.

72.000 Dortmunder ab 18 Jahren sind überschuldet - das sind die Gründe

Annette von Hadel (l.) und Uta Petzolt sind Schuldner- und Insolvenzberaterinnen bei der Verbraucherberatung in Dortmund. © Gaby Kolle

Doch die Arbeit der Insolvenzberaterinnen hat sich in den vergangenen 20 Jahren deutlich verändert. Die Verfahren sind komplexer geworden.

Hatten Uta Petzolt und Annette von Hadel es früher mit einigen wenigen Gläubigern pro Fall zu tun – meist überhöhte Konsumkredite und überzogene Dispos –, sind es heute im Schnitt 15 bis 20, manchmal sogar 50 bis 70, ausgelöst durch verlockende Angebote im Internet.

Oft sei es „ein Wust an Kleinstverträgen“, die die Fallakten füllen – Kredite für ein neues Handy, Fernseher, Möbel, Computer und mehr.

Betroffene kommen meist zu spät

Eine weitere Erfahrung der Insolvenzberaterinnen aus den letzen 20 Jahren: „Die Menschen kommen definitiv immer zu spät.“ Meist aus falscher Scham. Lieber richte man sich auf ein Leben mit Schulden ein, statt Probleme gezielt anzugehen.

Drei bis sechs Monate dauert die Beratung, in der die Überschuldeten lernen, mit dem Wenigen, das ihnen nach einer Pfändung bleibt, hauszuhalten. Aufgrund bröckelnder Familienstrukturen werde Finanzkompetenz oft nicht mehr vorgelebt, so Petzolt.

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Mit den Flüchtlingen und Zugewanderten aus Südosteuropa komme eine weitere Gruppe Ratsuchender hinzu, ergänzt die Dortmunder Sozialdezernentin Birgit Zoerner. Diese Menschen schlössen häufig aus Unkenntnis Verträge ab, ohne über die finanziellen Mittel zu erfügen und ohne zu überblicken, „was das am Ende bedeutet.“

Das Land NRW und die Stadt Dortmund teilen sich die Kosten für die 1,8 Stellen der Schuldner- und Insolvenzberatung bei der Verbraucherberatung. Für die Ratsuchenden ist das kostenlos.

Der Erfolg der Insolvenzverfahren wird dort nicht nachgehalten, doch dass die Arbeit Früchte trägt, davon zeugen Briefe der Betroffenen. In einem heißt es: „Sparen statt Kredit geht wunderbar.“

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