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1200 Euro statt Hartz IV: Wie Umschüler als Fachkräfte dem Handwerk aus der Patsche helfen

dzHandwerk

Dem Handwerk fehlen die Facharbeiter. Geflüchtete und Langzeitarbeitslose helfen der Branche in Dortmund aus der Klemme. Ein Besuch bei Elektro Stadtfeld in Eichlinghofen.

Dortmund

, 09.01.2019 / Lesedauer: 4 min

Bundesweit fehlen dem Handwerk bis zu 250.000 Fachkräfte. Mercedes Cuesta von Elektro Stadtfeld im Dortmunder Stadtteil Eichlinghofen hat dazu eine klare Meinung: „Das Handwerk kann nicht nur darüber klagen, dass Fachkräfte fehlen. Das Handwerk muss auch ausbilden.“ Elektro Stadtfeld bildet aus. Nicht nur Schulabgänger, sondern auch zwei Personengruppen, die bisher auf dem deutschen Arbeitsmarkt kaum eine Chance hatten und mit der nordrhein-westfälischen Gesellschaft „Start NRW“ zu gefragten Fachkräften aufsteigen.

Elf Gesellschafter, darunter das Land NRW, das Handwerk, der DGB, Städte und Wohlfahrts-Organisationen, bilden Geflüchtete und Langzeitarbeitslose zu Fachkräften aus. Das in Duisburg gestartete Projekt verläuft auch in Dortmund erfolgreich. „Es gab bisher keine Abbrüche“, berichtet Jobcenter-Sprecherin Vitalia Seidel. Dafür gibt es einen guten Grund: Start NRW, Jobcenter und Betriebe arbeiten auch beim Thema Geld eng zusammen - die Projektteilnehmer beziehen vom ersten Tag an eine Ausbildungsvergütung, die bei fast 1200 Euro liegt und damit deutlich den Hartz-IV-Satz übersteigt.

Betriebe bieten die unbefristete Übernahme an

Im ersten Durchgang starteten Ende 2017 ausschließlich Geflüchtete. Seit Ende 2018 bildet das Projekt auch Langzeitarbeitslose aus. Obwohl die zumeist zweijährigen Ausbildungen noch nicht beendet sind, haben die Betriebe den angehenden Industrieelektrikern und Metall- und Zerspanungstechnikern unbefristete (ja: unbefristete) Übernahmeangebote vorgelegt.

Start NRW schreibt mit den Umschulungs-Angeboten bei außerordentlich guter Bezahlung eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte. Norbert Maul, bei Start NRW der Leiter für aktive Arbeitsmarktpolitik: „Im Land fehlen die Fachkräfte. Die Suche führt automatisch zu Geflüchteten und Langzeitarbeitslosen, die 30 bis 40 Jahre alt sind. Sie bieten uns ein enorm großes Potenzial.“ Dass Langzeitarbeitslose und Geflüchtete ein „Potenzial bieten“, hören sie eher selten.

1200 Euro statt Hartz IV: Wie Umschüler als Fachkräfte dem Handwerk aus der Patsche helfen

Mercedes Cuesta von Elektro Stadtfeld: "Das Handwerk kann nicht nur darüber klagen, dass Fachkräfte fehlen. Das Handwerk muss auch ausbilden." © Peter Bandermann

Wie der Syrer Zyad Afouf, der vor der Flucht aus seiner Heimat auf Hochspannung spezialisiert war. Die theoretische Prüfung hat er in Dortmund bereits bestanden. Seine Projekt-Partner sind sicher, dass er die Prüfung auch praktisch bestehen wird und als ausgebildeter Industrieelektriker bei Elektro Stadtfeld arbeiten kann. Zyad Afouf ist ein gutes Beispiel für das Projekt: Der fair vergütete Ausbildungsvertrag mit anschließender Übernahme inklusive Tarifvertrag führe auf direktem Wege „raus aus den teuren Hilfesystemen“ und beliefere das Handwerk mit gut ausgebildetem Personal.

200 Vokabeln aus dem Handwerk

Und so geht’s: Acht Wochen lang testet das Projekt die Kandidaten, um deren Potenziale zu entdecken. Bei Geflüchteten sind zusätzlich Sprachkurse mit branchentypischem Vokabular im Pflichtangebot. 200 Vokabeln müssen sitzen.

Während Start NRW den Vollzeit-Arbeitsvertrag finanziell erfüllt, absolvieren die Teilnehmer beim TÜV Nord die Umschulung, um anschließend bei einem Handwerksbetrieb ins Praktikum zu gehen, im Alltag zu lernen und die Übernahme vorzubereiten. „Wir haben damit deutlich weniger Fehlzeiten als in anderen Gruppen“, berichtet Norbert Maul.

Bürokratie schreckt Betriebe ab

Der frühere Leiter eines Jobcenters kann nicht nur loben, sondern auch austeilen: „Die Bürokratie dreht uns die Luft ab“, sagt er über Behördengänge, Ausländerämter und das Aufenthaltsrecht. Ein Betrieb habe „nicht die Zeit und nicht die Nerven“, den großen Bürokratie-Aufwand für diese Umschüler zu schultern. Nur ein Extremfall: Kurz vor dessen Abschlussprüfung habe Deutschland einen talentierten Umschüler abschieben wollen, nachdem viel Geld in seine Ausbildung investiert worden ist.

Der Erfolg hat sich bei Unternehmen und in der Politik inzwischen herumgesprochen. Klaus Führ vom TÜV Nord Bildung: „Inzwischen kommen Anfragen, was wir da machen.“ Heike Bettermann vom Jobcenter in Dortmund erkennt in einem fair bezahlten Ausbildungsvertrag und Übernahmeangeboten einen entscheidenden Vorteil, der da lautet: Motivation. Statt Hartz IV zu beziehen oder Hilfsarbeiten zu verrichten, werden die Teilnehmer vielseitig gefordert. Mit dem Ergebnis, dass sie bei der Stange bleiben.

Nach ersten Erfahrungen mit neun Geflüchteten schreiten jetzt 16 Langzeitarbeitslose durchs Projekt. Sie können Schulden begleichen (häufig ein Problem) und haben ein konkretes Ziel vor Augen: echte Arbeit und echten Lohn. Norbert Maul: „Ist doch klar: Die beste Arbeitslosenversicherung ist ein ordentlicher Beruf. Und warum sollten wir Leute dafür bezahlen, dass sie nicht arbeiten?“ Nach über drei Jahrzehnten in der Arbeitsvermittlung hörte er schließlich bei Start NRW von Teilnehmern ein besonderes Wort. Es heißt „Danke“.

Zuhause stapeln sich die Bücher

Ein Zuckerschlecken ist die Umschulung nicht. Zyaad Afouf: „Es war echt schwer. Die Wände waren voller Vokabeln. Zuhause stapelten sich die Bücher. Der TÜV hat uns allen aber genug Zeit gegeben, den Stoff zu lernen“, sagt der 41-Jährige. Umgeben war der Syrer von anderen Flüchtlingen. Ein Problem hatten alle: Die anfangs mäßigen Deutschkenntnisse mussten sie kräftig ausbauen.

Heike Bettermann vom Jobcenter möchte die positiven Erfahrungen mit Start NRW, TÜV, Ausbildungsbetrieben und Teilnehmern ausbauen. Kooperation gibt es in Dortmund nur mit dem Handwerk. „Im Einzelhandel und bei Pflegeberufen hakt es noch. Eine Ausweitung des Projekts ist denkbar“, sagt die Leiterin für den Bereich „Markt & Integration“ beim Jobcenter.

In ganz Nordrhein-Westfalen hat Start NRW bisher 200.000 Euro für 160 Teilnehmer investiert. Die Gegenleistung dafür ist am Ende ein öffentlich nicht mehr geförderter Arbeitsvertrag in der Wirtschaft. Am 21. Januar 2019 steigt auch der Marokkaner Hicham Skak Garbouj bei Elektro Stadtfeld ins Praktikum ein. Das ist sein zweiter Anlauf, um auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland Fuß zu fassen. In Baden-Württemberg sagt ihm ein früherer Chef: „Das schaffst Du nie.“ Bei Stadtfeld ist er willkommen. Noch einmal Mercedes Cuesta: „Das Handwerk kann nicht nur darüber klagen, dass Fachkräfte fehlen. Das Handwerk muss auch ausbilden.“

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